Britta Steffen : Im Gefühlswellenbad

Auf 100 Metern im Wasser hat der Kopf viel Zeit, den Körper zu blockieren. Der Berliner Schwimmerin Britta Steffen ist das immer wieder passiert, sie nannte sich sogar selbst „Supersensibelchen“. Jetzt, bei Olympia, war alles anders.

Friedhard Teuffel[Peking]
Peking 2008 - Schwinmmen Britta Steffen gewinnt Gold
Anders aufgetaucht. Britta Steffen hatte sich diesmal total im Griff.Foto: dpa

AIs sie mit ihrer Hand gegen die Wand des Beckens schlägt und die Uhr anhält, weiß Britta Steffen, dass sie angekommen ist. Angekommen bei sich selbst. „Das genießte jetze“, sagt sie zu sich, so erzählt sie es später mit ihrem Berliner Akzent, „egal, was an der Anzeigetafel steht, selbst wenn es nicht Gold ist.“ Das eigentlich Wichtigste im Sport lässt sie erst einmal unbeachtet hinter sich hängen, leuchtende Zeilen mit Namen und Zeiten und Platzierungen.

Britta Steffens erster Preis ist ein Moment des glücklichen Beisichseins. Sie kann ihn ein paar Sekunden alleine auskosten, denn das Ziel der Schwimmer ist keines, in dem jemand mit Blumen wartet, sie durchtrennen kein Band mit ihren Körpern und fallen niemandem in die Arme. Britta Steffen bleibt im Becken und kann zuhören, wie ihr Kopf und Körper sagen, dass sie ihr eigenes Rennen geschwommen ist, dass sie gezeigt hat, was sie leisten kann, allen anderen, aber vor allem sich selbst. Das ist ihr wichtiger als Ergebnisse bei den Olympischen Spielen.

Dann löst die Neugier die Einkehr ab, Britta Steffen dreht sich um zur Anzeigetafel. Dann strahlt sie. „Ha! Doch gewonnen“, denkt sie. Steffen hatte einen Kampf mit sich selbst geführt. Am Freitag in Peking hat sie ihn mit dem Olympiasieg gewonnen.

Kopf und Körper

Ihre Geschichte erzählt davon, was der Kopf im Sport mit dem Körper alles anstellen kann. Er kann ihn leichter machen, er kann ihn aber auch runterziehen, dann werden die Muskeln hart und die Beine schwer. Britta Steffens Kopf hat ihren Körper oft schwer gemacht. Dabei galt sie schon früh als jemand, der sein Talent einfach nur einlösen müsse. Doch auf 100 Metern im Wasser hat der Kopf genügend Zeit, sich immer wieder einzuschalten. Darüber hat Britta Steffen oft gesprochen, die 24 Jahre alte FH-Studentin der Umweltingenieurswissenschaften aus Schwedt an der Oder, die seit vielen Jahren am Berliner Olympiastützpunkt lebt und trainiert. Und sie hat sich deshalb selbst den Titel „Supersensibelchen“ verliehen.

Am Freitag nun scheint auf einmal eine andere Britta Steffen aufgetaucht zu sein aus dem Becken des Pekinger „National Aquatics Center“, das wegen seiner blauen Hülle auch „Water Cube“ genannt wird, Wasserwürfel. Vielleicht hat Steffen aber auch nur alle getäuscht, ihre Konkurrentinnen und auch die Medien. Vieles von dem, was als Zaudern erschien, als Fehlleistung, wirkt nun wie ein großer, kluger Plan. Dass sie schon nach dem Vorlauf in Peking nicht mehr an eine Medaille geglaubt habe, hört sich im Nachhinein wie eine Ansage für Journalisten an. „Seit Wochen und Monaten steht in der Zeitung: Goldhoffnung Steffen“, sagt ihr Trainer Norbert Warnatzsch in genervtem Tonfall dazu. Und noch einmal: „Seit Wochen und Monaten. Da ist es doch klar, dass man versucht, diese Hoffnungen zu dämpfen.“

War die schwache Qualifikation Absicht?

Oder dass sie sich nur mit der sechstbesten Zeit für das Finale der acht besten Schwimmerinnen qualifiziert hat, einige Beobachter vermuten: mit Absicht. Das hätte auch schiefgehen können. Die Weltrekordhalterin Lisbeth Trickett aus Australien etwa durfte im Finale nur deshalb noch mitschwimmen, weil eine Chinesin disqualifiziert worden war. Mit ihrem Platz im Halbfinale erhielt Steffen im Finale dann eine Bahn am Rand, die zweite von oben, ein guter Platz um sich der Konkurrenz zu entziehen. „Sie hat genau das getan, was sie tun wollte“, sagt Örjan Madsen, der Sportdirektor des Deutschen Schwimmverbandes. „Das zeigt schon Abgebrühtheit und Cleverness.“

Und dann das Finale selbst. Steffen geht das Rennen langsam an. An der Wende bei 50 Metern ist sie Letzte. Fast eine Sekunde Rückstand auf Trickett. Hat sich der Kopf etwa wieder gemeldet?

Das würde diesmal nicht nur an ihr selbst liegen. Alle deutschen Schwimmer haben in Peking Schwierigkeiten, sie schwimmen nicht nur den anderen hinterher, sondern auch ihren eigenen Bestzeiten. Die Australierin Stephanie Rice sagte in Peking: „Ich liebe Herausforderungen“ – und gewann drei Goldmedaillen und stellte drei Weltrekorde auf. Die Deutschen hingegen scheitern einfach an den Herausforderungen.

Ein unruhige Nacht

In der Nacht vor ihrem Start war Britta Steffen schon unruhig gewesen, um zwei Uhr aufgewacht und hatte dann nicht mehr einschlafen können. Da habe sie ihr Kopf auf einmal auf den Startblock gestellt. „Uuh, habe ich gedacht, na gut, schwimmste einmal durch. Dann bin ich in Gedanken einmal durchgeschwommen.“ Sie sagt durchjeschwommen. Das Ergebnis: „Das war schon so, ich schlage an und denke ja, jawoll, aber ich hatte keine Gegner.“ Manchmal braucht sie die auch gar nicht, weil ihre härteste Gegnerin sie selbst ist. Sie arbeitet mit der Mentaltrainerin Friederike Janofske. „Es geht darum, jegliches Problem, das mich belastet, auszusprechen und auszuschalten“, sagt Britta Steffen.

Am Morgen des Rennens sprechen beide noch einmal miteinander. Viel zu sagen gibt es nicht mehr. Sie hatten schon in den Tagen zuvor verabredet, dass Britta Steffen mit Freude am Schwimmen in diesen Wettkampf geht.

Vor dem Start hat sie dann noch eine andere Begleiterin, ihre Freundin Nicole Hetzer. Die wollte eigentlich in Peking den Abschluss ihrer Karriere feiern. Doch ihre Schulter schmerzt, sie sagt ihren Start ab, bleibt aber zur Unterstützung bei der Mannschaft. Britta Steffen weiß nun auch, warum. Nicole Hetzer hilft ihr in den Schwimmanzug, die Anzüge können sich die Athleten nicht alleine anziehen. Hetzer gibt Britta Steffen auch noch etwas mit auf den Weg zum Startblock: „Weißt du, Britta, das Wichtigste ist nicht der Sieg, sondern der Kampf und der Wille, eine gute Leistung zu zeigen.“

Erst Letzte, dann Zug um Zug nach vorn

Nach 50 Metern ist Steffen erst einmal Letzte. Im Nachhinein scheint das, was wie eine verzweifelte Aufholjagd aussieht, nur die Erfüllung ihres Plans gewesen zu sein. Nach 75 Metern ist sie an Trickett dran, schiebt sich Zug um Zug nach vorne, und mit ihrem letzten erreicht sie die Wand vier Hundertstelsekunden vor der Konkurrentin. „Noch ein guter Zug, Britta, dann bist du durch“, denkt sie, erzählt sie später. Und ihr Trainer Warnatzsch lobt: „Das Finish war vom Allerfeinsten.“ Über ihre Trainingsumfänge, über ihre Kraultechnik fällt kein Wort. Auch bei anderen geht es in den Kommentaren nur um Britta Steffens Kopf.

Dann steht sie auf dem Siegerpodest. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Da „habe ich dann alles Mögliche gedacht. Von: Mama, Papa, ich hab’s geschafft. Bis hin zu: Haha, schön, ich habe es mir selbst bewiesen. War alles dabei.“ Als Erstes wolle sie nun ihre Familie und ihren Freund anrufen, um das Glück mit ihnen zu teilen.

Der Freund daheim in Berlin

Ihr Freund Oliver Wenzel hat frühmorgens das Rennen im Sportbad Britz verfolgt, gemeinsam mit 300 anderen Mitgliedern von Britta Steffens Heimatverein SG Neukölln. „Es war eine enorme Anspannung. Ich habe mich machtlos gefühlt.“ Sie haben eine Großbildleinwand aufgebaut. Einige haben Schlauchboote ins Wasser gelassen und schauen von dort. Die Anspannung nach dem Sieg entlädt sich in vielen Formen. Die Kinder stürzen sich von ihren Booten ins Becken, die Erwachsenen lassen die Sektkorken knallen. Es wird so laut, dass die Polizei kurz auftaucht. Und Steffens Freund? Der schickt schnell eine SMS. Wenn sie die Zeit findet, solle sie sich melden. Es dauert einen Moment. Dann ruft sie an. „Sie hat sich sehr gefreut, dass sich die harte Arbeit gelohnt hat“, sagt Wenzel.

Als sich im Wasserwürfel von Peking Britta Steffen und Franziska van Almsick in die Arme fallen, sagt Steffen: „Ich bin dir so dankbar, danke.“ Und später sagt van Almsick, als Steffen nicht zuhört: „Dass aus diesem zappeligen Mädchen von früher eine mental so starke Frau geworden ist, einfach toll.“ Jahrelang war Franziska van Almsick vergeblich einer Goldmedaille hinterhergeschwommen, Britta Steffen hat sie nun.

Mitarbeit: Matthias Jekosch

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