Bundesliga : Hertha BSC: Hart, aber fair

Zu Herthas Erfolgsrezept gehört auch ein Zweikampfverhalten, das sehr wenig Gelbe Karten provoziert.

Michael Rosentritt
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Seltener Anblick. Eine Gelbe Karte wie hier gegen Arne Friedrich müssen die Schiedsrichter in dieser Saison kaum zücken.Foto: AFP

Berlin - Es sind nicht nur die Tore von Andrej Woronin, die Hertha BSC vom ersten Meisterschaftsgewinn seit 78 Jahren träumen lassen, es ist auch nicht der bärenhafte Tanz des Managers Dieter Hoeneß. Vielmehr sind es Szenen, die sich oft erst auf den dritten Blick zu einem Gesamtbild fügen.

In Cottbus, beim jüngsten Hertha-Spiel, trug sich eine solche Szene zu. Nach einem durchaus fragwürdigen Freistoßpfiff war Arne Friedrich bei Schiedsrichter Helmut Fleischer aufgetaucht. Als Mannschaftskapitän bat er um Erklärung. Irgendwann wurde es Fleischer zu bunt, er zeigte Friedrich Gelb. Es war die einzige Gelbe Karte für Hertha in diesem emotionsgeladenen Bundesliga-Derby. Und die wurde wegen Diskutierens gezeigt. Für Friedrich war es erst die dritte Gelbe Karte in dieser Saison. Eine hervorragende Quote, wenn man bedenkt, dass er Innenverteidiger ist und in 21 Spielen zum Einsatz kam. Und das gilt für Hertha insgesamt. Gegen das Team gab es in dieser Saison weder Rote noch Gelb-Rote-Karten. Das ist kein Zufall, sondern mittlerweile eine echte Qualität.

Herthas Erfolg hat viele kleine Geheimnisse. Die Effektivität, die Stimmung im Team, vor allem aber die taktische Disziplin. Während andere Mannschaften immer wieder Stammkräfte wegen der fünften Gelben, einer Gelb-Roten oder einer Roten Karte ersetzen müssen, musste bei den Berlinern bisher nur Cicero nach seiner fünften Gelben Karte ein Spiel aussetzen. Zum Vergleich: In der Saison 2006/07 mussten sieben Hertha-Spieler solche Sperren absitzen, dazu gab es fünfmal Gelb-Rot gegen Hertha und zweimal Rot. In der Saison davor gab es sieben Gelb-Sperren gegen Herthaspieler, sechs Gelb-Rote Karten und drei Rote.

Gelb-Rot? Rot? Fehlanzeige!

Diese Entwicklung ist gewollt. Die Lieblingslektion von Hertha-Trainer Lucien Favre heißt Spielorganisation. Wer gut steht beziehungsweise sich richtig bewegt, kommt selten in die Verlegenheit, foulen zu müssen. Dabei geht es nicht darum, völlig kontaktlos zu spielen, was im Fußball auch nicht möglich ist. Der Gegner soll zum richtigen Zeitpunkt mit den richtigen Mitteln attackiert werden.

Joachim Löw war einer der Ersten, der Zweikampfverhalten zum zentralen Thema gemacht hat. Der Bundestrainer wird nicht müde, auf „das mangelhafte Zweikampfverhalten“ in der Bundesliga hinzuweisen. „Es gibt zu viele Fouls“, sagte Löw schon vor zwei Jahren. Denn: „Fouls stoppen Pressing.“ Vor der EM 2008 ließ Löw den ehemaligen Basketball-Nationalspieler Denis Wucherer ins Trainingslager der deutschen Fußball- Nationalmannschaft einfliegen. „An diesem Sport hat mir immer imponiert, wie unglaublich nah man am Gegner ist, ohne permanent den Körperkontakt zu suchen“, hatte Löw erzählt. „Wir können davon lernen.“

Fair wie Hertha: Die deutsche Nationalmannschaft

Ähnlich wie Löw propagiert auch Favre eine Spielform, bei der es darum geht, dass die Mannschaft, die nicht im Ballbesitz ist, schnell, kompakt und taktisch klug gegen den Ball arbeitet, so dass der Gegner möglichst unter Druck gerät. „Stressaufbau beim Gegner“, nennt Friedrich das. Auch Favre weiß, dass Fouls nur das Spiel unterbinden, nicht aber dazu dienen, den Ball zu gewinnen, um in Windeseile einen Gegenangriff zu initiieren. Genau in jenen Momenten, in denen sich der Gegner im Angriff befindet und den Ball verliert, ist er defensiv nicht optimal sortiert. Daraus kann ein entscheidender Vorteil für das Team entstehen, das den Ball gewonnen hat. Die Nationalelf hat in den vier WM-Qualifikationsspielen seit der EM 2008 keine Gelbe Karte erhalten. Trotzdem führt Löws Mannschaft die Tabelle an. Und auch Hertha ist Spitzenreiter der Bundesliga.

Besonders die „dummen Fouls“ stehen bei Favre auf der Giftliste. Dumme Fouls sind jene, bei denen Spieler unkoordiniert in den Gegner rennen. Die gute alte Grätsche beispielsweise ist nicht zwangsläufig ein dummes Foul. Man muss nur wissen, wie und wann man sie einzusetzen hat. Sehr gut beherrscht ihren Einsatz etwa Josip Simunic. Herthas kroatischer Nationalverteidiger grätscht nur, wenn er sicher ist, den Ball auch wirklich zu bekommen.

Fairness mit Erfolg: So kam Hertha in den Uefa-Cup

Favre will seine Mannschaft flüssig, klar und deutlich nach vorn spielen sehen. Dafür brauche es Laufbereitschaft und sinnvolles Zweikampfverhalten. Es gehe vorrangig darum, dem Gegner den Ball abzulaufen oder ihn unter Druck zu setzen, ohne groß Gegnerkontakt zu haben. Für Favre fängt intelligentes Zweikampfverhalten im Kopf an: Wann ist ein Gegenspieler frontal oder von der Seite anzugreifen, wann ist er zu doppeln?

Favre lässt solche Dinge immer wieder üben im Training. „Das ist manchmal langweilig. Wenn du aber im Spiel siehst, dass es funktioniert, macht es richtig Spaß“, sagt Herthas defensiver Mittelfeldspieler Pal Dardai. Allerdings gehe es nicht um Fairness als Selbstzweck, sondern um Cleverness. Fairness allein macht keinen zum Meister. Auch dafür ist Hertha ein Beispiel. Im vergangenen Jahr schaffte Hertha über die Fairnesswertung den Sprung in den Uefa-Cup. In der Liga war die Mannschaft nur Zehnter geworden.

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