Bundesliga-Hinrunde : Von Siegern und Verlierern

Heute geht die Hinrunde der Fußball-Bundesliga zu Ende. Der Kampf um die Meisterschaft ist noch nicht entschieden, Absteiger stehen auch noch nicht fest. Sieger und Besiegte aber hat es schon gegeben – innerhalb der Teams.

Sven Goldmann,Stefan Hermanns

Ist Franck Ribéry ein Gewinner? Ja und nein. Der Franzose war die prägende Figur einer zeitweise fantastisch aufspielenden Bayern-Mannschaft. Aber hatte man nicht genau das schon vor der Saison erwartet? Aus diesem Grund wurde er nicht für unsere Gewinner-Elf nominiert, genauso wenig wie Rafael van der Vaart vom HSV und der Bremer Diego. Aber natürlich lässt sich darüber trefflich streiten – wie auch bei allen Auserwählten.

DIE ELF DER GEWINNER

Robert Enke, Hannover 96

Niemand bestreitet, dass Enke ein exzellenter Torhüter ist, nicht einmal nach einem 1:5 in Cottbus. Dass er trotzdem erst ein Länderspiel bestritten hat, liegt weniger an seiner Qualität als an seinem Verein. Mit Hannover fehlten Enke bisher die Gelegenheiten, sich international auszuzeichnen, anders als Jens Lehmann oder Timo Hildebrand, den Konkurrenten aus der Nationalelf. Doch der Standortnachteil Hannover hat sich zum Standortvorteil gewendet. Enke spielt zwar nur in Hannover, aber er spielt.

Christian Lell, Bayern München

Schon mit Anfang 20 verfügte Christian Lell über eine gesunde Selbstwahrnehmung. Vor anderthalb Jahren wollte er lieber mit dem 1. FC Köln in der Zweiten Liga spielen, als bei den Bayern in der Bundesliga auf der Tribüne zu sitzen. Trotzdem musste Lell zurück nach München. Seine Perspektive vor dieser Saison war noch schlechter – nach der Hinrunde aber hat niemand mehr Pflichtspiele bestritten als Christian Lell, der einzige No-Name-Spieler im Kader der Superbayern.

Mario Eggimann, Karlsruher SC

Aus der Zweiten Liga zur Europameisterschaft in zwölf Monaten – für Eggimann ist das eine realistische Perspektive. Nur einen Monat nach seinem Bundesliga- Debüt mit dem KSC hat er sein erstes Länderspiel bestritten. Eggimann konkurriert unter anderem mit Steve von Bergen von Hertha BSC um einen Platz im Schweizer EM-Kader. Im Moment ist es kein Nachteil, in Karlsruhe zu spielen.

Martin Demichelis, Bayern München

In der Aufzählung all der teuren Neuzugänge des FC Bayern ist ein Name konsequent unterschlagen worden: der von Martin Demichelis. Streng genommen ist der Argentinier schon seit vier Jahren bei den Bayern, aber seine wahre Bestimmung hat er erst jetzt gefunden. Als Innenverteidiger hat er bereits Valerien Ismael aus dem Verein gemobbt. Daniel van Buyten wird der Nächste sein.

Hans Sarpei, Bayer Leverkusen

Vom Reservisten in Wolfsburg zum Stammspieler bei Bayer Leverkusen, das nennt man wohl Erfolgsgeschichte. Hans Sarpei galt lange als besserer Kaderauffüller; bei Bayer erfährt er zum ersten Mal so etwas wie umfassende Wertschätzung.

Tamas Hajnal, Karlsruher SC

Sieben Jahre musste Hajnal warten, bis seinem achten Einsatz in der Bundesliga der neunte folgte. In dieser Zeit verdingte sich er sich bei St. Truiden in Belgien und mit Kaiserslautern und Karlsruhe in der Zweiten Liga. Sein Spiel war ein bisschen aus der Zeit gefallen, doch in Zeiten, da der Fußball in Systemen erstarrt, ist jemand wie Hajnal in der Lage, mit seinen individuellen Fähigkeiten die Fesseln wieder zu lösen.

Jermaine Jones, Schalke 04

Der berühmteste Sohn des Frankfurter Stadtteils Bonames war schon vor langer Zeit die Zukunft des deutschen Fußballs; nur hat die Zukunft dann immer ein paar Runden Vorsprung gehabt. In dieser Saison hat der Mittelfeldspieler wieder aufgeschlossen. Mit Schalke spielte er sich in die Nähe der Nationalmannschaft.

Simon Rolfes, Bayer Leverkusen

Bisher hat man immer geglaubt, dass zwischen Jürgen Klinsmann und Joachim Löw nicht einmal ein Blatt Papier passe. In Wahrheit passt ein ganzer Simon Rolfes dazwischen. Erst Löw hat den Leverkusener in die Nationalmannschaft geholt, weil er, anders als Klinsmann, dessen strategisches Spiel zu schätzen weiß. Der nächste Ballack des deutschen Fußballs heißt vermutlich nicht Tim Borowski – sondern Simon Rolfes.

