Bundesliga : Bayern scheitert an der vielbeinigen Abwehr und Raphael Schäfer

In Nürnberg reißt die Siegesserie des FC Bayern, weil ihm an diesem Tag die Leidenschaft fehlt.

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Abgeschoben. Andreas Ottl musste nach Nürnberg wechseln, um da zu spielen, wo es Bastian Schweinsteiger beim FC Bayern tut. Foto:...dpa

Zum Schluss hat Andreas Ottl noch ein Bayern-Trikot bekommen. Er hat in 14 Jahren Vereinszugehörigkeit schon ein paar gesammelt, aber noch keines mit der Nummer 21. Die wird im Bundesliga-Alltag getragen von Philipp Lahm. Lahm ist ein Jugendfreund von Ottl, mit dem er sonst in die Disko geht, wenn sie nicht gerade Fußball gegeneinander spielen, was am Samstag zum ersten Mal überhaupt der Fall war. Lahm wird im Sommer heiraten. Sein Kumpel Ottl ist natürlich eingeladen, und für den Fall, dass er noch kein Geschenk haben sollte: Wie wäre es denn mit einem vollgeschwitzten Trikot mit der Nummer 21 und einem Grußkärtchen: Weißt du noch, damals, im Februar? Das Derby in Nürnberg? Als wir euch die Meisterschaft versaut haben...

Ottl wird sich ganz gern daran erinnern. Zum einen, weil er ganz gut gespielt hat in dieser 23. Bundesliga-Runde und damit, zum anderen, einen nicht ganz unwesentlichen Beitrag leistete zum 1:1 des 1. FC Nürnberg gegen den FC Bayern. „Wir haben uns diesen Punkt mit sehr hohem Aufwand verdient“, sagte der Nürnberger Trainer Dieter Hecking. Seine Spieler konnten zwar nicht so gut mit dem Ball umgehen wie die Münchner, aber dafür liefen sie wie die Hasen. Wo ein Münchner stand, waren meist schon zwei Nürnberger, und einer davon war meist Andreas Ottl.

Zur Rückrunde haben ihn die Bayern nach Nürnberg ausgeliehen, wo er das bekommt, was er in München kaum noch bekam, nämlich Spielpraxis. Beim Club ist Ottl im defensiven Mittelfeld gesetzt. So etwas ist beim FC Bayern ein bisschen schwieriger, seitdem sich nun auch der verspielte Bastian Schweinsteiger versucht auf der Position, die als die wichtigste überhaupt gilt. Nicht mal der mit hohem finanziellen Aufwand verpflichtete Ukrainer Anatoli Timoschtschuk ist gut genug für mehr als Kurzeinsätze in der Münchner Kommandozentrale hinter der Mittellinie, wo der Holländer Mark van Bommel die Befehle gibt, die sein Landsmann Louis van Gaal auf dem Trainingsplatz ausgearbeitet hat.

Mark van Bommel gegen Andreas Ottl, das war zwar kein direktes Duell am Samstag, aber mit ihrer jeweiligen Arbeit standen die beiden idealtypisch für indigniertes Unverständnis auf der einen Seite und nicht minder große Begeisterung auf der anderen. Van Bommel hat später gesagt, er könne seiner Mannschaft keinen Vorwurf machen, „wir haben gut gespielt, aber es ist schwer, wenn der Gegner immer mit elf Leuten in der eigenen Hälfte steht. Am Ende kommt ein 1:1 raus, unverdient, aber das passiert manchmal.“ Dass die jüngste Erfolgsserie erst einmal beendet ist, sei zwar schade, aber nach neun Siegen in Folge sei „die Wahrscheinlichkeit eines Punktverlustes immer größer geworden“. Diese Behauptung ist aus mathematischer Sicht völlig korrekt, und sie erklärt wegen ihres allzu analytischen Charakters zudem, warum es zu diesem aus Münchner Perspektive unzureichendem Ergebnis kam.

Natürlich waren die Bayern überlegen, aber es war die typische Münchner Überlegenheit, begleitet von einem Hauch Überheblichkeit, die eine von Erfolgen verwöhnte Mannschaft zwangsläufig befällt. Auch in Nürnberg waren sie so fest überzeugt von der eigenen Qualität, dass ihnen im entscheidenden Augenblick die Leidenschaft fehlte, mit der die Nürnberger sich in dem für sie wichtigsten Spiel des Jahres gegen den Abstieg stemmten. Am Ende half dem turmhoch überlegenen Favoriten nicht mal der berühmte Bayern-Dusel. In den letzten Sekunden der Nachspielzeit flog der von einem Nürnberger Bein abgefälschte Ball noch einmal wie durch ein Wunder auf den Fuß von Thomas Müller. Der junge Mann mit dem berühmten Namen, dem er auch am Samstag als einer der Besten alle Ehre machte, er hatte freie Bahn zum Tor, und auf einmal war es ganz still im Stadion. Am Ende aber war es genau dieses Nürnberger Abwehrbein, das dem Schicksal seinen Lauf gab und dem Ball so viel Spin, dass er Müller versprang und in die Arme des Nürnberger Torhüters Raphael Schäfer trudelte.

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