Sport : Bruno kommt

Der Neffe der verstorbenen Rennsportlegende Ayrton Senna ist auf dem Weg in die Formel 1

Karin Sturm[Melbourne]

Sein Onkel hatte es schon Anfang der Neunzigerjahre geahnt. „Ihr denkt immer, ich bin gut“, sagte Ayrton Senna damals. „Wartet mal, bis Bruno kommt.“ Fast jedes Wochenende tobte der noch nicht einmal zehnjährige Bruno auf Sennas Kartstrecke herum und begeisterte seinen Onkel. Jetzt ist Bruno fast da. Der Neffe des verstorbenen dreimaligen Formel-1-Weltmeisters Ayrton Senna hat an diesem Wochenende sein erstes Formel-3-Rennen gewonnen, im Rahmenprogramm des Formel-1-Grand-Prix von Australien in Melbourne. „Ich habe mich immer gefragt, wie es wohl sein würde, ein Rennen zu gewinnen“, sagt der 22-Jährige. „Und jetzt muss ich sagen, es ist einfach unbeschreiblich.“

Es hatte etwas von einer kleinen Zeitreise, als Senna in Melbourne ganz oben auf einem Siegerpodest stand. Die Ähnlichkeit mit seinem berühmten Onkel, auch in Ausdruck und Gestik, war nicht zu übersehen. Hinter ihm wehte die brasilianische Flagge, dazu erklang die Hymne, die Ayrton Senna insgesamt 41 Mal nach einem Grand Prix gehört hatte. Vielleicht wird es diese Momente bald in der Formel 1 wieder geben.

Zwischenzeitlich sah es allerdings gar nicht danach aus. Nach Ayrton Sennas tödlichem Unfall im Mai 1994 in Imola verbot dessen Schwester Viviane ihrem Sohn Bruno das Kartfahren. „Die ganze Familie war dagegen“ , sagt Senna. „Es ist ja auch irgendwie verständlich.“ Das Ansehen des schnellen Fahrens litt in der Familie noch mehr, als Senna später auch seinen Vater durch einen Motorradunfall verlor.

Acht Jahre lang versuchte er, „das Rennfahren zu vergessen, es endgültig aus dem Kopf zu bekommen – aber es ging einfach nicht.“ Mit 18 erklärte er seiner Mutter, dass er unbedingt wieder fahren wolle. Anfangs sträubte sie sich, nach einiger Zeit erlaubte sie es dann doch, und „inzwischen steht sie voll dahinter“. Lediglich Familienoberhaupt Milton Senna da Silva, Ayrtons Vater, ist auch heute noch alles andere als begeistert vom Weg seines Enkels, „aber er muss meine Entscheidung respektieren. Ganz nebenbei: Er war es und nicht Ayrton, der mich zum ersten Mal in ein Kart gesetzt hat.“

Nun muss Senna die verlorenen Jahre im Eiltempo aufholen – und es könnte ihm gelingen. Vergangenes Jahr stand er in der britischen Formel-3-Meisterschaft bereits dreimal auf dem Podest und holte eine Poleposition. Diese Saison will er den Titel, dann soll ein Jahr in der GP2-Serie folgen, die als Sprungbrett in die Formel 1 gilt. „Wenn die Leistungen stimmen, werden die Angebote schon kommen“, sagt er – wohl wissend, dass ihm sein Name einige Türen öffnen wird.

Bruno Senna ist sich jedoch auch darüber im Klaren, dass sein Name nicht nur Vorteile hat. „Er bringt eine hohe Verantwortung mit sich“, sagt er. „Da kommt sofort der Vergleich mit Ayrton – vor allem von Leuten, denen gar nicht bewusst ist, wie wenig Erfahrung ich habe.“ Sein Onkel ist natürlich sein großes Idol. Immer wieder schaut er sich zu Hause alte Aufzeichnungen der Rennen an und versucht, daraus zu lernen. Eines hat er von ihm schon übernommen: die Zielstrebigkeit und Ernsthaftigkeit, mit der er seine Aufgabe angeht. Das Rennen in Melbourne etwa war nur ein Showrennen – Sennas Formel-3-Saison in Großbritannien hat noch gar nicht begonnen. Er startete trotzdem, um den Formel-1-Kurs kennen zu lernen. „Ich mache das hier nicht zum Spaß“, erklärt Senna. „In unserer Familie macht niemand halbe Sachen. Was wir anfangen, das wollen wir perfekt machen.“ Wenn alles perfekt läuft, könnte Senna bald in der Formel 1 fahren. Doch das reicht ihm nicht. „Ich will auch gewinnen und natürlich Weltmeister werden“, sagt Bruno Senna. „Ich hasse es grundsätzlich zu verlieren – egal, bei was.“ Er ist nicht der erste Senna, der das sagt.

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