Sport : Brasiliens Nationalmannschaft: Von Katastrophen und Tragödien

"So dicht vor dem Abgrund stand der brasilianische Fußball noch nie." Der Fernsehkommentator Milton Neves sprach aus, was nach der 0:1-Schlappe in Uruguay wohl alle im Land des viermaligen Weltmeisters dachten. Ronaldo, Brasiliens dauerverletzter Star, kämpfte als TV-Kommentator mit den Tränen und flehte: "Wir dürfen jetzt nur nicht verzweifeln." In Rio de Janeiro herrschte auf den Straßen und Strandpromenaden, in Bars und Kneipen Totenstille. Auch mit neuem Trainer, dem als rettenden Messias wohl voreilig gefeierten Luiz Felipe Scolari, hatte Brasilien die vierte Niederlage in 13 Qualifikationsspielen kassiert. "Das gab es noch nie!", klagte Fußball-Legende Pelé auf seiner Internetseite. Horror-Visionen quälen Brasiliens Fußballfans, die Medien berichten von einer "neuen Katastrophe" und drohenden "nationalen Tragödie". Der entsetzte Reporter eines Radiosenders in Rio de Janeiro forderte die fußballbegeisterte Bevölkerung auf: "Jetzt hilft nur noch beten."

Nach der Niederlage am "schwarzen Sonntag", so die Zeitung "Jornal do Brasil", kämpft Brasilien nun mit seinem Bezwinger Uruguay Schulter an Schulter (beide haben 21 Punkte) um den vierten Tabellenplatz, der gerade noch zur letzten südamerikanische Fahrkarte für das Weltturnier nach Japan und Südkorea berechtigt. Argentinien (32 Punkte), Paraguay (26) und sogar Ekuador (25) scheinen unterdessen uneinholbar.

Die Schlappe von Montevideo, wo Brasilien seit 1976 nicht mehr gewann, war völlig verdient. "Wir hätten auch 0:2 oder 0:3 verlieren können", meinten Neves und andere TV-Journalisten unisono. Vor 80 000 Zuschauern im ausverkauften Estadio Centenario hatte Magallanes die Gastgeber in der 33. Minute per Foulelfmeter in Führung gebracht. Danach stürmte eigentlich nur noch Brasilien. Die besten Chancen - darunter einen Lattenschuss - hatte aber Uruguay.

Die großen Stars der "Selecao" waren dabei Totalausfälle. Bayern Münchens Torjäger Elber konnte keine Akzente setzen und wurde in der 60. Minute gegen Euller ausgewechselt. Die in der Heimat seit langem als "satte Legionäre" beschimpften Rivaldo, Roberto Carlos und Cafu blieben weit unter Normalform. Und auch Altstar Romario (35) wurde von den hart einsteigenden Uruguayern eingeschüchtert.

Brasilien, das bislang noch nie eine WM verpasste, schielt nun angstvoll nach Australien. Der Sieger der Ozeanien-Gruppe wird nämlich Gegner des Fünftplatzierten der Südamerika-Gruppe in zwei Ausscheidungsspielen. "Aber keine Angst, wir qualifizieren uns noch ohne Probleme. Meine Spieler waren nur nach einer langen Saison müde, vor allem die Europa-Legionäre", meinte Neutrainer Scolari. "Brasilien hat die Talfahrt beendet. Sicherlich durchleben wir schwere Zeiten, und die Spieler stehen unter gehörigem Druck. Dennoch werden wir in den verbleibenden fünf Spielen alles klarmachen."

In der Südamerika-Gruppe stehen noch fünf der insgesamt 18 Spieltage an. Das Spiel Uruguay - Brasilien war eine Nachholbegegnung, weil Brasilien vor einigen Wochen wegen der Teilnahme am Konföderationen-Pokal aussetzen musste. Für das nächste Spiel am 15. August gegen die zuletzt stark aufspielenden Paraguayer hoffen nun die brasilianischen Medien auf Ronaldo, der nach der schweren Knieverletzung seit April vergangenen Jahres kein offizielles Spiel mehr bestritten hat. "Ich helfe, wo ich kann", meinte er.

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