Bundesliga : Hertha verspielt die Tabellenspitze

Hertha BSC spürt im ausverkauften Olympiastadion die Last des Favoriten und verliert 1:3 gegen Dortmund – und ist nun die Tabellenführung los.

Michael Rosentritt
wowro Foto: ddp
Zum Haareraufen. Herthas Woronin trauert im Olympiastadion.Foto: ddp

Berlin – In der allgemeinen Vorfreude auf ein ausverkauftes Olympiastadion zum Spiel gegen Dortmund hatte Dieter Hoeneß einen Satz fallen lassen, der erst gestern seine heikle Seite offenbaren sollte. Herthas Manager hatte davon gesprochen, dass der Druck von Woche zu Woche zunehmen werde auf sein Team. Wenn Hertha erst einmal die Tabellenführung erfolgreich verteidige, müsse sich die Mannschaft darauf einstellen, dass das Stadion künftig öfter ausverkauft sein würde. Was der Manager wohl nicht glaubte, war, dass die Mannschaft nicht so recht mitspielen wollte. „Vielleicht war der Druck zu groß: die Konkurrenz spielte untereinander, das Stadion war voll – ich weiß es nicht“, sagte Hoeneß hinterher. Tatsächlich wirkte es so, als ob Hertha unter der Last der Erwartungen nicht zum Spiel fand. Am Ende war Herthas Serie von zehn Heimsiegen in Folge gerissen. Borussia Dortmund siegte 3:1 (1:0). Obendrein verloren die Berliner vor 74 244 Zuschauern auch noch die Tabellenführung und fiel auf Rang drei.

Lucien Favre hatte für das Duell mit den Dortmundern beinahe Bestbesetzung aufbieten können. Sowohl Kapitän Arne Friedrich als auch Torjäger Andrej Woronin liefen auf. Letzterer sogar ohne Gesichtsmaske, obwohl er sich am Mittwoch das Nasenbein gebrochen hatte. Lediglich der gesperrte Marc Stein musste durch Steve von Bergen ersetzt werden. Doch was Hertha gestern über weite Strecken bot, erinnerte nur bedingt an jene Leistungen, die die Berliner an die Tabellenspitze geführt hatten. Hertha wirkte ungewöhnlich nervös und fahrig. Zu keiner Zeit bekam Hertha die Kontrolle über das Spiel.

Nach 20 Minuten hätten die Gäste locker führen können. Der Dortmunder Tamas Hajnal verzog aus aussichtsreicher Position, wenig später verhinderte Herthas Torwart Jaroslav Drobny den Rückstand. Der Tscheche lenkte einen Kopfball von Felipe Santana zur Ecke. Als dann Pal Dardai einen Zweikampf gegen Hajnal verlor, der Alexander Frei mit einem Steilpass bediente, war es passiert. Frei konnte Friedrich entkommen und schoss ein zum 1:0.

Kurioserweise fand Hertha anschließend für 20 Minuten jene Griffigkeit, die bis dahin gefehlt hatte. Die Mannschaft war erwacht und kämpfte sich zurück ins Spiel. Auftakt war nach einer halben Stunde ein schön getretener Freistoß von Patrick Ebert, der erstmals nach seiner Suspendierung wieder im Profiteam spielte. Sein Schuss strich übers Tor. In der Folgezeit erspielten sich die Berliner vier weitere Torchancen. Zunächst verhinderte der Dortmunder Torwart Roman Weidenfeller mit einem Reflex den Ausgleich durch Maximilian Nicu, kurz darauf scheiterte erst Woronin, dann auch Raffael. Kurz vor der Halbzeit hatte Hertha nach einer Ecke von Ebert Pech, als dem Kopfball von Rodnei die Querlatte im Wege hing.

Nach der Pause begann Hertha stark. Raffael schnappte sich den Ball. Die Situation sah wenig gefährlich aus, weil eine Handvoll Dortmunder den Brasilianer umzingelten. Der aber unternahm etwas, was für gewöhnlich wenig Erfolg verspricht. Er legte sich mit dieser Handvoll Gegenspieler an. Raffael dribbelte um die gelben Gegner herum und ließ auch Weidenfeller im Tor keine Chance – eine Augenweide. Der Ausgleich war geschafft.

Doch der Jubel hielt nicht lange. Nur zehn Minuten später ging der BVB durch ein Kopfballtor von Kapitän Sebastian Kehl erneut in Führung. „Dieses Tor darf nie passieren“, schimpfte Favre. „Wir haben manchmal vergessen, mit ganzer Konzentration zu verteidigen.“ Nach dem neuerlichen Rückstand wechselte Herthas Trainer gleich drei Spieler ein. Für die Mittelfeldspieler Nicu, Dardai und Ebert kamen Gojko Kacar sowie die beiden Stürmer Marko Pantelic und Waleri Domowtschiski. Hertha versuchte es für die restliche halbe Stunde mit Wucht. Cicero und noch einmal Raffael vergaben gute Gelegenheiten. Zwar erspielte sich Hertha in dieser Phase ein leichtes Übergewicht, blieb aber längst nicht frei von Fehlern. Acht Minuten vor dem Abpfiff fiel schließlich die Entscheidung. Einen Fernschuss von Nuri Sahin ließ Drobny prallen, den Nachschuss nutzte Nelson Valdez zum „finalen Stoß“, wie es hinterher der Dortmunder Trainer Jürgen Klopp sagte. „Das war unsere beste Saisonleistung“, ergänzte Torwart Roman Weidenfeller.

Das einzige, was Hertha hinterher an sich selbst monierte, war, dass die Mannschaft zu fahrlässig mit den Torchancen umgegangen war. Bekanntermaßen war das eine Disziplin, die Hertha bisher so vorzüglich beherrschte. „Es gibt solche Spiele“, sagte Pantelic nach dem Abpfiff. „Wenn du viele Chancen hast und sie nicht nutzt, dann verlierst du.“ Auch Manager Hoeneß wollte dem Team keine großen Fehler unterstellen. „Es war kein schlechtes Spiel“, fand er. Es gab schon Spiele, in denen Hertha weniger Chancen hatte, die aber nutzte und gewann. Dieses Mal hatte Dortmund die bessere Chancenverwertung und wirkte dabei wie eine Kopie Herthas. Diesmal war die Kopie besser als das Original.

0 Kommentare

Neuester Kommentar