Sergej Barbarez, Leverkusen

In regelmäßigen Abständen erlebt der deutsche Fußball die Wiederaufführung des Stücks „Die jungen Wilden“. Derzeit wird es in einer perfekten Inszenierung bei Bayer Leverkusen gegeben. Die jungen Wilden funktionieren nämlich nur, wenn sie ein paar Alte an ihrer Seite haben. Alte wie Sergej Barbarez, der mit 36 Jahren gerade nachhaltig gegen den Gedanken an sein Karriereende anspielt.

Marko Pantelic, Hertha BSC

Große Gesten, viel Theatralik, überzogene Ansprüche – Marko Pantelic ist mit seiner exzessiven Art nicht immer leicht zu ertragen. Doch in einer apathischen Hertha-Elf ist er in diesen Wochen der Einzige, der sich nicht regungslos dem Untergang fügt. Er brüllt und fleht und jammert und bittet und lamentiert. So wie immer eigentlich. Nur dass man es jetzt als wohltuend empfindet.

Boubacar Sanogo, Werder Bremen

Der SV Werder Bremen kann stolz auf seine pfiffige Transferpolitik sein. Mit ihrem geschulten Blick entdecken die Bremer Spieler, die bei anderen Vereinen deutlich unter ihrem Niveau bleiben. Spieler wie Boubacar Sanogo. In seinem Fall allerdings ist die Leistung der Bremer nicht ganz so bemerkenswert. Sanogos Potenzial ist in Deutschland hinreichend bekannt, seitdem er für Kaiserslautern in der Abstiegssaison zehn Tore erzielt hat. Bemerkenswert ist eher, dass der HSV diese Fähigkeiten Sanogos nie genutzt hat.

Trainer Lucien Favre

Sebastian Deisler hat einmal gesagt, als er nach Berlin kam, sei sein Image längst da gewesen. Bei Lucien Favre war es nicht anders. Der Schweizer kam als künftiger Meistertrainer zu Hertha BSC. Von diesem Image zehrt er auch jetzt noch, da es mit seiner Mannschaft in der Tabelle rapide bergab gegangen ist. Mit Zürich war Favre am Ende seiner ersten Hinserie sogar Tabellenletzter. Im Vergleich dazu ist das Halbjahr mit Hertha geradezu perfekt gelaufen.

DIE ELF DER VERLIERER

Simon Jentzsch, VfL Wolfsburg

Vor nicht mal einem Jahr empfahl Klaus Augenthaler dem Bundestrainer, er möge mal ein Auge haben auf Simon Jentzsch. Der Wolfsburger Torhüter sei allemal besser als Timo Hildebrand und Robert Enke und mit Jens Lehmann könne er sich auch messen. Augenthaler ist nicht schon lange nicht mehr Trainer und Jentzsch seit kurzem nicht mehr Torhüter beim VfL. Er sitzt auf der Tribüne und nur noch mittelbar wird über ihn geredet, wenn es um die Nationalelf geht: Ob er denn seinen Platz beim VfL an Hildebrand abtritt oder an Lehmann.

Arne Friedrich, Hertha BSC

In der Nationalmannschaft ist er vor allem deshalb Stammspieler, weil immer wieder gerade jemand ausfällt. Brav und unauffällig verteidigt Friedrich dann auf der rechten Seite. Bei Hertha aber will er im Abwehrzentrum spielen. Für einen Verteidiger ist das die spektakulärste Position seit Abschaffung des Liberos. Bei Hertha ist der Innenverteidiger Friedrich dafür verantwortlich, dass es immer einen Ort gibt, wo es garantiert spektakulär zugeht: den eigenen Strafraum.

Robert Kovac, Borussia Dortmund

Ob man sich in Dortmund mal überlegt hat, warum Juventus Turin den Vertrag mit Robert Kovac aufgelöst hat? Im Sommer feierte man seine Rückkehr in die Bundesliga noch als Verpflichtung eines internationalen Stars. Kurz darauf nannte ihn der Boulevard nur noch Abwehropa. Der 33-jährige Kovac bildete mit dem 35 Jahre alten Christian Wörns die älteste Innenverteidigung der Liga, die noch für jeden Sturm langsam genug war.

Gledson, VfB Stuttgart

Der Brasilianer mit den altdeutschen Qualitäten war in Rostock der überragende Verteidiger der letzten Zweitligasaison. In Stuttgart wollte Gledson sich weiterentwickeln. Finanziell ist ihm das auch gelungen. Sportlich hat er es nicht mal zum Ergänzungsspieler gebracht. Im Pokalspiel gegen Wehen flog er wegen einer Tätlichkeit vom Platz. Das war im August, und seitdem hat Gledson keine einzige Minute mehr gespielt. Wenn in der Abwehr Personalnot herrscht, holt sich Trainer Armin Veh lieber einen Amateur.

