Bundesliga im Test (14) : Borussia Mönchengladbach: Die Koketten

Am Freitag startet die Fußball-Bundesliga in ihre 50. Saison. In unserer Serie testen wir Stärken, Schwächen und Vorlieben der Vereine. Folge 14: Borussia Mönchengladbach. Gladbach spielt im Europapokal – und redet wie ein Aufsteiger.

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Was hat sich verbessert? Das kulinarische Angebot im Stadion. Zur neuen Saison gibt es das Fohleneis „Jünter“ in den appetitlichen Vereinsfarben Schwarz, Weiß und Grün. Mit der Idee, dass sich sportlich etwas verbessert hat, sollte man Trainer Lucien Favre lieber nicht kommen. „Wir müssen eine neue Mannschaft aufbauen“, sagt er. Schließlich habe das Team mit Dante, Roman Neustädter und Marco Reus sein Rückgrat verloren. Das sei so, als würde der FC Barcelona Piqué, Xavi und Messi abgeben. Dafür sind, um im Bild zu bleiben, Sergio Ramos, Xabi Alonso und Robin van Persie gekommen. Mit den beiden Neuen Alvaro Dominguez (23, für Dante) und Granit Xhaka (19, für Neustädter) scheinen die Gladbacher sich zumindest nicht verschlechtert zu haben; der Verlust des unvergleichbaren und damit unersetzlichen Reus soll im System aufgefangen werden – obwohl die Borussia mit dem holländischen Nationalstürmer Luuk de Jong, 21, auch für die Position im Angriff prominent eingekauft hat.

Wer sind die Stars? Fürs Erste natürlich die Neuen. Von Spielern dieser Qualität hätten die Gladbacher vor einem Jahr nicht einmal zu träumen gewagt. Damals holten sie Yuki Otsu, Mathew Leckie und Lukas Rupp. Diesmal haben sie richtig zugelangt. De Jong ist der teuerste Einkauf der Vereinsgeschichte, Xhaka der zweitteuerste und Dominguez der drittteuerste. Alles in allem haben die Gladbacher rund 30 Millionen Euro investiert. Als Star im Hintergrund steht für alle Fälle auch noch Lucien Favre bereit. Der Schweizer hat in Mönchengladbach nach der wundersamen Rettung vor einem Jahr und der nicht minder wundersamen Qualifikation für den Europapokal in der Saison darauf längst den Status eines Heiligen.

Wer hat das Sagen? Favre offenbar nicht. Wenn man seine Aussagen richtig deutet, hatte er mit der Wahl der Neuen nicht das Geringste zu tun. Er vertraue Max Eberl, dem Sportdirektor, und der Scoutingabteilung, sagt er bei jeder Gelegenheit, „sie haben in der Vergangenheit sehr gute Transfers gemacht“. Spätestens seit seiner Zeit in Berlin ist bekannt, dass sich Favre mit schnellen Entscheidungen schwer tut und er immer erst das Kleingedruckte studiert. Selbst wenn man ihm Lionel Messi anböte, würde sich Favre wenden und winden, weil ihm beim DVD-Studium aufgefallen ist, dass der Defensivkopfball des Argentiniers eine einzige Katastrophe ist. Bei aller Koketterie: Es ist nicht davon auszugehen, dass die wirklich wichtigen Entscheidungen bei Borussia ohne Favres Zustimmung getroffen werden.

Was erwarten die Fans? Fußballfans gelten gemeinhin als ein wenig tumb; die Anhängerschaft von Borussia Mönchengladbach hingegen ist mit ihrem IQ führend in der Liga. Zumindest behaupten das die Vereinsverantwortlichen. Die Borussenfans seien klug genug, das, was in der vorigen Saison passiert ist, nicht für den Normalfall zu halten. Wenn das mal kein Irrtum ist. Die Euphorie rund um den Klub ist ungebrochen. Bei 30 000 Dauerkarten (Vereinsrekord) wurde der Verkauf gestoppt. Hilfe, die Erfolgsfans kommen! Schwer vorstellbar, dass sie sich nach der schönen Vorsaison nun mit einem Jahr im Mittelmaß anfreunden werden.

Was ist in dieser Saison möglich? Vermutlich weniger als in der vorigen. „Wir dürfen uns nicht die Sinne vernebeln lassen“, sagt Manager Eberl. Ihm geht es nicht um schnellen Erfolg, „wir planen Nachhaltigkeit“. Die Gladbacher spielen morgen gegen Dynamo Kiew um den Einzug in die Champions League – und reden wie ein Aufsteiger: Sie wollen sich in der Liga etablieren, ein gesunder Mittelfeldplatz zwischen elf und acht wäre akzeptabel, die wiederholte Qualifikation für den Europacup keine Pflicht, sondern Bonus. Was nach Understatement klingt, hat in Wirklichkeit eine reale Basis: Niemand weiß, wie schnell sich die neue Mannschaft findet und wie sie mit der ungewohnten Dreifachbelastung zurechtkommt.

Und sonst? Kein Spieler war bei den Gladbachern in der Neuzeit so beliebt wie der Brasilianer Dante. Vorbei. Dass der Verteidiger zu den Bayern wechselt, hätte man gerade noch ertragen; dass er seinen alten Klub wochenlang hingehalten hat, allerdings nicht. Dantes Bild am Fan-Haus wird daher in Kürze übermalt. Thomas Ludwig, der Vorsitzende des Fan-Projekts, will vorher aber noch ein Foto machen und es Uli Hoeneß schicken. Einen Koffer mit abgelegten Dante-Perücken soll es gratis obendrauf geben.

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