Sport : Bremen bleibt sich treu

Viel Unterhaltungswert und Löcher in der Abwehr auch beim 4:2-Sieg bei Hannover 96

Steffen Hudemann[Hannover]

Der Mann, dem das größte Interesse galt, verließ das Spielfeld zehn Minuten vor dem Anpfiff. Schüchtern hatte Per Mertesacker den Rasen betreten, um sich von den Fans in Hannover zu verabschieden. Als Dank für ein halbes Leben im Klub (elf Jahre) nahm der 21-Jährige einen Blumenstrauß, eine Schweizer Uhr und die lebenslange Mitgliedschaft bei Hannover 96 entgegen. Das wichtigste Geschenk aber war, dass das Publikum den Nationalverteidiger nicht mit Pfiffen, sondern mit Applaus nach Bremen verabschiedete. Fünf Tage zuvor war der Transfer nach langem Hin und Her im Tausch gegen Frank Fahrenhorst und 4,7 Millionen Euro zustande gekommen – und wie es die Laune des Spielplans wollte, trafen beide Klubs am ersten Spieltag aufeinander.

Das Spiel selbst, in dem Werder Bremen dank starker Schlussphase 4:2 (1:1) siegte, hatte andere Helden. Fahrenhorst spielte unauffällig, Mertesacker schaute verletzt zu. Stattdessen richteten sich die Blicke auf Diego. Der Brasilianer soll bei Werder Johan Micoud im offensiven Mittelfeld ersetzen. In seinem ersten Spiel gestern war er der Mann des Tages. Nach knapp 20 Minuten erzielte er sein erstes Bundesliga-Tor zum 1:0 für Werder. Danach überzeugte er mit starken Dribblings und klugen Pässen. Der selbst ernannte Meisterschaftsfavorit insgesamt schien seiner Rolle zunächst ebenso gerecht zu werden wie dem Aufdruck auf seinen Trikots. Nach dem Verbot der Wettwerbung seines Sponsors in Niedersachsen war Werder mit „we win“ auf der Brust aufgelaufen.

Nach der Führung aber vergaßen die Bremer „den Rückwärtsgang“, wie Torsten Frings urteilte. Und Hannover zeigte eine Leistung, die darauf hindeutete, dass der Zeitarbeiter Peter Neururer wider alle Wahrscheinlichkeit eine volle Saison als Trainer bei 96 erleben könnte. Hannovers Neue im Mittelfeld, der Holländer Arnold Bruggink und der Ungar Szabolcs Huszti, brachten Bremens Defensive in Schwierigkeiten. Und Jiri Stajner bewies, dass er nicht nur in der tschechischen Nationalelf ein guter Stürmer ist. Kurz vor der Halbzeit erzielte er das 1:1. Als nach 66 Minuten Vahid Hashemian zum 2:1 für Hannover traf, war dies wegen der Vielzahl an Chancen verdient, auch wenn Tim Borowski für Bremen zuvor mit einem Elfmeter am starken Torwart Robert Enke gescheitert war.

Neururer durfte am Ende mit seiner Mannschaft zufrieden sein, fragte aber: „Was will man eigentlich gegen Bremen machen, wenn man schlecht spielt?“ Die Bremer hatten trotz durchwachsenen Spiels vermieden, ähnlich ernüchternd zu starten wie die anderen Bayern-Herausforderer Schalke und Hamburg, weil sie nie den Glauben an die eigene Stärke verloren. „Ich schreibe meine Mannschaft nie ab“, sagte Trainer Thomas Schaaf. „Sie kann immer zurückkommen.“

Schaaf selbst hatte einen wichtigen Impuls dafür gegeben. Für den enttäuschenden Ivan Klasnic brachte er nach 75 Minuten Hugo Almeida. Drei Minuten später drückte der Stürmer eine abgefälschte Flanke von Clemens Fritz über die Linie – Werders neue Qualität auf der Bank hatte sich bezahlt gemacht. Danach war Bremen nicht mehr zu halten. Miroslav Klose traf nach sehenswerter Vorlage von Diego mit einem gewaltigen Schuss zum 3:2, in der Nachspielzeit erhöhte Daniel Jensen auf 4:2. Werder bleibt sich treu: beim hohen Unterhaltungswert wie bei den Löchern in der Abwehr. Um Letzteres zu ändern, ist Mertesacker gekommen. Und kurz bevor er ging, wies Klose noch darauf hin, dass Werders Nationalspieler noch lange nicht bei 100 Prozent angelangt seien. Es war als Drohung gemeint.

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