Sport : Brav und ungestüm

Helmut Rahn wollte immer nur spielen, spielen, spielen – eine Geschichte aus den WM-Tagen 1954

Jürgen Leinemann

Der wichtigste Klient des Seelenklempners Sepp Herberger bei der Fußball-WM 1954 war Helmut Rahn. Der „Boss“ war ein kraftstrotzender, impulsiver Mann, der nicht leicht zu disziplinieren war. Zumal er am Anfang glaubte, er käme nicht recht zum Zuge. Herberger hatte mit Berni Klodt von Schalke 04 und Helmut Rahn von Rot-Weiß Essen zwei gute Rechtsaußen im Aufgebot, und er entschied sich im ersten WM-Spiel gegen die Türkei für Klodt.

Für den dynamischen und eigenwilligen Helmut Rahn war das eine Demütigung gewesen, die er gerade dadurch bestätigt fand, dass er im nächsten Spiel dabei war – denn das war die Schonelf, die 3:8 gegen Ungarn verlor. Nach diesem Spiel war er restlos sauer. Er habe einen Tapetenwechsel gebraucht, erzählte er seinem späteren Mannschaftskollegen Willi Schulz, sei aus dem Trainingslager geschlichen und habe in einer Bar seinen Kummer heruntergespült. Als es draußen hell wurde, machte er sich mit gemischten Gefühlen auf den Rückweg. Sein Zimmerkumpel Fritz Walter lag wach im Bett und löste Kreuzworträtsel. Rahn: „Ich fühlte, dass Seppl Herberger längst über meinen Ausflug informiert war, und begann, meine Koffer zu packen. Für mich war klar: Der Chef schickt mich sofort nach Hause.“

Und dann kam Herberger, der in der Tat Bescheid wusste, aber partout nichts merken wollte. Er sagte nur: „Junge, bitte fertig machen zum Training.“ Kein Wort über Rahns Alkoholfahne oder über den nächtlichen Spaziergang. Der sonst so sittenstrenge Bundestrainer hatte eine stille Vorliebe für den lustvollen Menschen aus dem Pott, der ihn offenbar an jenen eigenwilligen jungen Spieler erinnerte, der er selbst einmal gewesen war.

Noch wusste Rahn nicht, dass Herberger plante, ihn im Spiel gegen Jugoslawien aufzustellen. Der Gedanke, noch einmal auf der Reservebank sitzen zu müssen, quälte ihn. Herberger amüsierte sich: „Wer den tatendurstigen Boss in einer solchen Stimmung kannte, kann sich leicht ein Bild davon machen, was der Fritz, sein Zimmerkamerad, mit ihm durchmachen musste.“ Schon in der Nacht, die dem Erfolg gegen die Türkei folgte, musste er angefangen haben: „Überraschend früh war Fritz an diesem Tage schon auf den Beinen. Ich merkte, dass er etwas mit sich herumtrug. Dann brach es geradezu aus ihm heraus: ,Herr Herberger’, so fing er an, ,ich halte es mit dem Boss einfach nicht mehr aus. Tag und Nacht kniet er mir auf der Seele. Sag dem Chef, er soll mich aufstellen. Dem Beara habe ich in allen Spielen, die ich gegen ihn gespielt habe, immer mindestens ein Tor reingehauen. Ich ,fetze’ ihm auch diesmal einige rein.’ Der arme Fritz.“

Herberger erinnerte sich: „Nach dem Frühstück ging es wie an allen Tagen nach Thun zum Training. Helmut war dabei wie von der Kette. In seiner lustvollen und kraftstrotzenden Art war er allen voran und mittendrin die treibende Kraft. Er war in einer Stimmung, in der man Bäume ausreißen möchte. Offensichtlich hatte ihm Fritz Walter Andeutungen gemacht.“ Natürlich setzte Herberger Rahn dann ein. Als es lange, allzu lange, beim 1:0 blieb gegen Jugoslawien und der deutsche Sieg auf Messers Schneide stand, ging der Trainer an die Linie, um den Boss an sein Versprechen zu erinnern, dem jugoslawischen Torwart Beara „ein Ding“ in die Maschen zu hauen. Rahn wartete an der Mittelfeldlinie, und Herberger rief ihm zu: „Helmut, wo bleibt denn das versprochene Tor?“ Und Rahn zog los und antwortete mit einem „Kapitalschuss“, den Herberger nur als „schwarzen Strich“ wahrnahm – „und hinten hat das Netz gezappelt“.

Fußball ist Märchenstoff. Manchmal siegt sogar das Gute. Am Ende der wunderbaren Geschichte vom braven Helmut, der auszog, das Vertrauen des Seppl zu belohnen, stand dann die wieder und wieder erzählte Szene von der 83. Minute in Bern.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors drucken wir diesen Auszug aus Jürgen Leinemanns Buch „Sepp Herberger – Ein Leben, eine Legende“, Rowohlt Verlag, Berlin, 1997.

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