Bundesliga : Bei Hertha geht es "um die Existenz"

Nach dem Desaster von Nürnberg gehen die Argumente für eine Rettung aus. Manager Preetz gerät in die Kritik - und das Verhältnis der Mannschaft zu ihren Fans verschlechtert sich zusehends.

Ingo Schmidt-Tychsen
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Zum Haareraufen. Kapitän Arne Friedrich und Trainer Friedhelm Funkel diskutieren Herthas hoffnungslose Lage nach dem Training am...Foto: City-Press

Berlin - Es war 12.17 Uhr, als die Spieler am Sonntag vom Trainingsplatz schlichen. Die Köpfe trugen sie gesenkt. Trainer Friedhelm Funkel hatte sie gerade eine Dreiviertelstunde lang über den Schenckendorffplatz rennen lassen. Straftraining, statt Auslaufen. Herthas Profis aber waren nicht einmal sauer darüber. „Das haben wir gebraucht“, sagte Gojko Kacar stellvertretend für seine Kollegen. „Wir mussten wieder klar werden im Kopf.“ Herthas Talentiertester war in Nürnberg noch vor der Halbzeit ausgewechselt worden, was so ziemlich die schlimmste Beleidigung für einen Fußballer ist. Doch selbst das konnte der Serbe seinem Trainer nicht so recht verübeln, „weil ich schlecht war“. Natürlich nimmt dem seit zwei Wochen in Berlin arbeitenden Friedhelm Funkel niemand etwas krumm, er ist schließlich gekommen, als Hertha schon bis zum Hals in der Krise steckte. Jetzt sind die Probleme bis über Augenhöhe angewachsen. Der Mannschaft fehlt nach ihrer beängstigend schwachen Vorstellung in Nürnberg jegliches Argument, um ihre Leistung überhaupt diskutieren zu dürfen. Und das Management um Michael Preetz muss sich nach neun Spieltagen bereits Fragen nach der eigenen Bilanz gefallen lassen.

Am Sonntag setzten erst einmal die bei kriselnden Bundesligisten üblichen Mechanismen ein: Die Presse und die zwei Dutzend Fans wurden erst zu Beginn des Trainings auf das Vereinsgelände gelassen. Trainer, Kapitän und Manager hielten vor dem Training eine Ansprache an die Mannschaft. Dabei sei der Trainer schon „etwas lauter“ geworden, berichtete Gojko Kacar. Laut Funkel sei es vor allem darum gegangen „das Bewusstsein darauf zu lenken, wo wir stehen“. Funkel kündigte auch an, einige Spieler aus der Mannschaft zu nehmen. „ Ich werde jetzt den Kader auf den Prüfstand stellen und herausfinden, auf wen ich mich verlassen kann. Da hatten wir in Nürnberg noch zwei, drei Spieler zu viel, die werden das nächste Mal nicht mehr dabei sein.“ Wen Funkel damit meinte, wollte er nicht sagen.

Funkel wird wohl ein Exempel statuieren wollen. Die Wahl geeigneter Spieler wird ihm gar nicht so leicht fallen, weil in Nürnberg eigentlich keiner weit hinter dem Niveau der anderen zurückgeblieben war – derjenige hätte schließlich auch schon einen Liegestuhl mit auf den Rasen nehmen müssen. Auch deshalb stellte sich am Sonntag abermals die Frage nach der Bundesligatauglichkeit des Kaders. Unter dem unmittelbaren Eindruck des Desasters von Nürnberg hatte Funkel sogar davon gesprochen, dass „es so aussieht, als wenn die Qualität nicht reicht“. Am Sonntag revidierte der erfahrene Trainer seine Einschätzung und erinnerte an das passable Spiel der Mannschaft gegen den Hamburger SV zwei Wochen zuvor. Dass der abstiegskampferfahrene Funkel Zweifel an der Tauglichkeit des Kaders hegt, ist erschreckend.

Herthas Kader wurde vom ehemaligen Trainer Lucien Favre, aber in Teilen auch von Michael Preetz zusammengestellt. Im Sommer hatte Preetz den geschassten Dieter Hoeneß abgelöst, seitdem haben die Berliner sieben Spieler geholt (Wichniarek, Bengtsson, Ramos, Cesar, Kringe, Pejcinovic und Ochs). Doch keiner der Neuen konnte der Mannschaft weiterhelfen. Wie er seine eigene Arbeit beurteile, wurde Michael Preetz deshalb gestern gefragt. „Es ist nicht alles aufgegangen, gar keine Frage“, antwortete er. Preetz ließ sich dabei wie auch sonst in den vergangenen Wochen keine Emotionen anmerken. Der Manager trug seine überlegten Antworten ruhig und sachlich vor.

Am meisten aufhorchen ließ Preetz mit seinem härtesten Satz. „Es geht um die Existenz“, sagte er. Es gilt eben nicht als gesichert, dass Hertha im Falle eines Abstiegs in die Zweite Bundesliga überlebensfähig ist. Einige Verträge sind erfolgsabhängig, die Lizenz stünde auf dem Spiel. Auch Kapitän Arne Friedrich sprach davon, dass es „um die Geschäftsstelle geht“.

Auch das Verhältnis der Mannschaft zu ihren Fans verschlechtert sich zunehmend. Die ersten sechs Bundesliga-Niederlagen hatten die Anhänger noch mit erstaunlicher Geduld ertragen und ihre Mannschaft trotzdem unterstützt. Vor zwei Wochen gegen Hamburg riefen sie bei der Aufstellung statt der Nachnamen der Profis „Hertha BSC“. In Nürnberg nun jagten sie ihre Mannschaft davon, als diese nach dem Abpfiff in die Kurve gehen wollte. „Wir werden von nun an anders mit der Situation umgehen. Es wird unangenehmer für die Spieler, wenn das so weitergeht. Wir werden ab jetzt auch beim Training vorbeischauen“, hieß es aus dem harten Fankern.

Gestern allerdings hatte es nur ein paar wenige Fans zum Training verschlagen – die Spieler konnten in Ruhe ihre Strafrunden laufen.

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