• Buchreihe "Fußballfibeln": Ich wohne in der Zone! – Die BFC-Fans der 1980er Jahre

Buchreihe "Fußballfibeln" : Ich wohne in der Zone! – Die BFC-Fans der 1980er Jahre

In der neuen Buch-Reihe "Fußballfibeln" ergründen Fans die Seele ihres Klubs, zum Anfang stellen wir einen Auszug des Werkes zum BFC Dynamo Berlin vor.

Marco Bertram
Lang das Haar. Gut die Laune, obwohl das MFS mittenmang war. BFC-Fans im Jahr 1973.
Lang das Haar. Gut die Laune, obwohl das MFS mittenmang war. BFC-Fans im Jahr 1973.Foto: Imago

1980/81. Der BFC Dynamo dominierte den Oberliga-Fußball und der landesweite Hass auf den von Erich Mielke persönlich geförderten Hauptstadtverein wurde immer größer. War der BFC Dynamo in den 1970er Jahren von Rostock bis Suhl, von Magdeburg bis Dresden einfach nur unbeliebt, so wuchs mit zunehmendem sportlichem Erfolg seit Ende der 1970er Jahre die Abneigung ins Unermessliche. Generell waren Ost-Berliner außerhalb der Stadtgrenzen, vor allem aber in den südlichen Bezirken der DDR, überaus unbeliebt. Sie galten als großschnäuzig und klar bevorzugt. Apfelsinen und Bananen? Die gab es in der Regel nur in HO-Kaufhallen in Ost-Berlin (wenn auch dort nur sporadisch). (…) Selbst als kleiner Stift hatte man es nicht leicht, wenn man nach Sachsen, Thüringen oder an die Ostseeküste in ein Betriebsferienlager fuhr. Eine Portion Senge für die Ost-Berliner Bengels war häufig mit im Programm. Andererseits hatte man als Ost-Berliner stets das Gefühl, in der Provinz der King zu sein. Man hatte was zu erzählen, man hatte häufig die besseren Klamotten an, und was wichtig war: Man war als Hauptstadtkind in der Regel sehr aufgeschlossen. War die sächsisch-preußische Barriere erst einmal überwunden, stand gemeinsamen Ferienlager-Cliquen nichts im Wege.

 Dafür blieb im Fußball-Fanalltag natürlich keine Zeit. Wenngleich es kurzzeitig freundschaftliche Kontakte zwischen Anhängern des BFC Dynamo und des FC Karl-Marx-Stadt sowie des 1. FC Lokomotive Leipzig gab, standen die Begegnungen meist unter keinem guten Stern. Die Volksseele kochte, wenn der Meister aus der Hauptstadt der DDR nach Leipzig, Dresden oder Magdeburg reiste. In Leutzsch flogen schon mal Steine aus dem Gebüsch, bei Lok Leipzig wurde einmal der gesamte Gästeblock überrannt. Dabei kam das legendäre weinrote Banner „Berliner Fussballclub“ abhanden. Es sollte nie wieder auftauchen, Lok-Anhänger haben es an einem unbekannten Ort verbrannt.

Die Fibel zum BFC.
Die Fibel zum BFC.Foto: promo

 Auswärtsfahrten waren in der DDR nicht so leicht umzusetzen, wie man heute vielleicht denkt. Im Gegensatz zum Personennahverkehr (in Ost-Berlin kostete ein ermäßigter Einzelfahrschein zehn Pfennige) war das Reisen im Fernverkehr mit der Deutschen Reichsbahn (DR) durchaus kostspielig. Zudem konnte eine Fahrt von Berlin nach Jena schon mal sieben Stunden dauern. Je größer die Truppe war, desto leichter war es aber, den Schaffner zu überlisten und mit herumgereichten Gruppentickets völlig aus dem Konzept zu bringen. Nicht wenigen Fußballfans gelang es zu DDR-Zeiten, völlig kostenfrei zu den Auswärtsspielen zu tingeln. Begleitet wurden die auswärts fahrenden Fans in der Regel von Einsatzkräften der Transportpolizei (Trapo). Mal kannte man sich und kam soweit ganz gut miteinander aus, mal allerdings saß der Knüppel recht locker und die kleinste Provokation genügte, um am nächsten Bahnhof den einen oder anderen Fußballfreund dingfest zu machen. Willkür war häufig im Spiel. Besonders in Leipzig, Karl-Marx-Stadt und Dresden. Ohne Grund konnte man festgenommen und in den nächsten Zug zurück nach Ost-Berlin gesteckt werden. Andererseits schauten sächsische Polizeibeamte gern auch mal weg, wenn Lok- oder SGD-Anhänger ordentlich austeilten und den Berlinern zeigten, wo der Hammer hing.

