Sport : Bruch im Spiel

Marcelinhos Fußverletzung trifft Hertha BSC hart – jetzt muss die Mannschaft den Ausfall kompensieren

Michael Rosentritt

Berlin. Auf den riesigen Plakaten, die überall in der Stadt hängen, hat Marcelinho noch gute Laune. Die Botschaft: Hertha steht für gute Laune, Lust und Leidenschaft. Und wer bietet sich schon besser an als der quirlige brasilianische Gute-Laune-Spieler mit seinem gefärbten Haaren, seinem breiten Lächeln und seinen raffinierten Füßen? Nur können leider jetzt die Plakate eingeholt werden. Marcelinho hat sich den rechten Fuß gebrochen. Heute wird sein Fuß eingegipst. Er fällt dann für zwei Monate aus.

Wer hätte gedacht, dass sie eines Tages Marcelinho vom Feld tragen. Gut, wenn Hertha Meister geworden wäre, vielleicht. Dann hätten seine Mitspieler ihren Vorspieler, ihren Dirigenten, auf den Armen getragen. Aber dass Marcelinho von Sanitätern davongetragen wird, nein, das fehlte bisher in der Vorstellungswelt der Beteiligten. Seit seiner Verpflichtung im Sommer 2001 war Marcelinho nie ernsthaft verletzt. In den beiden zurückliegenden Bundesligaspielzeiten fehlte er jeweils nur ein Spiel. Einmal, weil er mit der brasilianischen Nationalmannschaft spielte, das zweite Mal, weil er nach der fünften Gelben Karte für ein Spiel gesperrt war. In diesen beiden Jahren war Marcelinho jeweils Herthas bester Torschütze und erfolgreichster Vorlagengeber.

So ist vielleicht zu erklären, warum nicht einer seiner Mitspieler zu Marcelinho lief, als er kurz vor dem Halbzeitpfiff am Samstagnachmittag im Spiel gegen Bremen auf dem Rasen lag und sich vor Schmerzen krümmte. Auf den Rängen war es plötzlich merkwürdig still geworden. Marcelinho war ohne Einwirkung des Gegners im Rasen hängen geblieben und umgeknickt. Oder aber wollte niemand wahrhaben, was sich angedeutet hat. Eine Woche lang bestimmte die Prellung an Marcelinhos rechtem Fuß die Schlagzeilen. Eine Kernspintomografie unter der Woche hatte zu erkennen gegeben, dass im Mittelfuß bereits ein Übergang zu einem Haarriss drohte. „Ich habe kein Risiko darin gesehen, ihn spielen zu lassen“, sagte Herthas Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher. Im Virchow-Klinikum, wohin Marcelinho noch während des Spiels gefahren worden war, wurde ein Bruch des fünften Mittelfußknochens diagnostiziert. Die Trainingspause wird sechs bis acht Wochen dauern. Danach folgt noch ein Aufbau-Programm.

„Der Ausfall von Marcelinho trifft uns hart. Das ist ganz bitter“, sagte Manager Dieter Hoeneß. „Da kann man schon aus den Latschen kippen“, sagte Fredi Bobic, nachdem er vom Befund erfuhr. „Das ist natürlich brutal. Das ist ein Spieler, den du kaum ersetzen kannst“, sagte der deutsche Nationalstürmer.

Und genau darin liegt das Problem. Der 28-jährige Marcelinho ist nicht adäquat ersetzbar. Niemand im Kader der Berliner verfügt über diese internationale Klasse. Niemand besitzt seine Kreativität, seine technische Eleganz und kann im Spielaufbau für überraschende Momente sorgen. Stefan Beinlich hätte diese Rolle am ehesten spielen können, aber den hat Hertha im Sommer zum Hamburger SV ziehen lassen.

„Ist Marcelinho ausgeschaltet, hat Hertha ein Problem“, sagte jüngst Günter Netzer. Marcelinhos Wert für die Mannschaft ist immens. Wenn Marcelinho schlecht spielte, spielte auch Hertha schlecht. Zumindest wurde diese Theorie, wonach das Auftreten Herthas in direkter Abhängigkeit von der Form und Leistung Marcelinhos steht, etliche Male bewiesen. „Die Position könnten Bart Goor oder Andreas Neuendorf spielen“, sagt Trainer Huub Stevens. Überzeugend klingt er nicht. „Die Mannschaft muss diesen Ausfall im Kollektiv kompensieren“, sagt Hoeneß, der einen Ersatzkauf ausschloss: „Es gibt keine externe Lösung“, sagt der Manager. „Wir holen doch nicht einen Spieler für fünf, sechs Wochen. Marcelinho hat ja keinen Kreuzbandriss.“ Das nennt man wohl positives Denken.

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