Sport : Breisgau-Borusse

Oliver Trust

Solche Wechsel wie der von Sebastian Kehl zu Borussia Dortmund sind nicht immer die reine Freude. Franz Gerber, der zwischen "väterlichem Freund" und "Berater" schwankt, wirkte geknickt. "Natürlich freue ich mich für den Sebastian", sagte er. Erleichterung darüber, dass sein Schützling das Transfertheater mit einer knappen Pressemitteilung beendete, war nicht zu spüren. "Aus sportlichen Gründen" wechsle der 21-jährige Nationalspieler zu den Westfalen, hieß es lapidar. Unklar ist der Zeitpunkt des Wechsels. "Darüber fällt in den nächsten Tagen eine definitive Entscheidung", teilte Kehl mit. "Es geht jetzt nur noch darum, wann er wechselt", sagte Freiburgs Manager Andreas Rettig.

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Gerbers Frust ist nachvollziehbar. Im Zuge des Transfers seines Schützlings, wird er wohl seinen Job als Sportdirektor bei Hannover 96 verlieren. "Es ist wohl damit zu rechnen", sagte Gerber am Telefon. Am Samstag wird er mit Hannovers Klubchef Martin Kind "Gespräche in dieser Richtung führen" (siehe auch nebenstehenden Beitrag). Die Niedersachsen fühlen sich von Gerber hintergangen, dem Nebentätigkeiten ausdrücklich verboten sind. Brisant ist nicht nur Gerbers Vertragsverstoß, sondern die Tatsache, dass Kehl für den Schnäppchenpreis von 200 000 Mark von Hannover nach Freiburg wechselte, und Gerber mit dafür verantwortlich ist, dass Kehl mit 3,8 Millionen Mark eine "preiswerte Ausstiegsklausel" im Vertrag stehen hat. Er könnte für die fixierte Summe am Saisonende 2002 gehen.

Aber: Wenn er jetzt schon wechselt und am 4. Januar zum Trainingsauftakt in Dortmund erscheint, können die Freiburger allerdings einen satten Batzen Geld verdienen. Abgesehen von der Aussicht auf ein gutes Geschäft, ist Freiburg nach dem wochenlangen Theater um Kehl daran interessiert, an der Dreisam wieder Ruhe einkehren zu lassen. "Es kann nicht sein, dass sich alles nur noch um Herrn Kehl dreht", hatte Trainer Volker Finke geklagt. Auch die Geduld von Manager Andreas Rettig war lange aufgebraucht. "Er muss endlich die Hosen runterlassen. Das Ganze stört mittlerweile ganz entscheidend den Betrieb", so Rettig. Rettig machte Kehl indirekt Vorwürfe und bestätigte weitgehend die Version von Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß, der Kehl und seinen Berater Gerber als "Lügner" und "Abzocker" an den Pranger gestellt hatte.

Kehl, so Hoeneß, hatte sich mit den Münchnern über seinen Wechsel an die Isar geeinigt und einen Scheck über rund 1,5 Millionen Mark angenommen, eingelöst, das Geld aber Wochen später wieder zurückgeschickt. "Wenn er nach Dortmund geht", hatte Rettig gefordert, "muss er sich bei Uli Hoeneß entschuldigen." Zuletzt hatte Kehl trotz flammender Appelle sogar Freiburgs Anhänger gegen sich aufgebracht. "Kehl geh und bring uns Geld", stand auf einem Transparent beim Spiel des SC in Bremen.

Zwischen den Münchnern und dem Erzrivalen aus Dortmund war wegen Kehl ein tagelanger Streit entbrannt. Hoeneß warf den Borussen vor, sich nicht korrekt verhalten zu haben, "weil wir denen mitgeteilt haben, dass es bereits eine Vereinbarung mit dem Spieler gibt". Dem widersprach Dortmunds Präsident Gerd Niebaum erneut. "Der Verein Borussia Dortmund hat sich zu jedem Zeitpunkt korrekt verhalten", teilte Pressesprecher Josef Schneck mit. "Wir freuen uns, dass sich Sebastian entschlossen hat, nach Dortmund zu kommen", ließ Niebaum auf die Fax-Mitteilung schreiben. Die Münchner Führung, so der BVB, könne eine andere Meinung haben. "Das", so heißt es wörtlich, "sei allerdings keine Rechtfertigung dafür, den Charakter eines 21jährigen Spielers, der eine wichtige Entscheidung für seine sportliche Zukunft treffe, öffentlich in Frage zu stellen". Hoeneß, so hatte Niebaum getönt, sei auf einer "Loser-Veranstaltung".

Uli Hoeneß hatte Kehl schwer unter Druck gesetzt, einen Rechtsanwalt eingeschaltet und gefordert, "dass der Kehl endlich einmal die Wahrheit sagt". Die Münchner vermuten, Kehl habe Angst vor der großen Konkurrenz in München bekommen, nachdem dieWechsel von Sebastian Deisler (Hertha BSC) und Michael Ballack (Bayer Leverkusen) zum FC Bayern bekannt wurden. Eine Einsatzgarantie aber wollten und konnten die Münchner dem Nachwuchsstar nicht einräumen. Kehl entschuldigte sich nur halbherzig. "Ich bedauere die Entwicklung", sagte Kehl, der einräumte, "dass alles nicht so gut gelaufen ist." Zuletzt kündigte er eine Enthüllungsstory an, in der "er erzählen werde, wie es wirklich war".

Davon aber wollte Franz Gerber am Freitag nichts mehr wissen. "Es ist alles gesagt mit der Mitteilung", so Gerber. Er klang dabei so, als gelte das auch für ihn und seine Position in Hannover. "Ich bin da gar nicht froh, jetzt wo wir so einen großen Erfolg in Hannover haben". Immerhin hätte Gerber dann Zeit, sich hauptamtlich und offiziell um Kehls Belange zu kümmern.

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