Bundesliga im Test (16) : Werder Bremen: Die Anspruchsvollen

Am 20. August startet die Fußball-Bundesliga in ihre neue Saison. In unserer Serie testen wir Stärken und Schwächender Vereine. Heute: Werder Bremen. Dort sind die Erwartungen auch ohne Özil hoch: Verein und Fans reicht die Europa League nicht.

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Werder-Urgestein: Trainer Thomas Schaaf. Foto: dpa
Werder-Urgestein: Trainer Thomas Schaaf.Foto: dpa

Was hat sich verbessert?

Die Frage lautet nach dem Verkauf von Mesut Özil eher: Hat sich überhaupt etwas verbessert? Vor dem heutigen Heimspiel in der Champions-League-Qualifikation gegen Sampdoria Genua (20.45 Uhr/live bei Sat 1) sagt der Vorstandsvorsitzende Klaus Allofs: „Ich weiß, dass wir nicht schlechter als im Vorjahr sind. Ich weiß aber nicht, wie viel besser wir sind.“ Das ist mutig. Die Vorbereitung verlief jedenfalls – bedingt durch die erst verspätet ins Training eingestiegenen sechs WM-Fahrer – ziemlich durchwachsen. Der Tiefpunkt war ein 1:5 im finalen Testspiel beim FC Fulham. Das 4:0 im Pokal bei Rot Weiss Ahlen sah schon wieder besser aus. Maßstab sind nun die zwei Millionenspiele gegen Genua. Wenn Werder da nicht weiterkommt, sieht es gleich zu Beginn ganz schlecht aus. Die Europa League und die Özil-Millionen trösten Klub und Fans dann nicht wirklich.

Wer sind die Stars?

Der 111 Jahre alte Verein hat viele Stars zu bieten. Sonst wären vergangenen Sonntag nicht 30 000 Fans auf die Bremer Bürgerweide gestürmt. In der alten Stadthalle wurden die Spieler Wiese, Mertesacker, Fritz, Frings, Hunt, Marin, Pizarro und Almeida wie Rockstars gefeiert. Acht, neun Profis besitzen auch nach Özilas Abgang Starpotenzial – je nach Neigung. Viele huldigen auch schon dem exzentrischen Neuzugang Marko Arnautovic, obwohl der österreichische Kraftprotz auf dem Platz noch gar nichts Lobenswertes gezeigt hat. Kult für die meisten Hanseaten ist ihr Dauertrainer Thomas Schaaf. Der 49-Jährige ist seit Kindesbeinen Bremer und ein Liebling der Massen, weil er sich und dem Verein immer treu geblieben ist.

Welche Taktik ist zu erwarten?

Fast ein Jahrzehnt lang hat Werder immer im 4-4-2-System mit der klassischen Mittelfeld-Raute gespielt. Egal, ob der Gegner Barcelona oder Pirmasens hieß; egal, ob in der Champions League oder im Trainingslager gekickt wurde. Mittlerweile sind die Bremer flexibler. Vergangene Saison wurde lange erfolgreich im 4-2-3-1 gespielt – mit Claudio Pizarro als einziger Spitze. Nun ist ein 4-4-2 mit Doppel-Sechs (Torsten Frings und Philipp Bargfrede) wahrscheinlich, in der Vorbereitung wurde sogar oft mit drei Stürmern geprobt. Und natürlich bleibt immer die Raute im Repertoire.

Wie viel Macht hat der Trainer?

Reichlich. Die Worte von Schaaf werden intern geschätzt. Wer sich seit Mai 1999 als Cheftrainer behauptet, in diesem Verein Amateur- und Jugendtrainer, Amateurspieler und Profi war, darf, kann und muss Forderungen stellen. Mit Allofs hat Schaaf einen kongenialen Baumeister an seiner Seite, der den SV Werder Bremen zu einer nationalen und international bekannten Marke gemacht hat.

Was erwarten die Fans?

Viel. Die Bremer Stammkundschaft, deren Dauerkarten teurer geworden sind, ist verwöhnt und kritisch. Ein Spiel muss schon 4:4, 5:4 oder 5:1 ausgehen, damit die treuen Daumendrücker auf der Südtribüne in echte Begeisterung ausbrechen. Von der Meisterschaft singt die Ostkurve immer, realistisch erwartet wird sie nicht. Aber international sollen es bitte schön Real Madrid und FC Chelsea statt Athletic Bilbao und Nacional Funchal sein, also Champions League statt Europa League.

Was ist in dieser Saison möglich?

Minimalziel ist zweimal die Champions League – in dieser und in der nächsten Saison. Zunächst gilt es, die Play-off-Partien gegen Genua zu überstehen. Das grün-weiße Gebilde in seiner Ausprägung gibt es nämlich nur, weil fünf Champions-League-Teilnahmen in den vergangenen sechs Jahren über 100 Millionen Euro in die Kassen spülten. „Das Erreichen der Champions League ist nicht existenziell, aber richtungsweisend“, sagt Allofs. In einem finanziell angeschlagenen Stadtstaat wie Bremen sind natürliche Grenzen gesetzt und Schulden machen wie einst Dortmund oder heute Schalke kommt in Bremen nicht infrage. Die Vorgabe des Vorstandsvorsitzenden lautet: „Wir wollen wieder unter die ersten drei.“ Dafür muss aber nach Özils Abgang schnell Ersatz her: Der Brasilianer Wesley etwa. Oder noch ein anderer Hochkaräter fürs Mittelfeld. Die Uhr bei Torsten Frings, der bald 34 wird, tickt. Und Tim Borowski, 30, ist der Prototyp des Bremer Mitläufers, der für höhere Ansprüche nicht mehr berechtigt.

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