 Gut Kirschen essen war mit der Anhängerschaft des BFC Dynamo nicht. Die bereits etwas älteren Haudegen „Peking“ und „Peitsche“ führten die Truppe an, manch ein Heranwachsender BFC-Fans schaute ehrfurchtsvoll zu den beiden auf. Dass Peking und Peitsche unter Beobachtung standen, versteht sich von selbst. Anfang der 1980er kam bei Peitsche Paragraph 50/51 zur Geltung. Berlinverbot. Diese Form der Strafe wurde nicht allzu häufig angewandt. Schätzungen gehen davon aus, dass rund zehn BFC-Fans im Laufe der 1980er Jahre ein Berlinverbot bekamen, indes zahlreiche Fußballfans für kurze oder längere Zeit ins Gefängnis wanderten. Mal kam eine ganze Latte an Straftaten zusammen, mal genügte als Grund das Ziehen (Ruppen) eines feindlichen Schals, das als schwerer Diebstahl mit (versuchter) Körperverletzung ausgelegt wurde. Die Knastzellen in der Berliner Keibelstraße, in Berlin-Rummelsburg, in Bautzen oder Torgau hatten etliche Anhänger des BFC Dynamo zu Gesicht bekommen. Die Haftdauer konnte empfindlich lang sein. Kein Wunder, dass aufgrund der Drangsalierung und der teils drakonischen Strafen ab 1983 immer mehr Fußballfans einen Ausreiseantrag stellten, um in den Westen zu kommen.

 Wenn der BFC Dynamo auch dem Ministerium für Staatssicherheit unterstand, so waren seine Anhänger nicht wirklich linientreu. Sicherlich wird es auch solche Fans gegeben haben, doch die aktive Anhängerschaft machte ihr eigenes Ding und eckte an so oft es ging. Manch einer lehnte sich offen gegen das System auf, andere wollten einfach nur Spaß haben und dem Alltag entfliehen. Fußball bot dazu reichlich Gelegenheit. Gemeinsam mit Kumpels auf Achse, Alkohol, reichlich Adrenalin bei Auswärtsspielen und die Möglichkeit in der Masse auch mal etwas rufen und singen zu können, was im Alltag undenkbar war.

„Hundert Meter im Quadrat. Mauer, Mielke, Stacheldraht. Jetzt wisst ihr wo ich wohne, ich wohne in der Zone!“, hallte es mitunter aus dem Block. Oder auch: „Einmal wird es anders sein, dann sperren wir die Bullen ein!“

Treuer Anhang: Mitarbeiter des MFS schauten bei jedem Spiel zu

 Die angesprochenen Spione, sprich die Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, waren bei Fußballspielen stets vor Ort. Mal wurden sie beachtet, mal schlichtweg ignoriert. Erkannt wurden sie praktisch immer. Während Volkspolizei und Transportpolizei vor Ort schon mal rabiat zur Sache gingen, agierten die Mitarbeiter des MfS umsichtiger. Gespräche wurden abseits der Stadien geführt, Festnahmen erfolgten in der Regel diskret. Zersetzen und Zermürben, so lautete das Ziel des MfS. Zu tun gab es genug. Beim BFC Dynamo tummelte sich Ende der 1970/80er Jahre so ziemlich alles an Subkulturen in den Fanblöcken. Hippies, Rocker, Punks und später auch Skinheads.

Die einen waren politisch links eingestellt, die anderen rechts. Womit sich in der DDR verständlicherweise besser provozieren ließ, war ein rechtes Erscheinungsbild. Anfang der 1980er Jahre verschwanden bei etlichen Fans die langen Haare, angesagt waren nun Kurzhaarschnitt oder Glatze. Dazu das passende Outfit. Mitunter waren auswärts rund 300 Anhänger des BFC in der entsprechenden Montur unterwegs. Röhrenjeans und Stiefel. Dass dies den entsprechenden Organen keine Jubelarien entlockte, war klar. Die Antwort lautete: Zersetzung! Es wurde observiert und archiviert. Eindringliche Gespräche, Einschüchterungsversuche, Meldeauflagen und Festnahmen. Der Staat hatte alles versucht, die Fußballfans ließen sich am Ende nicht unterkriegen. An die Öffentlichkeit gelangte davon kaum etwas. Von Fußballkrawallen und Auseinandersetzungen im Stadionumfeld war eher selten etwas in den Tageszeitungen zu lesen. Kam es zu Blockstürmen, die auf dem Fernsehbildschirm im Hintergrund nicht zu übersehen waren, wurde ganz einfach von Rowdytum gesprochen. Fans, die ein Stadionverbot aufgebrummt bekamen, fanden mitunter ihren Namen in der nächsten Ausgabe des Programmhefts wieder. Vereine, Verband und die Sicherheitsorgane waren diesbezüglich nicht zimperlich und stellten auf diesem Wege die Fußballrowdys an den Pranger.

 Apropos. Vom Punk zum Skin oder umgekehrt – das konnte bei Jugendlichen in der DDR schon mal fix gehen. Unvergessen, wie einer meiner besten Freunde im Sommer 1988 über Nacht die Schnürsenkel gewechselt hatte. (…) Groß meine Augen, als der erwähnte Freund eines Morgens mit roten Schnürsenkeln in der Schule antanzte. „Ich bin jetzt ein Autonomer!“, erklärte er. „Ein was?“, „Ein Autonomer! Ein Punk! Aber wir können trotzdem Freunde bleiben!“ So einfach kann die Welt der 15-Jährigen sein.

 

 - Auszug aus Marco Bertram, "die BFC Dynamo-Fußballfibel". 144 Seiten, ISBN 978-3-944068-38-1. Herausgegeben wird die Reihe Fußballfibeln von Frank Willlmann.

Zum Autor: Marco Bertram begleitet den BFC Dynamo seit über 20 Jahren bei Heim- und Auswärtsspielen.

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