Bundesliga im Test : Hertha BSC: Drucklos glücklich

Nach dem Abgang der Führungsfiguren erwartet bei Hertha BSC niemand ernsthaft eine Wiederholung des vierten Platzes. Am Freitag startet die Bundesliga in ihre neue Saison. In unserer Serie testen wir Stärken, Schwächen und Marotten der Vereine. Heute Teil 15: Hertha BSC.

Sven Goldmann
Hertha
Bei Hertha ist der Star die Mannschaft. -Foto: dpa

Am Freitag startet die Bundesliga in ihre neue Saison. In unserer Serie testen wir Stärken, Schwächen und Marotten der Vereine. Heute Teil 15: Hertha BSC.


Was hat sich verbessert?

Es ist noch nicht so lange her, da hat Dieter Hoeneß als Vorsitzender der Geschäftsführung einen Masterplan hinausposaunt, nach dem Hertha in dieser Saison um den Einzug in die Champions League spielen müsste. Da es sich bei Hoeneß seit ein paar Wochen um einen ehemaligen Vorsitzenden der Geschäftsführung handelt, darf man wohl von einem ehemaligen Masterplan sprechen. Wenn der Führungsstreit bei Hertha für etwas gut war, dann ist es die veränderte öffentliche Wahrnehmung der Berliner Potenzen. Mittlerweile dürfte jeder wissen, dass Hertha ein armer Verein ist, der auf Jahre hinaus nicht mit den Großen der Liga konkurrieren kann, jedenfalls nicht, was die finanzielle Bewegungsfreiheit betrifft. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geben der Mannschaft einen so bescheidenen sportlichen Kredit, dass Hertha nur gewinnen kann. Keiner erwartet ernsthaft eine Wiederholung des im Vorjahr erspielten vierten Platzes. Der ganz große Druck, der in Berlin noch immer da war, er ist erst einmal weg. Es gibt schlechtere Ausgangspositionen.

Wer sind die Stars? Dieter Hoeneß, Marko Pantelic, Andrej Woronin, Josip Simunic – vier Gesichter, die Hertha zuletzt prägten, lächeln jetzt in München, Belgrad, Liverpool und Hoffenheim. Wer die Mannschaft näher beobachtet, der spürt, wie es in ihr arbeitet, wie die Diadochen um ihre Positionen in der neuen Hierarchie kämpfen. Arne Friedrich ist mit seinen 66 Länderspielen ein logischer Kandidat für eine Führungsposition. Doch einerseits ist er qua seines Naturells kein Lautsprecher, andererseits haben die Mitspieler sehr wohl registriert, dass Trainer Lucien Favre seinen Kapitän sportlich für ein wenig überschätzt hält, was wiederum Friedrichs natürliche Autorität mindert. Uneingeschränkten Respekt genießt Torhüter Jaroslav Drobny. Sportlich gilt das auch für Mittelfeldspieler Gojko Kacar, bei dem die Kollegen gespannt abwarten, ob er sich auch ohne die Fürsprache seines serbischen Landsmannes Pantelic zu einer Führungsfigur entwickelt. Artur Wichniarek wird genug damit zu tun haben, die Bedenken der Fans zu zerstreuen. Ansonsten gilt für Herthas neue Mannschaft, was Berti Vogts einmal völlig zu Unrecht über die mit Charakteren wie Matthias Sammer, Jürgen Klinsmann und Thomas Häßler gespickte Europameisterelf von 1996 gesagt hat: Der Star ist … genau!

Welche Taktik ist zu erwarten? Als schmerzhaften Abgang empfindet Trainer Lucien Favre allein den Verlust von Josip Simunic, was aber nichts daran ändert, dass Hertha auch in Zukunft mit einer Viererkette verteidigt. Favre weiß, dass er ohne Simunic ein Defensivproblem haben wird, aber in der Zone davor sieht er mehr Möglichkeiten als in der Vergangenheit. Das eher uneigennützige Spiel des neuen Mittelstürmers Artur Wichniarek hat Favre in der Vorbereitung dazu animiert, mit einem 4-3-3 zu experimentieren. Bei dieser Variante spielen Raffael oder Amine Chermiti als linker Stürmer deutlich offensiver als Maximilian Nicu oder Patrick Ebert auf der rechten Seite. Öfter aber dürfte Favre eine 4-4-2-Formation aufbieten, mit zwei defensiven Mittelfeldspielern, für die sich drei Kandidaten anbieten: Pal Dardai, Cicero und Gojko Kacar, der aber in einem 4-3-3 auch als zentraler Gestalter auflaufen könnte.

Wie viel Macht hat der Trainer? Ende Januar hat Lucien Favre einen neuen Vertrag bis 2011 unterzeichnet, ein halbes Jahr später scheint es Hertha BSC nicht schnell genug zu gehen mit einer neuerlichen Verlängerung bis 2013. Allein dieses untypische Werben um einen Mann auf der Position, die in fast allen Klubs das schwächste Glied in der Kette ist, dokumentiert Favres Stellenwert. Hertha hat das sportliche Schicksal des Klubs mit dem des Trainers verknüpft. Das garantiert im Erfolgsfall großen Beifall für strategische Weitsicht, provoziert aber im Fall eines Scheiterns entsprechende Schuldzuweisungen.

Was erwarten die Fans? Das Schöne an Träumen ist das utopische Element. Wer glaubt schon ernsthaft an einen Sechser im Lotto oder einen Deutschen Meister Hertha BSC? Natürlich träumt die große Mehrheit der Hertha-Fans von Verhältnissen, wie sie im vergangenen Jahr herrschten. Nun hat der Führungsstreit dem Publikum zwei Alternativen vor Augen geführt: entweder volles Risiko gehen und auf Pump eine Mannschaft zusammenstellen, die zur Refinanzierung einer gewagten Investition unbedingt die Champions League erreichen muss. Oder Maß halten und sparen mit der Aussicht auf bescheidenes Wachstum, das aber in jedem Fall eine mittelfristige Perspektive in der Bundesliga bietet. In den Zeiten der Wirtschaftskrise lässt sich auch unter Fußballfans Verständnis für die zweite Option finden. Für Hertha bedeutet das: Spielt die Mannschaft weiter mit Herz und Hirn, wird ihr auch eine Nivellierung im Tabellenbild verziehen werden. Nur einen Totalabsturz darf sie sich nicht leisten.

Was ist in dieser Saison möglich? Wahrscheinlich ein einstelliger Tabellenplatz. Wenn alles passt, eine Überraschung unter den ersten Fünf. Bestimmt kein Abstieg. Im Sommer 2009 steht Hertha BSC im positiven Sinne für den Qualitätsunterschied der Bundesliga zu den großen Ligen Europas: Man weiß am Anfang nicht, was am Ende herauskommt.

Morgen: VfB Stuttgart.

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