Sport : Brisantes Bruderduell

Helen Ruwald

Der FC Bayern ist für Jörg Lütcke wichtiger als die Frankfurt Skyliners. Wenn der Basketballprofi von Alba Berlin am Samstagnachmittag ein Bundesligaspiel hinter sich gebracht hat, dann interessiert ihn mehr, wie es bei den Münchnern kurz vor Schluss steht als wie sein Bruder Niklas beim direkten Konkurrenten um den deutschen Meistertitel gespielt hat. Jörg Lütcke ist sicher: Sein Bruder hat Verständnis dafür, "schließlich ist er auch Bayern-Fan".

Heute nun dürften auch für den Berliner Nationalspieler die Skyliners wichtiger sein, ausnahmsweise. Da treten sie nämlich in der Max-Schmeling-Halle an (15 Uhr), und das Duell birgt Brisanz: der Dritte empfängt drei Spieltage vor Beginn der Play-offs den punktgleichen Vierten, der Noch-Meister den Möchtegern-Meister. Und da trifft Jörg, 26, auf Niklas, 27. Der Sammler von fünf Meistertiteln auf den Pokalsieger 2000. Der Vollprofi auf den Jurastudenten. Bei Albas Sieg in Frankfurt im Dezember fehlte Niklas. Er machte nach dem ersten Staatsexamen Urlaub in Südafrika. Bis kurz vor Weihnachten hatte er eine basketballerische Fast-Auszeit bekommen - bei Alba undenkbar. Auch deshalb lehnte Niklas Lütcke schon vor dem Abitur 1993 ein Angebot der Berliner ab und wechselte zunächst nach Gießen. Er wollte studieren und spielen - nicht bei Alba unter Svetislav Pesic auf der Bank sitzen. "Ich war froh, mal rauszukommen aus Lichterfelde."

Einer Lichterfelder Turngruppe gehörten die Knirpse Jörg und Niklas an, als sie Anfang der Achtzigerjahre einen Brief bekamen: "Basketball-Nationalspieler für das Jahr 2000 gesucht", stand darin. Die Brüder ließen das Turnen sein und jagten fortan dem Ball hinterher. Der Kleine hängte sich gegen den Großen mächtig rein, aber 16 Monate Altersunterschied machten die entscheidenden Zentimeter unter dem Korb aus. Der Kleine von damals ist der Große von heute, nicht nur in punkto Körperlänge. Jörg misst 2,01 Meter, Niklas 1,99 Meter. Jörg ist Nationalspieler geworden, für Niklas ist das ein Traum geblieben. Zu fordernd war das Jurastudium, das er zwar unterbrach, aber nie aufgeben wollte. Sportlich schien es eine klare Hierarchie zu geben: Der Berliner oben, der Frankfurter unten. In dieser Saison war plötzlich alles anders: Alba kriselte, die Skyliners begeisterten wochenlang als Tabellenführer. "Das war schon ungewohnt, dass Niklas vor mir stand", sagt Jörg Lütcke, "aber ich habe mich mit ihm gefreut. Inzwischen hat sich die Situation gewandelt. Die Skyliners verpassten in der Euroleague die schon fast erreichte Zwischenrunde und verloren in der Bundesliga dreimal in Folge, ehe sie am Sonntag Würzburg schlugen. Alba gewann siebenmal in Serie - bis zum Debakel von Leverkusen vor sechs Tagen. Heute nun treffen beide Teams aufeinander. "Wir sind Favorit", sagt Jörg Lütcke. "Wir haben in Berlin gute Chancen", sagt sein Bruder. Die Eltern werden auf der Tribüne sitzen und hin- und hergerissen sein. "Mein Vater freut sich mit dem Sieger und versucht, den Verlierer zu trösten", sagt Niklas Lütcke. Der größte Trost könnte aus Hamburg kommen: Dort spielt der FC Bayern.

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