Bundesliga im Test : Modern ist, was die Zuschauer begeistert

Am 15. August beginnt die Fußball-Bundesliga. In unserer Serie testen wir die Vereine auf Stars, Stimmung und Chancen. Heute Folge 17: Werders Trainer Thomas Schaaf bleibt bei seiner offensiven Taktik, die Mannschaft ist so gut besetzt wie im Vorjahr – nur ein guter Stürmer fehlt den Bremern noch.

Steffen Hudemann
Schaaf
Werder-Trainer Thomas Schaaf -Foto: dpa

Was hat sich verbessert?



Noch hat kein Spieler über Schlafstörungen geklagt. Und im Training der Bremer hat sich noch niemand geprügelt. Der Grund dafür könnte sein, dass Carlos Alberto jetzt in sicherer Entfernung bei Botafogo in Rio de Janeiro sein Unwesen treibt. Die Verletztenbilanz beim Meisterschaftszweiten beschränkt sich auf eine Meniskus-Operation bei Per Mertesacker und eine verschleppte Malaria bei Boubacar Sanogo. Nichts im Vergleich zur vergangenen Saison. Bei Werder läuft es also traumhaft. Das Theater um Diego und Olympia? Lächerlich! Da sind die Bremer ganz anderes gewohnt.


Welche Taktik ist zu erwarten?

4-5-1, Doppel-Sechs – die Modetrends des EM-Sommers sind nichts für Thomas Schaaf. Der Trainer steht so fest zur unkontrollierten Offensive wie zu seinen unmodischen Kapuzenpullis. Bei Schaaf ist modern, was die Zuschauer begeistert. Und bevor er sich über einen ermauerten 1:0-Sieg freut, nimmt er lieber ein 4:4 in Kauf. Im DFB-Pokal zeigte Werder, dass sich daran nichts geändert hat. Die Abwehr ließ gegen den Fünftligisten Nordhorn drei Gegentore zu. Machte nichts, die Offensive hatte ja neun Mal getroffen.


Wer ist der Star?

Diego. Ach, der ist in Peking? Dann ist dies die Gelegenheit, auf Werders heimlichen Star hinzuweisen. Einen, von dem nie jemand ein Interview will und mit dessen Rückennummer nie ein Trikot verkauft wird: Jurica Vranjes. Der Mann zeigt seit Jahren konstante Leistungen (nur Spötter behaupten: auf niedrigem Niveau). Er ist immer zur Stelle, wenn er gebraucht wird (meist im defensiven Mittelfeld), und – wichtiger – er setzt sich jederzeit klaglos auf die Ersatzbank, wenn er nicht gebraucht wird. Außerdem können die Rentner auf der Südtribüne über niemanden herzhafter fluchen als über ihn. Werder hat das Starpotenzial erkannt und Vranjes’ Vertrag bis 2011 verlängert. Vielleicht schätzt Thomas Schaaf seine Nummer 7, weil er als Spieler selbst so war: unscheinbar, bescheiden – und von allen unterschätzt.


Wer hat das Sagen im Verein?

Trainer Thomas Schaaf und Sportdirektor Klaus Allofs haben das Sagen auf und neben dem Platz. Geschäftsführer Jürgen Born hat das Sagen auf Vereinsfeiern. Und Präsident Klaus-Dieter Fischer kümmert sich darum, dass Korb-, Hand- und Prellballer auch etwas zu sagen haben. Und der Aufsichtsratsvorsitzende Willi Lemke? Der hat als UN-Sondergesandter neuerdings das Sagen im Weltsport – und keine Zeit mehr, sich auch noch bei Werder einzumischen.


Wie ist die Stimmung im Stadion?

Angeblich nicht schlecht – erzählen die, die schon mal drin waren. Leider lässt sich das nur schwer überprüfen. Denn als Fan kommt man kaum an Karten. 42 000 Plätze sind viel zu wenig. Der Verein wollte das ändern und das Weserstadion um einen dritten Rang aufstocken – auf 50 000 Plätze. Geduldig hat der Verein bei Anwohnern um Verständnis geworben – und die Baupläne anschließend doch über den Deich geworfen. Die gestiegenen Stahlpreise seien schuld, heißt es. Jetzt sollen immerhin die Kurven hinter den Toren verschwinden und die Tribünen näher ans Spielfeld rücken. Damit dürfte die Stimmung noch besser werden – und die Karten noch begehrter.


Welche Platzierung ist zu erwarten?

Werder ist genauso gut besetzt wie im vergangenen Jahr. Die Chancen, sich zum sechsten Mal hintereinander für die Champions League zu qualifizieren, stehen also gut. Trotzdem wären die Chancen noch viel, viel besser, wenn Werder endlich einen neuen Stürmer kaufen würde. Das sagt auch Torsten Frings bei jeder Gelegenheit. Fragt man Frings, wie die Meisterchancen stehen, sagt er: „Gut. Aber wir brauchen noch einen neuen Stürmer.“ Fragt man ihn, wie das Testspiel in Pusemuckel war, sagt er: „Gut, aber wir brauchen noch einen neuen Stürmer.“ Und fragt man Frings, wie das Wetter ist, sagt er: „Gut. Aber wir brauchen noch einen neuen Stürmer.“ Klaus Allofs sagt: „Wir wollen noch einen neuen Stürmer. Aber wir kaufen nicht für die Galerie.“ Vielleicht kauft er ihn ja für Torsten Frings.

Morgen: FC Bayern München. Die gesamte Serie finden Sie im Internet unter: www.tagesspiegel.de/sport

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben