Bundesliga im Test (1) : FC St. Pauli: Die Romantiker

Am 20. August startet die Bundesliga in ihre neue Saison. In unserer Serie testen wir Stärken, Schwächen und Marotten der Vereine. Heute Teil 1: Der FC St. Pauli vertraut in der Bundesliga seiner Aufstiegsmannschaft – und dem Millerntor-Roar.

Erik Eggers
Da ist das Ding. St. Paulis Trainer Holger Stanislawski mit der Aufstiegs-Trophäe.
Da ist das Ding. St. Paulis Trainer Holger Stanislawski mit der Aufstiegs-Trophäe.Foto: dpa

Was hat sich verbessert?

Das Stadion am Millerntor. Als der Klub in der Saison 2001/02 letztmals in der Bundesliga spielte, war der Standort am Heiligengeistfeld noch heruntergekommen, marode, nicht sicherheitstauglich. Inzwischen ist der Umbau weit vorangeschritten. Die Südtribüne ist fertig. Und bis zum ersten Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim soll auch die Haupttribüne, die zuvor morbiden Charme versprühte, fertiggestellt sein. Vorbild des Umbaus ist die klassische englische Fußballarchitektur: Viereckiger Grundriss, die Ränge steil, nah am Rasen, die Atmosphäre laut. So soll der berühmte Millerntor-Roar, das Millerntor-Gebrüll, überdauern. Bis 2015 sollen auch Nordkurve und Gegengerade erneuert werden. „Das neue Millerntor muss unser Faustpfand werden“, sagt Trainer Holger Stanislawski, „hier müssen wir die Punkte im Kampf um den Klassenerhalt holen.“

Wer sind die Stars?

Der liebenswerte Diktator, wie sich Stanislawski selbst bezeichnet. Seine Erfolgsgeschichte ist schier unglaublich: Er hat den Klub im November 2006 übernommen, als es in der Regionalliga nicht lief. Ein paar Monate später stieg St. Pauli in die Zweite Liga auf, im Mai folgte der Aufstieg in die höchste Klasse, rechtzeitig zur Feier des 100. Geburtstags des Vereins. Dem 40-Jährigen gelang der Spagat, parallel zu seinem Job die Trainerlizenz in Köln zu erwerben. Und das als Jahrgangsbester. Als Streber verspotteten ihn die Kollegen. Stanislawski gilt als Tüftler, der hartes Training mit Spaß und Ironie kombiniert.

Welche Taktik ist zu erwarten?

Stanislawski wird seine Philosophie auch in der Bundesliga konsequent umsetzen: Er favorisiert das schnelle, intelligente und auf Offensive ausgelegte Kurzpass- Spiel, zumeist mit einem 4-2-3-1-System. Stanislawskis Ziel ist es, mit spielerischen Mitteln zu Toren und Siegen zu kommen. „Ich finde diese Weisheit albern, dass die Defensive Meisterschaften holt“, sagt er. Bemerkenswert ist, dass er damit seine eigene Vergangenheit und die seines Klubs konterkariert. Er selbst war ein Innenverteidiger, der auf 80 Bundesliga-Einsätze kam und am Millerntor grätschte und wühlte wie einst Jürgen Kohler.

Wie viel Macht hat der Trainer?

Die Machtfrage stellt sich im Klub nicht. Das Gefüge auf der Führungsebene ist gewachsen. Selbst der Rückzug des Präsidenten Corny Littmann, der nach dem Aufstieg im Mai plötzlich zurücktrat, provozierte keine Turbulenzen. Eine Ein-Mann-Show stellt Stanislawski ohnehin nicht dar. Gemeinsam mit Sportdirektor Helmut Schulte und Kotrainer André Trulsen lenkt er die sportlichen Geschicke.

Was erwarten die Fans?

Nicht viel. Jedenfalls nicht die deutsche Meisterschaft. Auch nicht einen Europapokalplatz. Einige Fans, die den Klub schon lange begleiten, bevorzugen sogar die Zweite Liga und würden bei einem sofortigen Abstieg nicht zu lange trauern. Klingt unglaublich, ist aber wahr. Doch der Großteil der Zuschauer will das Team natürlich oben sehen. Noch wichtiger jedoch ist, dass die Mannschaft ihren Charakter als spielendes, einheitliches Team nicht verliert.

Was ist in dieser Saison möglich?

Ziel der sportlichen Führung ist selbstverständlich der Klassenerhalt. Freilich muss sich erst herausstellen, ob die Strategie, der Aufstiegsmannschaft zu vertrauen, Erfolg bringt. Diese Strategie ist eine Lehre aus der Vergangenheit. Nach dem letzten Bundesligaaufstieg 2001 kaufte man ein neues Team zusammen, das nicht funktionierte und den Absturz in die Regionalliga auslöste. Deshalb, und auch aus finanziellen Gründen (keiner der Profis verdient mehr als 500 000 Euro pro Jahr), wurde das Team lediglich modifiziert. Mit Torwart Thomas Kessler (1. FC Köln) und dem peruanischen Verteidiger Carlos Zambrano (FC Schalke) kamen zwei Profis auf Leihbasis für je zwei Jahre. Außenverteidiger Moritz Volz, der lange in England spielte (Ipswich Town, FC Fulham), aber zuletzt vereinslos war, entspricht laut Schulte ebenfalls der Mentalität des Never-give-up. Und im Sturm ergänzen Gerald Asamoah (FC Schalke), der 20-jährige Nils Pichinot (St. Pauli II) und der wendige Fin Bartels (Hansa Rostock) das Team. Das Experiment, die Mannschaft nicht auseinanderzureißen, steht im Einklang mit der Vereinskultur. Sollte auf dieser romantischen Basis eine erfolgreiche Ära beginnen, dürften die Fans dem Trainer ein Denkmal errichten.

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