Sport : Britanniens harte Wellen

Die letzten Etappen des Ocean Race um die Welt bergen mehr Gefahren als alle anderen zuvor

Kai Müller

Berlin - Auf den britischen Inseln zu leben, mag hart sein. Doch sind Süßbohnen mit Bratwürstchen und Spiegelei zum Frühstück sowie 110 Regentage im Jahr nichts im Vergleich dazu, um die britischen Inseln herumzusegeln. Flauten und Nebel, starke Gezeitenströme und eine überwiegend zerklüftete Küste machen den Trip um Großbritannien zu einem Abenteuer, dessen Bedingungen sich ständig ändern. Ellen MacArthur bewältigte die Umrundung mit 18 und sagte später, das sei eine größere Herausforderung gewesen als ihre erste Weltumsegelung. Beim letzten Round Britain Race der Open-60-Klasse gelangten von sieben Yachten nur drei ins Ziel. So wird die heute beginnende achte Etappe des Volvo Ocean Race, die von Plymouth im Uhrzeigersinn erst um das Königreich herumführt und schließlich in Rotterdam endet, den Crews noch einmal alles abverlangen.

Dabei ist das Rennen eigentlich schon gelaufen. Auf der siebten von neun Etappen der härtesten Mannschaftsregatta der Welt konnte sich die ABN Amro One vorzeitig den Gesamtsieg sichern. Die niederländische Yacht führt mit 84,5 Punkten uneinholbar vor Pirates of the Caribbean aus den USA (59,5 Punkte). Sie konnte bislang beinahe jede Etappe gewinnen.

Überschattet wurde dieser Triumph allerdings von einer Tragödie. Wie man auf www.volvooceanrace.org verfolgen konnte, verunglückte der Holländer Hans Horrevoets 1300 Seemeilen westlich von Land’s End, als ihn eine Welle von Bord der ABN Amro Two spülte. Die 21-Meter-Yacht schoss vor dem Wind mit 30 Knoten durchs Wasser, mit jeder Minute, die die Crew zum Segelbergen benötigte, entfernte sie sich eine weitere halbe Meile von Horrevoets. Der Vater einer Tochter, dessen Lebensgefährtin gerade das zweite gemeinsame Kind erwartet, hatte den Spinnaker bedient, als ihn die See erfasste. Einen Überlebensanzug trug er nicht. Das Team war gerade damit beschäftigt gewesen, nacheinander Schwerwetterkleidung anzuziehen. Der Spinnakermann, der das wichtigste Segel in den Händen hielt, sollte sich als Letzter das Sicherheitsgeschirr umschnallen. „Nur eine Minute noch, und er wäre unter Deck gewesen“, erklärte Wachführer Nick Bice. Zehn Meilen lagen zwischen Horrevoets und dem Schiff, als dieses schließlich wendete und unter Maschine gegen die steile, sechs Meter hohe Dünung anbolzte. Trotz dieser Bedingungen konnten Skipper Sebastien Josse & Co. den leblosen Körper ihres Mitseglers im Morgenlicht finden und an Bord ziehen. Doch blieben alle Wiederbelebungsversuche erfolglos.

In der 33-jährigen Geschichte des Volvo Ocean Race gingen viele Masten und Schiffe zu Bruch. Menschenleben hat der „Everest der Meere“ („The Guardian“) bislang nur wenige gefordert. Horrevoets Tod trat in einem Rennen ein, das mehr als alle vorhergehenden ein Experiment ist. Mit Einführung des neuen, nur am Computer erprobten Bootstyps stießen die Teilnehmer an die Grenze des Hochseesegelns. Die Boote mit ihrer enormen Segelfläche und stark reduzierten Mannschaft (zehn Mann müssen leisten, was üblicherweise 15 bis 16 bewerkstelligen) sind im Sturm kaum zu kontrollierende Biester.

Das musste denn auch die spanische Movistar erleben. 300 Meilen westlich des Ärmelkanals brach deren Kielaufhängung. Wasser strömte ins Schiff. Nach 24 Stunden gab Skipper Bouwe Bekking das Schiff auf. Die Crew wurde von der ABN Amro Two aufgenommen, die helfend herbeigeeilt war; die Movistar verschwand in den Weiten des Atlantiks.

So sind vor der 1500 Meilen langen Inselrundfahrt nur sechs Teams im Rennen. Sie werden sich durch die Irische See zum berüchtigten Fastnet Rock boxen müssen, und weiter nach Norden zu den Shetland-Inseln. Durch die schmerzhaften Erfahrungen der letzten Tage sind die ehrgeizigen, hoch bezahlten Segelprofis näher zusammengerückt. Auch wenn jeder versuchen wird, so viele Meilen wie möglich zwischen sich und den anderen zu haben.

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