Bundesliga : Es läuft gegen Hertha

Vom Schweizer Lucien Favre wurde erwartet Spielkultur und ein neues Mannschaftsgefühl mit nach Berlin zu bringen. Wenige Monate nach seinem Amtsantritt ist davon immer noch nicht viel zu spüren. Der Hertha-Coach gerät immer mehr unter Druck – auch durch Manager Dieter Hoeneß

Claus Vetter
Hertha
Bis hierhin und nicht weiter: Bei einer Niederlage gegen den VfB Stuttgart droht den Berlinern der Fall in den Tabellenkeller. -Foto: Engler

Berlin - Es war ein Nachmittag mit Sonnenschein im Berliner Olympiastadion. Spielerisch gesehen auch. Da gab es jene halbe Stunde, in der Hertha BSC am 18. August vergangenen Jahres den eigenen Anhang mitriss. Aus einem 0:1-Rückstand gegen den VfB Stuttgart wurde noch ein 3:1-Sieg für den Berliner Fußball-Bundesligisten. Trainer Lucien Favre nahm den erfolgreichen Auftritt seiner Mannschaft zum Anlass, um seinem Personal „Charakter“ und „Persönlichkeit“ zu attestieren. Egal, dass der Wendepunkt des Spiels einem geschundenen Elfmeter des Brasilianers Lucio geschuldet war. Der Erfolg gegen den Deutschen Meister versprach viel, und Dieter Hoeneß war zufrieden. Mit dem neuen Trainer und der Mannschaft. Die sei über sich hinausgewachsen, sprach der Manager.

Siebzehn Spieltage später nun treten die Berliner heute bei den Schwaben (Spielbeginn 15.30 Uhr) und vom Versprechen einer wachsenden Spielkultur ist nichts übriggeblieben, von guter Stimmung keine Spur. Herthas Aufschwung dauerte genau bis zum sechsten Spieltag, bis dahin gab es zwölf Punkte, seitdem nur noch acht. Eine genauso schlechte Tendenz haben nur Arminia Bielefeld und der MSV Duisburg – Mannschaften, die im Abstiegskampf angekommen sind.

Trainer Favre scheint dieser Tage an der Umsetzbarkeit seiner Visionen zu zweifeln. Der Gesichtsausdruck des Mannes mit dem Grübchen im Kinn ist ernster geworden, seine Aussagen wirken kraftloser als zu Saisonbeginn, als Favre so gern über den Fußball und die Welt philosophierte. Nun sagt er: „Ich konzentriere mich nur auf meine Mannschaft.“ Auf die anderen, wichtigen Dinge scheint sich vor allem der Manager zu konzentrieren. Zwei Dinge, sagt Dieter Hoeneß, habe er beim 0:3 gegen Eintracht Frankfurt zum Rückrundenauftakt nicht gesehen. „Da hatten wir nicht die Homogenität und konnten nicht auf des Gegners Tor Druck machen.“

Überhaupt scheint der Manager im eigentlichen Kompetenzbereich des Trainers heimischer zu werden. Was die zuletzt spielerischen Schwächen der Mannschaft betrifft, sagt Hoeneß: „Das werden wir verbessern. Das wird konkret angegangen, da müssen wir anders auftreten. Stuttgart wird ein guter Test. Da werden wir sehen, ob bei der Mannschaft angekommen ist, was wir uns vorstellen.“ Wir, wir, wir – wer? Gut möglich, dass Hoeneß so langsam Zweifel an dem Vorhaben Favres kommen, aus einem mittelmäßigen Bundesligisten einen guten zu machen: der drohende Sturz in die Abstiegszone ist bei nur fünf Punkten Vorsprung auf Tabellenplatz 16 nahe.

Mannschaftskapitän Arne Friedrich, der heute nach überstandener Achillessehnenreizung wieder spielen könnte, sagt trotzig: „Ziel ist es, am Ende auf einem einstelligen Tabellenplatz zu stehen.“ Und Trainer Favre spricht der Mannschaft noch einmal sein Vertrauen aus. „Jeder kann die Tabelle lesen, Platz neun ist nicht weit entfernt. Ich denke, wir werden aus dieser Situation herauskommen.“ Auch Hoeneß macht einen zweckoptimistischen Eindruck, wenn er sagt: „Unsere Entwicklung wird durch das Spiel gegen Frankfurt nicht gestört.“ Man denke an die langfristige Perspektive. Dann aber spricht Hoeneß doch von der wichtigen „kurzfristigen Perspektive“. Er sagt: „Diese Saison müssen wir im Blick haben.“ Wir also wieder.

Lange hat Manager Dieter Hoeneß Trainer Lucien Favre bei den permanenten personellen Umbauarbeiten unterstützt. Die Mannschaft hat Favre in der Winterpause noch einmal gehörig umkrempeln können – oder besser: seinen Kader. In der Berliner Anfangsformation heute beim Spiel in Stuttgart werden mit dem Brasilianer Raffael, dem Serben Gojko Kacar und dem Tschechen Rudolf Skacel wohl nur drei von fünf im Januar nach Berlin geholten Akteuren spielen. Auch Fabian Lustenberger und Steve von Bergen – letzterer allerdings verletzt – werden wohl nur zuschauen. Diese Spieler wurden ebenso auf Favres Wunsch nach Saisonbeginn vom Manager verpflichtet. Lange bewegte sich Dieter Hoeneß mit Lucien Favre in Gedanken in einer erfolgreichen Zukunft von Hertha. Doch nun will der Manager Ergebnisse sehen – am besten schon heute in Stuttgart.

Die Berliner treten im Gottlieb-Daimler-Stadion mit der vielleicht ungünstigen Voraussetzung an, dass die Schwaben nach dem 1:4 bei Schalke 04 zum Rückrundenauftakt etwas gutzumachen haben. Der Abstiegskampf würde für Hertha BSC heute mit einer Niederlage beim Tabellenneunten neue Dynamik bekommen und die Stimmung zwischen Manager und Trainer könnte ein noch größeres Thema werden.

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