Bundesliga im Test (5) : FC Augsburg: Brechts Erben

Mit neuem Trainer, aber alt erprobten Tugenden will der FC Augsburg die Sensation aus der Vorsaison wiederholen: den Klassenerhalt in der Bundesliga.

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Neuer Verein, neues Glück? Ex-Herthaner Andreas Ottl versucht sich nun beim FC Augsburg.
Neuer Verein, neues Glück? Ex-Herthaner Andreas Ottl versucht sich nun beim FC Augsburg.Foto: dapd

Was hat sich verbessert?

Das Selbstvertrauen. In Augsburg haben sie nun die Gewissheit, einem alten Spruch Leben einhauchen zu können, mag der auch mittlerweile noch so abgegriffen sein: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Zugeordnet wird das Zitat Bertolt Brecht. Und es kann kein Zufall mehr sein, dass Brecht in Augsburg geboren wurde, wenn man sich allein die Statistiken der letzten Saison anschaut: Mit dem kleinsten Etat gestartet, brauchten die Augsburger neun Spieltage bis zu ersten Sieg. Von Ende August bis Ende Februar standen sie ununterbrochen auf einem Abstiegsplatz. Dass sie dennoch den Klassenerhalt schafften, war der enormen Willensleistung zu verdanken. Symbol dafür war Keeper Simon Jentzsch, der drei Spiele mit gebrochenem Finger im Tor stand. Wie sagte schon Brecht: „Der große Sport fängt da an, wo er aufhört, gesund zu sein.“

Wer sind die Stars?

Die sensationelle letzte Saison wirkt nach. „Der FCA ist für Spieler interessanter geworden“, sagt Manager Manfred Paula. Gemeint sein könnten damit Andreas Ottl und Aristide Bancé – zwei Neuzugänge, die sich in der Bundesliga schon einen Namen gemacht haben. Beide wurden allerdings bei ihren vorherigen Stationen aussortiert, was Ottl und Bancé dazu bewegte, ihre Gehaltsvorstellungen auf die immer noch bescheidenen Augsburger Dimensionen herunter zu dimmen. Bleiben Ja-Cheol Koo, der mit seinen Traumpässen und -toren nicht nur südkoreanische Reporter in Ekstase versetzte, und der angesprochene Jentzsch im Tor – mit 36 Jahren fast schon jemand für die nächste Kategorie.

Wer hat das Sagen im Verein?

Jentzschs neuer Trainer ist nur ein Jahr älter als er: Markus Weinzierl. Der einstige Bayern-Profi stieg im Mai mit Jahn Regensburg in die Zweite Liga auf – wohl wissend, persönlich bereits die Erste Liga erreicht zu haben. Weinzierl bildet zusammen mit Manager Manfred Paula das neue Duo für die sportlichen Belange, die beiden folgen auf das erfolgreiche Gespann Jos Luhukay/Andreas Rettig. Die Personalrochade verlief mit reichlich Nebengeräuschen: Erst hatte Präsident Walther Seinsch dem Trainer Luhukay eine Jobgarantie ausgesprochen, „selbst wenn er 34 Spiele verliert“. Nach internen Unstimmigkeiten musste Seinsch dann fast schon dazu gezwungen werden, Luhukay den Blumenstrauß zum Abschied zu überreichen. Für Irritationen sorgten auch die Auslassungen des Präsidenten über die zögerliche Transferpolitik während der Saison. Manager Rettig seilte sich zur DFL ab, Luhukay zur Hertha und Seinsch konstatierte: „Ab dem 1. Juli will ich nur noch chillen.“ Bleibt die Frage, was überraschender ist: Ein Präsident, der sich zurückzieht, oder die Tatsache, dass ein 70-Jähriger das Wort „chillen“ benutzt?

Was erwarten die Fans?

„Allen Fans ist bewusst, dass es nur um den Klassenerhalt geht. Keiner hat den Irrglauben, etwas anderes anzupeilen“, sagt Fanbeauftragter Alexander Edin. Die Fans unterstützen Seinsch, Weinzierl und Paula, wie sie auch das Team im vergangenen Jahr angetrieben haben: In der Rückrunde verlor der FC Augsburg nur ein einziges Heimspiel.

Was ist in dieser Saison möglich?

Der Zusammenhalt der Mannschaft war der entscheidende Faktor für den Klassenerhalt. Mit Axel Bellinghausen verließ nun einer der Antreiber das Team, die Neuzugänge um Andreas Ottl werden nicht nur sportlich gefordert sein, Bellinghausen zu ersetzen. Wie der SC Freiburg ging der FCA in der vergangenen Saison für den Verbleib in der Ersten Liga übers Limit, einen von beiden wird es in diesem Jahr wohl erwischen.

Und sonst?

Randale und Ärger? Nicht beim FC Augsburg, hier spielen sich alle zwei Wochen Verbrüderungsszenen mit den gegnerischen Fangruppen ab. Die Initiative „Augsburg Calling“ lädt die Gästefans schon mal zu Feiern nach den Spielen mit einheimischen Bands, Stadtrundgang und gemeinsamem Frühstück ein.

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