Sport : Brüder im Leiden

Tschechen und Holländer sind stark, weil sie der Fußballwelt etwas beweisen wollen

Stefan Hermanns

Rotterdam. Karel Brückner musste sich ein wenig gedulden. Bevor der Trainer der tschechischen Fußball-Nationalmannschaft seine Ansichten zum Spiel verkünden durfte, erbat sein Pressesprecher das Wort, um eine offizielle Erklärung abzugeben. Die Sache schien ernst, der gute Ruf des Landes offensichtlich in Gefahr, weil eine holländische Zeitung am Tag des EM-Qualifikationsspiels gegen die Niederlande berichtet hatte, dass die Tschechen sich über Unterbringung und Trainingsmöglichkeiten in Rotterdam beklagt hätten. Der Pressesprecher erklärte also, dass dieser Bericht nicht der Wahrheit entspreche. Im Gegenteil. Hotel und Trainingsplatz seien außerordentlich gut gewesen: „Wir waren absolut zufrieden mit dem gesamten Aufenthalt.“ Zur allgemeinen tschechischen Zufriedenheit dürfte auch das gerade zu Ende gegangene Spiel beigetragen haben. Durch das 1:1 steht die Mannschaft weiterhin punktgleich mit den Holländern an der Spitze der Qualifikationsgruppe 3.

Für den Moment ist das eine beruhigende Aussicht, vor allem wenn man die Vorgeschichte kennt. Eine Vorgeschichte, die Holländer und Tschechen gewissermaßen zu Brüdern im Leiden gemacht hat. Als vor zehn Monaten in Südkorea die Weltmeisterschaft begann, lagen die begnadetsten Fußballer beider Länder schon in ihren Urlaubsorten am Strand, weil sie sich nicht qualifiziert hatten. Das ist lange her, aber noch lange nicht vergessen.

Vielmehr beziehen beide Mannschaften aus dieser Schmach ihre neue Kraft. Die Europameisterschaft 2004 ist ihnen beinahe zu einer Obsession geworden: Sie dient der Resozialisierung, die mit der Wiederaufnahme in die große Fußballwelt ihren Abschluss finden soll. Und dieses Verlangen hat beide Teams zu den zurzeit vielleicht stärksten in Europa gemacht. Die Parallelen jedenfalls sind erstaunlich. Sowohl Tschechen als auch Holländer haben nach der verpassten WM-Qualifikation den Trainer gewechselt.

Dick Advocaat löste Louis van Gaal ab, Karel Brückner wurde Nachfolger von Josef Chovanec. Seither hat keine der beiden Mannschaften auch nur ein Spiel verloren. Die Holländer sind seit dem 0:1 in Irland am 1. September 2001 zwölfmal unbesiegt geblieben, die Tschechen schafften unter Brückner ebenfalls zwölf Spiele ohne Niederlage, und das größte Aufsehen erregten sie dabei vor sechs Wochen durch einen 2:0-Auswärtssieg gegen Europameister Frankreich.

„Die Stimmung war von Anfang an super“, sagt der tschechische Verteidiger Tomas Ujfalusi, der in der Bundesliga für den Hamburger SV spielt. Auch Advocaat hat bei den Holländern die Stimmung gehoben. Statt die Stars mit Taktikschulung zu ärgern, wie es van Gaal getan hat, lässt Advocaat die Profis im Training vor allem spielen. Die Methode zahlt sich aus. Advocaat fand die erste Halbzeit gegen die Tschechen „gut bis sehr gut“, und in der Nachspielzeit köpfte Ruud van Nistelrooy seine Mannschaft fast folgerichtig in Führung. Die Holländer hatten bis dahin nicht nur deutlich mehr Chancen, sie hatten auch die tschechischen Angreifer unter Kontrolle. Allzu schwer war das nicht. Entgegen seiner eigentlichen Stärke gab der Gegner viel zu sehr das Borussia-Dortmund-Double und versuchte immer wieder, mit hohen Anspielen auf Jan Koller die niederländische Abwehr zu überwinden – zumeist ohne Erfolg. „In der zweiten Halbzeit haben wir dann unser Spiel gespielt“, sagte Ujfalusi.

Das Spiel der Tschechen ist ein phasenweise atemberaubendes Direktspiel, das sich zum deutschen Stoppen-Drehen-Gucken-Sicherheitspass-Geschiebe verhält wie ein beschleunigender Sportwagen zu einem anfahrenden Kettcar. In der 68. Minute fand eine solche dynamische Verkettung Jan Koller als letzten Abnehmer des Balls, und weil der Dortmunder dem Holländer Jaap Stam eine Fußspitze voraus war, schafften die Tschechen doch noch den Ausgleich. „Wir haben zwei Punkte weggegeben“, sagte Advocaat. Aus solchen Sätzen spricht vor allem die Furcht, ein Unentschieden zu Hause gegen die Tschechen könnte am Ende zu wenig sein. Advocaat hält die tschechische Mannschaft für eine, „die Qualitäten hat“.

Josef Chovanec jedenfalls hat das Team seines Nachfolgers Brückner schon zur besten tschechischen Mannschaft aller Zeiten ausgerufen. „Ich weiß nicht“, sagt Jan Koller. „Holland ist für mich derzeit die absoluteste Mannschaft in Europa. Aber wir spielen auch nicht schlechter.“

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