Britta Steffen : Sensibelchens Zeitreise

Tagesspiegel-Sportchef Robert Ide hat Britta Steffen vier Jahre bei den Olympia-Vorbereitungen begleitet. In Peking will die Berliner Schwimmerin Gold holen. Auf dem Weg dorthin hat sie viele Wandlungen durchgemacht.

Robert Ide
Steffen
Gold ist die Hoffnung. Doch einfach wird es nicht in Peking: Britta Steffen nennt sich selbst Sensibelchen.Foto: dpa

Als sie sich von der Erde abstößt, hallt der Startpfiff noch in den Ohren. Ihr schmaler Körper fliegt durch die Luft, sie klatscht ins Becken, hinein in die Stille. Im Wasser gleitet sie, regungslos für einen Moment, taucht auf, wirft ihre Hände nach vorne, erst die rechte, dann die linke, und sie merkt: Heute geht es gut. Sie spürt, wie sie das Wasser zur Seite schiebt, wie sie keine Mühe hat. Die Zuschauer in der Halle springen auf, von den Rängen rufen sie ihr etwas zu. Sie schaut zu den Seiten, keine Konkurrentin ist vor ihr, keine, von der sie nicht weiß, ob sie ihr trauen kann, wenn das hier vorbei ist. Das Ende der Bahn, die Wende.

Sie stößt sich noch einmal ab, hört das Rauschen an ihrer Badekappe und den eigenen Atem, der sich hastig dem Ziel entgegenpumpt. Die Beine fangen an zu schmerzen, jetzt breche ich ein, denkt sie, doch sie krault weiter, sieht schon das Ziel, und ihr Körper gehorcht ihr, diesmal ja. Sie schlägt an die Wand, schaut nach oben. An der Anzeigetafel erscheint der Name „Steffen“. Es ist der Name, der auch auf ihrer Badekappe steht. Europarekord!, ruft der Hallensprecher. Die Zuschauer trampeln auf den Tribünen, sie zieht ihre Badekappe vom Kopf und legt sich rücklings auf das Wasser, fast schwebend winkt sie hinaus. Ihre Konkurrentinnen verlassen das Becken, sie unterhalten sich miteinander. Steffen entsteigt als letzte, allein. Mit der Badekappe in der Hand bleibt sie am Geländer hängen. Sie hat ein Rennen gewonnen. Ein schwieriges.

Sport ist das Streben nach dem richtigen Moment. Nach dem richtigen Moment in einem selbst. Es geht um den Kampf gegen Bruchteile der messbaren Zeit, um das Bessersein an einem bestimmten Tag. Und um die Frage: „Wie mache ich das alles, ohne depressiv zu werden?“ So sagt es Britta Steffen, Schwimmerin aus Berlin und Starterin in Peking. Sie soll bei den Olympischen Spielen, die am Freitag beginnen, Gold für Deutschland holen. Das ganze Land erwartet das, auch ihre arbeitslosen Eltern in Schwedt, auch sie selbst, wenn sie allein ist.

Wie macht man das? Und wie macht man das mit sich aus? Ein halbes Jahr lang hat Britta Steffen sich begleiten lassen durch ihr Leben, das so anders ist als das der meisten Frauen in ihrem Alter. So anders auch als ihr eigenes Leben lange war. Vor vier Jahren, vor den Spielen in Athen, hat sich Steffen schon einmal vom Tagesspiegel bei ihrer Olympia-Vorbereitung beobachten lassen. Damals war sie eine unbekannte deutsche Athletin, über die dann in der Zeitung stand: „Sie sucht unnachgiebig nach dem richtigen Moment. Und findet oft einen falschen.“

24 ist sie jetzt, seit 11 Jahren macht sie nichts anderes als das eine. Sie ist Weltrekord geschwommen und hat Werbeverträge abgeschlossen, sie übernachtet in einem zwölf Quadratmeter großen Zimmer im Olympiastützpunkt Berlin-Hohenschönhausen oder bei ihrem Freund, einem Schwimmer, sie möchte mal drei Kinder haben. Britta Steffen hat die Suche noch nicht aufgegeben.

Als sie das schwierige Rennen für sich entscheidet, geht der Winter gerade zu Ende. Die Schwimmhalle in Prenzlauer Berg ist aufgeheizt mit künstlicher Luftfeuchtigkeit und mit künstlichen Reibereien im deutschen Team. Steffen hat bekannt gegeben, dass sie bei Olympia nicht in allen Staffeln mitschwimmt, um sich auf ihr 100-Meter-Freistil-Rennen zu konzentrieren. Ihre Kolleginnen fürchten nun um ihre Medaillenchance und kritisieren Steffen in der Presse. Vor dem Wettkampf umarmen sich die anderen, „Na, Du Superkollegin.“ Steffen steht abseits und denkt sich: „Na, Du Supersensibelchen.“ Als sie zu den Startblöcken gehen, laufen die anderen schneller als sie. Es entsteht eine Lücke. Vielleicht setzen sie darauf, dass sich Steffen wieder verunsichern lässt. Früher hat das oft geklappt, damals, als sie noch kein Star war und immer richtig gut war im falschen Moment.

