Bundesliga : Kerngesund und doch verschnupft

Nicht verharmlosen, nicht dramatisieren: Wie die Liga auf die Schweinegrippe reagiert.

Christian Otto[Hannover]

Sie sind alle kerngesund und doch ein wenig verschnupft. Dass Hannover 96, ein Fußball-Erstligist mit chronischer Personalnot, vier Tage lang auf Steven Cherundolo verzichten musste, hat seine Mitspieler, den Trainer und die medizinische Abteilung geärgert. Die grassierende Schweinegrippe ist vor allem im hannoverschen Sport zum Reizthema aufgestiegen. Der Verein hatte seinen Profi, der bei einem Einsatz für die US- Nationalmannschaft mit dem H1N1-infizierten Kollegen Landon Donovan in Kontakt war, vorsichtshalber und freiwillig unter Quarantäne gestellt.

Wie die Klubs ihre Spieler und am Ende möglicherweise auch die Zuschauer vor der Schweinegrippe schützen, bleibt ihnen bisher selbst überlassen. Während die Bundesregierung gestern Massenimpfungen für Millionen von Bürgern verordnet hat, sieht die Deutsche Fußball-Liga (DFL) keinen Grund für besondere Maßnahmen in der Ersten und Zweiten Liga. „Wir verharmlosen das Thema nicht, aber wir dramatisieren es auch nicht“, sagt Holger Hieronymus aus der DFL-Geschäftsführung. „Die Kommission Sportmedizin des Deutschen Fußball-Bundes ist von uns für das Thema sensibilisiert worden. Dort und in den Vereinen liegt die Fachkompetenz.“ Es gehöre zudem zur medizinischen Sorgfaltspflicht der Klubs, sich mit den Gefahren durch die Schweinegrippe auseinanderzusetzen.

Das Beispiel des Außenverteidigers Cherundolo zeigt allerdings: Kurz nach dem Start der Bundesliga-Saison, begleitet von internationalen Vergleichen, offenbart der Kampf gegen die Schweinegrippe Lücken. Es waren die sportliche und medizinische Abteilung von Hannover 96, die sich dazu entschieden hatten, Cherundolo und die mit ihm in Kontakt getretenen Kollegen Vinicius und Jan Rosenthal bis Dienstag vom Rest der Mannschaft zu isolieren. Wer sich schlapp fühlt oder verdächtige Symptome zeigt, wird in Hannover sofort untersucht und wenn nötig von den Mitspielern ferngehalten. Dass Cherundolo genauso wie sein Landsmann Michael Bradley von Borussia Mönchengladbach eine Zwangspause einlegen musste, während Donovan trotz nachgewiesener Erkrankung für Los Angeles Galaxy spielen durfte, erscheint verwunderlich. Offenbar hat der amerikanische Fußballverband, der Cherundolo ohne jede Warnung nach Hannover und damit in den deutschen Spielbetrieb zurückschicken wollte, ein anderes Verständnis von vorbeugenden Maßnahmen gegen die Schweinegrippe.

Hannover 96 klagt jetzt über einen Mangel an Hilfe vom amerikanischen Verband und von der DFL. Der Klub ist von der Schweingrippe gleich doppelt betroffen gewesen. In seiner Regionalliga-Mannschaft waren zwei Spieler positiv auf die Krankheit getestet worden, das erste Saisonspiel musste daher abgesagt werden; außerdem konnte sich Cheftrainer Dieter Hecking für das Spiel der Profis bei Hertha BSC nicht aus dem Kader der zweiten Mannschaft bedienen. Gemeckert hat er trotzdem nicht. Gesundheit geht vor.

Seite 2

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben