Sport : British Open: Der Sohn eines Maurers und ein Flüchtlingskind

Den Aufschrei der Massen nahm Alexander Cejka zwischen den Dünen von Royal Lytham & St. Annes gar nicht wahr. Er schüttelte den Kopf, als könne er gar nicht glauben, was gerade passiert war. Dieses Kopfschütteln war die einzige Reaktion, die sich der 30 Jahre alte Golf-Profi in der historischen Sekunde vor 50 000 Zuschauern erlaubte. Es war ein Moment deutscher Einmaligkeit, als der Name des gebürtigen Tschechen aus Marienbad zusammen mit dem von Bernhard Langer aus dem schwäbischen Dorf Anhausen ganz oben auf dem grellgelben Leaderboard der 130. British Open gesteckt wurde: Erster Cejka, Zweiter Langer.

Sonnabend, der 21. Juli 2001, 17.40 Uhr: Beim wichtigsten und ältesten Golfturnier der Welt hatten gleich zwei deutsche Profis das erste Mal bei einem der vier Majors, den wichtigsten Golfturnieren der Welt, die Führung übernommen. Alexander Cejka war ein Birdie am neunten Loch gelungen, während Langer gerade am 14. Loch zum Birdie den Ball einen Schlag unter dem Standard (Par 3) eingelocht hatte. Eine Sternstunde, auch für den Deutschen Golf Verband (DGV).

Der hat seine Mitgliederzahl in den vergangenen zehn Jahren auf 375 000 in knapp 650 Clubs verdoppelt und ist mit neun Prozent Zuwachs im vergangenen Jahr zur Boomsportart in Deutschland geworden. Seit 1976, als Langer sich entschloss, Golfprofi zu werden, hat der Deutsche Golf Verband von dem Sohn eines Maurers aus Augsburg und seinen Erfolgen profitiert, wie später der Deutsche Tennis Bund (DTB) von Boris Becker und Steffi Graf. Ohne Langer und seine spektakulären Erfolge mit einer Gewinnsumme von inzwischen mehr als 25 Millionen Mark wäre Golf nicht auf dem Weg heraus aus dem Ghetto einer Randsportart.

"Der Sohn eines Maurers und ein Flüchtling aus dem kommunistischen Osten Europas haben die Chance, Geschichte zu machen", schrieb "The Sunday Times", nachdem die beiden so unterschiedlichen Charaktere völlig unerwartet das Teilnehmerfeld und die Prognosen vor der Finalrunde auf den Kopf gestellt hatten. Speziell in der 140-jährigen Geschichte der British Open. Bei einem Turnier, in dem Megastar Tiger Woods vor der Schlussrunde schon aussichtslos abgeschlagen schien. Ob die beiden Deutschen ihre Führung nach der abschließenden vierten Runde über 18 Löcher am gestrigen Sonntag behauptet haben, stand bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht fest.

Der 43-jährige Langer registrierte die Fakten mit einer für ihn typischen abwartenden Gestik und mit der Gelassenheit des erfolgreichen Global Players. Er wusste, es war nur eine Momentaufnahme, wenn auch eine einmalig schöne. Nüchternheit und Bescheidenheit waren stets die Begleiter einer Bilderbuch-Karriere, die ihre Wurzeln in einer Handwerker-Familie hat. 61 Siege weltweit und das Image des fleißigen, fairen, erfolgreichen Sportsmannes haben ihn nach oben getragen. Bernhard Langer hat Golf in Deutschland überhaupt erst bekannt gemacht.

Mit seinen beiden Masterssiegen 1985 und 1993 in den USA gelang ihm der absolute Durchbruch und auch die gesellschaftliche Anerkennung. Körperliche Verschleißerscheinungen sorgten jedoch dafür, dass überragende Erfolge in den letzten Jahren ausblieben, das Interesse an dem Mann ohne jeden Skandal schien sich langsam zu verlieren. Doch der asketische Langer ist ein Stehaufmännchen, der seine Möglichkeiten bis zum Letzten ausschöpft.

Das gilt bisher nicht für Alexander Cejka, der mit neun Jahren aus der Tschechoslowakei an der Hand seines Vaters floh. Der seine Mutter nie kennen gelernt hat, weil sie sich scheiden ließ, als Alexander zwei Jahre alt war. Der in Hanau bei Frankfurt (Main) Golf spielen lernte und Langer als Idol verehrte. Cejka kam sozusagen aus dem Nichts, als er 1995 drei Turniere auf der Tour gewann und mit seinem Outfit und seinem Verhalten mehr die Vermarkter als seine Verehrer in seinen Bann zog. Mit wachsendem Erfolg aber verlor er die Orientierung, so konnte er seine Erfolge nicht bestätigen. Bei den British Open spielte er sich nun zurück in den Blickpunkt der Golfwelt - und das als Qualifikant.

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