Immer wieder meinten alle Experten, an Britta Steffen führe bald kein Weg mehr vorbei. Doch bei Olympia in Sydney paddelt sie hinterher, sie ist ja erst 16. Dann Olympia in Athen: Sie stolpert auf den Zuschauerrängen, verletzt sich, sie ist schon 20 und denkt: Ich habe nichts. Mein Körper gehorcht mir nicht. Ich verliere mich. Wenn’s drauf ankommt, hat Britta ein Psychoproblem – so spotteten sie damals am Beckenrand. In den richtigen Momenten gewann immer Franziska van Almsick.

Britta Steffen probiert an sich herum.

Zuerst macht sie einfach weiter. Tagtäglich Schwimmen, Krafttraining, wieder Schwimmen. Ihr erster Freund fragt sie: Warum trainierst du so viel? Der Trainer meint: Dein Freund tut dir nicht gut. Sie erlaubt sich nicht mehr als den leisen Traum, irgendwann auszubrechen. Neidisch sieht sie Kindern zu, die vor der Trainingshalle auf der Skaterbahn herumtoben. „Vergeude ich meine Jugend?“, flüstert sie da, an sich gewandt.

Danach bricht sie einfach ab. Sie verlässt ihren Trainer Norbert Warnatzsch, ihre knorrige Vaterfigur mit der stets tickenden Stoppuhr und der oft blökenden Stimme. Sie verlässt die triste Ost- Schwimmhalle in Hohenschönhausen, wo manche Fliese schon vom Putz gefallen ist. Steffen beginnt ein Studium. Und mit ihrem neuen Freund, einem Schwimmer, geht sie durch die Stadt spazieren. Sie vergeudet ihre Jugend.

Nach einem Jahr kehrt sie zurück.

Die Sonne knallt und jeden Abend Feuerwerk. Es ist Juni 2008, draußen läuft die Fußball-Europameisterschaft. Drinnen fallen keine Fliesen mehr ab. In der sanierten Schwimmhalle des Olympiastützpunktes, in der das Becken von Kameras überwacht wird, steht Norbert Warnatzsch vor einem Monitor. Darauf steht das Trainingsprogramm in bunt leuchtenden Abkürzungen: 400 Senso/Techn.; 1200 L.; 250 W/50 W; S = 2er Atmung“. Auf den Tischen liegen keine Stoppuhren mehr, sondern aufgeklappte Laptops. Nur Warnatzsch brüllt die Zwischenzeiten noch so laut, dass das Echo sich in keiner Fliese verfängt. „17:14, Britta, jawoll!“ Jetzt müssten eigentlich Befehle folgen, doch Warnatzsch ruft lediglich: „Britta, sag Du mal, wann es weitergeht.“ Wenn man ihn fragt, was heute anders ist, antwortet der Trainer: „Es ist gelungen, sie wieder auf die Beine zu stellen.“

Es ist dunkel. Steffen starrt in ein offenes Feuer, eine Frau hinter ihr singt ein Mantra, kraftvoll, meditativ, die Flamme lodert, das Holz bricht, sonst ist es nahezu still. Was war mit mir? Was wird aus mir? Was will ich? Britta Steffen schaut in die Flammen und in sich hinein.

Nach dieser Feuermeditation – eine Idee ihrer Psychologin Friederike Janofske – hat sich Steffen erstmals getraut, das Wort gegenüber ihrem Trainervater zu erheben. Nun darf sie auch mal kurz in ein wärmeres Nebenbecken springen, wenn sie friert. „Es gibt jetzt eine Britta, die schwimmt. Eine Britta, die studiert. Und eine Britta für die Öffentlichkeit.“ So sagt sie es. Sie muss nur noch die richtige Person im richtigen Moment abrufen. Steffens Psychologin gehört jetzt zum deutschen Olympiateam. Bis zum Start in Peking darf es nur eine Britta geben.

Als sie sich von der Erde abstößt, hallt der Startpfiff noch in den Ohren. Ihr schmaler Körper fliegt durch die Luft, sie klatscht ins Becken, hinein in die Stille. Im Wasser gleitet sie, regungslos für einen Moment, taucht auf, wirft ihre Hände nach vorn, erst die rechte, dann die linke, ihr ist glühend heiß. Sie spürt, wie sie das Wasser teilt, wie sie jeder Zug befreit. Die Zuschauer in der Halle springen auf, von den Rängen rufen sie ihr etwas zu. Sie schaut zu den Seiten, niemand ist dort, heute kann mir nichts passieren, denkt sie. Das Ende der Bahn, die Wende.