Tobias Rau, Arminia Bielefeld

Wenn Robert Huth der vergessene Nationalspieler ist – was ist dann Tobias Rau? Vor vier Jahren machte er sieben Länderspiele, dann verletzte er sich und war irgendwann Stammkraft bei Bayerns Amateuren. So ähnlich ging das auch in Bielefeld weiter, bis Ernst Middendorp dort Trainer wurde. Die letzten fünf Saisonspiele der Arminia waren für Rau die ersten fünf, jetzt pendelt er wieder zwischen Ersatzbank, Reha und Tribüne. Weil es zwischendurch mal Hoffnung gab, endete das Jahr 2007 für Tobias Rau noch deprimierender als 2004, 05 und 06.

Tobias Grahn, Hertha BSC

Sein Engagement in der Bundesliga verdankt er zwei guten Spielen im Uefa-Cup gegen Hertha. Und der Berliner Not, im Sommer schnell noch eine Mannschaft zusammenstellen zu müssen. Der umständliche Schwede ist das Gegenteil von dem, was Lucien Favre für das von ihm favorisierte Einkontaktspiel braucht, und damit das kickende Beispiel dafür, dass bei Hertha zurzeit nichts so läuft, wie es nach Favres Verpflichtung hätte laufen sollen.

Leon Andreasen, Werder Bremen

Im Mai verkündete Leon Andreasen, er wolle trotz Abstiegs in Mainz bleiben und nicht zurück nach Bremen. Viele hielten das für den Beweis einmaliger Zuneigung eines Profis zu seinem Verein. Es war wohl eher eine realistische Selbsteinschätzung. In Mainz war der Däne die große Nummer, doch Mainz ist eben nicht zufällig abgestiegen. Werder aber wollte nicht hören. Gehobenes Bundesliga-Niveau ist einfach zu hoch für Andreasen.

Carlos Alberto, Werder Bremen

Soll mal einer sagen, Werders Acht-Millionen-Einkauf falle nur durch seine Tattoos und Rastazöpfe auf. Er kann auch anders. Vor dem Spiel bei Energie Cottbus provozierte er seinen Kollegen Boubacar Sanogo so lange, bis dieser sich auf eine Prügelei mit ihm einließ. Beide wurden suspendiert, was Sanogo immerhin so sehr motivierte, dass er nach seiner Begnadigung gleich ein Tor gegen den HSV schoss. Carlos Alberto tat in diesem Spiel, was er halt immer tut: Er saß auf der Bank.

Gilberto, Hertha BSC

Drei Jahre lang arbeitete der Brasilianer an seinem Image als pflegeleichter Musterprofi. Dann sollte er bei Hertha gestaltende Aufgaben im Mittelfeld übernehmen, und das war offenbar zu viel verlangt von ihm. Auf einmal wird das Reisen zu anstrengend, was er seinem Arbeitgeber anlastet, der ihn für jedes Länderspiel freistellt. Als ihn Herthas Trainer Favre in Hamburg auf der linken Seite spielen ließ, moserte Gilberto, er sei überall gut, auch auf der Ersatzbank. Das Kuriose ist: Es stimmt.

Ailton, MSV Duisburg

Am 6. Oktober hatte er seinen großen Tag. Ailton schoss ein Tor gegen Werder Bremen, den Klub, mit dem er Meister und Pokalsieger war. Sonst trifft der Brasilianer nur noch im Training, wenn überhaupt. Ailton wird manchmal ein- und häufiger ausgewechselt. Er streitet mit seinem Trainer und scheint jede Woche ein Kilo zuzunehmen, mindestens.

Lukas Podolski, Bayern München

Stuttgart will ihn, Werder auch, aber Bayern setzt ihn auf die Bank. Lukas Podolski ist mal wieder in der kuriosen Situation, dass er sich seinem Vereinstrainer in der Nationalelf empfehlen muss. Das ist ihm in dieser Saison nur einmal gelungen: beim 4:0-Sieg gegen Zypern. Doch auch da durfte Podolski nicht als Stürmer spielen, sondern im Mittelfeld. Diese Position dürfte nicht mehr zur Verfügung sehen, wenn Michael Ballack und Torsten Frings wieder fit sind.

Trainer Ottmar Hitzfeld

Den undankbarsten Job hatte der FC Bayern von vornherein für seinen Trainer vorgesehen. Zwei Varianten standen zur Auswahl. Erstens: Bayern dominiert mühelos die Liga, hätte das aber auch unter dem Zeugwart als Trainer getan. Zweitens: Hitzfeld schafft es nicht, aus elf überragenden Spielern eine Mannschaft zu formen. Die Münchner starteten im Sommer nach der ersten Variante und wechselten im Herbst zur zweiten.

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