Sport : Brutales Nachspiel

Nach Randale und dem Tod eines Polizisten ruht der Spielbetrieb in Italiens Fußball auf unbestimmte Zeit

Vincenzo delle Donne,Paul Kreiner[Rom]

Das Inselderby der Serie A zwischen Catania Calcio und dem US Palermo hätte ein Fußballfest sein sollen, bei dem die Rolle Siziliens in der neuen Fußballgeographie des Landes gefeiert werden sollte. Doch Randale von Fans vor, während und nach dem Spiel verwandelten es in einen Tiefpunkt für den italienischen Fußball, der nach dem Manipulationsskandal des letzten Sommers um den letzten Rest Glaubwürdigkeit kämpft. Im Land des Weltmeisters ereignete sich eine Tragödie: Ein Polizist starb, ein weiterer schwebt in Lebensgefahr. Hunderte Polizisten und Fans wurden bei den Ausschreitungen verletzt, 15 Fans wurden festgenommen. Der italienische Fußballverband sagte noch am Freitag für das Wochenende alle Spiele der ersten und zweiten Liga ab. Auch das Freundschaftsspiel der Nationalmannschaft gegen Rumänien am Mittwoch und das der U21 gegen Belgien am Dienstag werden nicht stattfinden. Am Montag will der Verband entscheiden, was darüber hinaus passieren soll. „Es reicht nicht aus, den Spielbetrieb für einen Tag zu unterbrechen“, sagte Verbandspräsident Luca Pancalli, „ohne drastische Maßnahmen kann der Fußballbetrieb nicht weitergehen.“

Das sizilianische Derby zwischen Catania und Palermo am Freitag wurde schon von Anfang an von Randale begleitet. Die als besonders gewalttätig geltenden Fans von Catania hatten Müllcontainer angezündet und die Gegend um das Stadion herum verwüstet. Der Mannschaftsbus des Teams aus Palermo wurde mit Flaschen, Orangen, Steinen, Eiern und anderen Wurfgeschossen angegriffen. Als nach Beginn der zweiten Halbzeit auch die von der Polizei zunächst auf Distanz gehaltenen Fans von Palermo ins Stadion gelassen wurden, entbrannte ein regelrechter Krieg. Feuerwerkskörper, Papierbomben, Sitze, Wasserhähne und sogar zwei Toilettenbecken flogen in die gegnerischen Reihen; der Schiedsrichter unterbrach die Partie für zunächst 25 Minuten, und als ein Neuanfang wieder unter Wurfgeschossen zusammenbrach, für eine weitere Viertelstunde. Dass die Partie – wie für solche Fälle vorgeschrieben – nicht abgebrochen wurde, erklären die Sicherheitsverantwortlichen mit der Angst vor noch größeren Unruhen. Dabei war das Derby aus Sicherheitsgründen vom Sonntag auf Freitag vorgezogen worden: Am Sonntag feiert Catania das Fest der Heiligen Agatha, der Stadtpatronin. Zu dem traditionellen Volksfest werden Tausende erwartet; auch sollten wegen des beliebten Festfeuerwerks beträchtliche Mengen an explosivem Material in Catania eintreffen.

Nach den Unruhen sind auch die Politiker des Landes entsetzt. Italiens Innenminister Giuliano Amato sagte: „Unter diesen Umständen schicke ich meine Polizisten nicht mehr in die Stadien.“ Regierungschef Romano Prodi sprach von „Krieg im Stadion“ und forderte drastische Konsequenzen. Aus dem Vatikan hieß es, die Unterbrechung genüge „absolut nicht“ als Antwort auf die Tragödie.

Einem etwa zwei Jahre alten Gesetz zur Verbesserung der Sicherheitslage in den Stadien zufolge sollten Feuerwerkskörper gar nicht mehr eingeschmuggelt werden können. Etliche Stadien aber haben für die verlangte technische Nachrüstung einen Aufschub erhalten. Der streng an Namen und Personalausweis gebundene Verkauf von Tickets ist nicht überall Realität; auch stößt er bei den Fans – und auch bei manchen Fußballvereinen – auf Ablehnung. Palermos Klubpräsident Maurizio Zamparini kritisierte nun sogar die Entscheidung, die Meisterschaft auszusetzen. „Wir leben in einer unzivilisierten Gesellschaft“, sagte er, „diese Sachen passieren, weil etwas nicht funktioniert.“ Die Spielabsage sei „eine spontane Entscheidung aus dem Bauch heraus“ gewesen, sagte er. „Um die Probleme zu lösen, brauchen wir keine Demagogie, sondern Fakten.“ Er schlug vor, sich an den englischen Maßnahmen gegen gewalttätige Hooligans zu orientieren.

Sportministerin Giovanna Melandri befürwortete dagegen die Entscheidung. „Die Regierung wird nicht mehr tolerieren, dass bei jedem Spieltag Tausende von Polizisten eingesetzt werden und nicht nur ihr Leben riskieren, sondern auch das von unbeteiligten Bürgern“, sagte Melandri. Sergio Camapana, Präsident der Spielergewerkschaft, sagte sogar: „Ein Spieltag reicht nicht aus, wir müssen die Meisterschaft mindestens ein Jahr lang aussetzen.“ Denn das Problem Gewalt ist im italienischen Fußball tief verwurzelt: Vor einer Woche starb ein Funktionär einer Kreisklassenmannschaft aus Kalabrien. Er wurde auf dem Platz zu Tode geprügelt.

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