Sie stößt sich noch einmal ab, hört das Rauschen an ihrer Badekappe und den eigenen Atem, der sich hastig dem Ziel entgegenpumpt. Ihre Beine kribbeln, sie ist geladen, die anderen sind schon eine halbe Länge zurück. Hey, du bist Gott, ruft sie sich zu, da ist sie schon am Ziel. Sie schlägt an die Wand, schaut nach oben. An der Anzeigetafel erscheint der Name „Steffen“. Es ist der Name, der auch auf ihrer Badekappe steht. World record!, ruft der Hallensprecher. Die Zuschauer trampeln auf den Tribünen, sie reißt ihre Badekappe vom Kopf, schleudert ihre Hände in die Höhe und schreit. Sie hat ein Rennen gewonnen. Ihr erstes Rennen, in dem sie nur Britta war, die Schwimmerin.

Nach dem Weltrekord im Sommer 2006 in Budapest startet ihr Leben von vorn. Auf dem Flughafen Tegel wartet nicht nur ihr Freund, der Schwimmer, mit einer roten Rose in der Hand, da tauchen plötzlich viele Leute auf, „die ich noch nie vorher gesehen habe“, wie sie später sagt. Franziska van Almsick, inzwischen Moderatorin im Fernsehen, macht Interviews mit ihr und beglückwünscht sie, sie lachen, das erste Mal wirkt es, als seien beide auf einer Höhe.

Britta, die Studentin, ist danach nicht mehr wichtig. Sondern die Britta für die Öffentlichkeit. Es gibt Debatten über Trainer Warnatzsch und seine einstige Tätigkeit als Major der DDR-Staatssicherheit. „Sein Fall, wenn man das so nennen möchte, ist verhandelt worden und wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt. Daran halte ich mich.“ Das ist ihre Antwort. Es gibt Gerüchte über mögliches Doping auch bei den deutschen Spitzenschwimmern. Auch bei ihr? „Ich möchte mir eine Anti-Doping-Akte anlegen, in der ich meine Proben veröffentliche. Die Vorwürfe haben mich sehr gekränkt.“ Das ist ihre Antwort. Steffen hat inzwischen eine Managerin für Öffentlichkeitsarbeit engagiert. Die hat früher Franziska van Almsick zur „Gold-Franzi“ gecoacht.

Heute wird Steffen umsorgt wie ein Star. Ein Team betreut ihre Sehnen und Sehnsüchte. Sponsoren stellen ein Auto und ein neues Fahrrad, als das alte geklaut wird. Sie selbst gibt ihren alten Ehrgeiz. „Einen Spitzensportler erkennst du immer an den Details“, sagt Örjan Madsen, der Schwimm-Bundestrainer. Der Norweger, der die Laptops in die deutschen Schwimmhallen gebracht hat, schaut kurz vom Bildschirm hoch. Dann erzählt er, wie Steffen ihren Alltag auf den Sport fokussiert. Sie mache täglich Mittagsschlaf zur Regeneration, auf Langstreckenflügen nehme sie immer ausreichend Getränke mit, nicht alle denken daran. Bevor er wieder in den Computer guckt, sagt Madsen: „Sie ist inzwischen sehr stabil.“

Die letzte Verabredung – zwei Wochen vor den Spielen, wieder im Olympiastützpunkt. Steffen kommt zu spät zum Krafttraining, sie war noch schnell beim Arzt und hat sich die Ohren ausspülen lassen vor dem langen Flug nach Asien, „gut, dass ich daran noch gedacht habe“. Eine Stunde lang hebt sie noch einmal Gewichte mit den Knien und hüpft von einem bräunlichen Sprunghocker aus dem DDR-Sportsystem auf und nieder, um ihre Gelenke zu dehnen für die eine entscheidende Wende auf der olympischen Bahn. Ein 66-jähriger Trainer („Ich bin ein Uraltkader“), der hier jeden Mittwoch auf sie wartet, legt 100 Kilogramm auf die Beinpresse. Bumm, zack, der Trainer klatscht in die Hand, und Steffen stößt mit den Füßen gegen das Gerät, die Gewichte schnellen in die Höhe. Noch einmal klatscht er in die Hände, noch einmal stößt sie sich ab, wie sie sich auf dem Startblock in Peking abstoßen soll. Bumm, zack. Und nochmal.

Ihr Freund, der Schwimmer, kommt in den Geräteraum, er gibt ihr einen kleinen Kuss und geht dann in seinen Tag, er betreut heute Ferienkinder, sie gehen baden. „Der Junge hat auch diese Kraft“, sagt der Uraltkader, als er wieder draußen ist, „aber er bringt sie nicht ins Wasser.“

Britta Steffen muss alles ins Wasser bringen. Sie schwimmt für ihren Trainer, für die Psychologin, für all die vielen anderen um sie herum und ihren Freund, den Schwimmer. Sie soll gewinnen für das Land, dass sie von Werbeplakaten kennt. Sie will es schaffen für die drei Brittas, die es jetzt gibt. Und für ihre arbeitslosen Eltern in Schwedt, die noch die vierte Britta kennen – die Sprüche sammelt, noch Postkarten schreibt und am Wochenende im Garten gern Unkraut zupft.

Wenn sie gewinnt, hätte sie dann alles überstanden, ohne depressiv zu werden. Dann kann Britta Steffen an Land gehen und sich mitnehmen.

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