Bundesliga-Spitze : Dortmund: Eine Stadt und ihre Jungs

Mit einer jungen Mannschaft und offensivem Fußball begeistert der BVB ganz Dortmund – doch das Idyll wird sich schon bald gegen die Gesetze der Branche behaupten müssen.

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Das Herz in Westfalen. Viele der Dortmunder Jungprofis, die sich hier von den Fans auf der Tribüne feiern lassen, sind unweit des Dortmunder Stadions aufgewachsen oder spielen schon seit der Jugend beim BVB. Foto: Imago
Das Herz in Westfalen. Viele der Dortmunder Jungprofis, die sich hier von den Fans auf der Tribüne feiern lassen, sind unweit des...Foto: Imago

Wenn ein Fußgänger durch den Dortmunder Ortsteil Eving läuft und bereits von weitem ein Auto herankommen hört, aus dem das Lied „Heja BVB” laut wummernd zu vernehmen ist, könnte es durchaus sein, dass er am Steuer Kevin Großkreutz erblickt. Borussias Jung-Nationalspieler ist in dieser Gegend groß geworden, und obwohl er als Profi inzwischen ziemlich gut entlohnt wird, wohnt er bis heute bei seinen Eltern. Die Verbundenheit mit seiner Stadt ist keine Attitüde, bis zum letzten Jahr hat der Profi nebenbei noch die E-Jugend von Phönix Eving trainiert. Zurzeit baut Großkreutz im benachbarten Brechten ein Haus, in das auch seine Familie einziehen wird.

Großkreutz und Dortmund, das sind große Gefühle, aus denen der 22-Jährige nie einen Hehl gemacht hat. Auch andere Spieler des Herbstmeisters pflegen eine enge Bindung zur Stadt und ihrem Fußballklub. So wie Nuri Sahin. Der stammt zwar aus Meinerzhagen im Sauerland, hat aber schon mit 15 für die Borussia gespielt. Es gibt Fotos und bewegte Bilder aus der Sportschau, die Dortmunds Spielgestalter als Balljungen im Westfalenstadion zeigen. Oder Marcel Schmelzer. Der kam ebenfalls mit 15 zum BVB. Fern seiner Heimatstadt Magdeburg gestaltete sich das Verhältnis zu seiner Ersatzfamilie im Jugendhaus des Klubs so innig, dass der Außenverteidiger auch heute noch regelmäßig mit seiner Freundin vorbeischaut, um den Kontakt zu pflegen.

Dortmunds junge Erfolgsmannschaft lebt eine enge Verbundenheit mit der Stadt, in der sie ihr Geld verdient. Das klingt ein bisschen nach Sozialromantik, nach „Elf Freunde müsst Ihr sein”. Ist so etwas in der Bundesliga des Jahres 2010 noch denkbar? Zumindest meint Michael Zorc, Züge davon beobachtet zu haben. Dortmunds Sportdirektor erlebt im Alltag „viele Gleichaltrige, die gleiche Interessen haben”. Der BVB-Prototyp ist Anfang 20, beim Sieg in Nürnberg war Schmelzer mit 22 Jahren tatsächlich nach Kapitän Roman Weidenfeller, 30, und Lukasz Piszczek, 25, der drittälteste Spieler in der Startformation. Dortmunds Rasselbande wird auch in der Freizeit gemeinsam gesehen, die Spieler vergnügen sich an der Play-Station oder im Internet beim Managerspiel Comunio. Das Ergebnis ist ein Zusammenhalt, „wie ich ihn in dieser Form bei Profis noch nicht erlebt habe”, berichtet Zorc.

In der Realität der Unterhaltungsbranche Fußball, in der es vor allem darum geht, eine Ansammlung von Ich-AGs bei Laune zu halten, wirkt das wie ein Anachronismus. Und deshalb fragen sie sich im Revier, wie lange das schwarz-gelbe Idyll Bestand haben kann, sollten die Begehrlichkeiten der Konkurrenz aus dem In- und Ausland weiter wachsen. Das Paradebeispiel für den Ausverkauf einer Mannschaft ist noch immer das von Ajax Amsterdam aus dem Jahre 1995. Jene fantastische Ansammlung von Ausnahmetalenten wie Edwin van der Sar, Michael Reiziger, Clarence Seedorf, Edgar Davids, Jari Litmanen, Patrick Kluivert oder Marc Overmars, die unter Louis van Gaal geformt wurde, dann die Champions League gewann und auf dem Weg dahin Bayern München im Halbfinale mit 5:2 an die Wand spielte. Der Glanz war ebenso groß wie endlich. Die wunderbare Mannschaft wurde von den reichen Klubs aus Spanien, Italien und England auseinandergerupft, bis heute hat sich Ajax davon nicht erholt.

Droht dieses Schicksal nun auch den Dortmundern, die in der Hinrunde die Herzen im Sturm eroberten? Zorc mag daran nicht glauben, „Deutschland ist nicht Holland”, sagt er, „und Borussia Dortmund ist nicht Ajax Amsterdam.” Der Sportdirektor des BVB verweist auf den Standortvorteil im Umfeld der wirtschaftlich starken Bundesliga: „Wir waren nie ein Verkäufer-Klub, und das werden wir auch in Zukunft zu verhindern wissen.”

Dennoch kennen sie im Ruhrgebiet die Gesetze der Branche. „Ich mache dieses Geschäft nicht erst seit einigen Tagen und will nicht naiv sein”, sagt Zorc. Und deshalb weiß er, dass „die Maximierung der finanziellen Möglichkeiten für Spieler noch immer die wichtigste Triebfeder ist”. Am Ende – so lautet die einfache Regel – landet ein Profi da, wo es das meiste Geld gibt. In Dortmund versuchen sie gerade, diesen Grundsatz ein Stück weit außer Kraft zu setzen. Sie haben dabei gute Argumente. Zum Beispiel locken sie ihre Spieler mit einer Attraktion wie der größten Stehplatztribüne der Welt. Die gelbe Wand sei für ihn immer noch „der außerordentlichste Ort, vor dem man Fußball spielen kann”, hat Trainer Jürgen Klopp vor kurzem gesagt. Bei jedem Heimspiel freue er sich „wie ein kleines Kind”. Und Zorc wirbt mit dem „Erlebnis Fußball pur in allen Facetten”.

Der Abenteuerspielplatz BVB als Argument, die jungen Könner auf Dauer zu halten? Einen Versuch sei es wert, sagen sie in Dortmund. Zumal sie „ja auch nicht mit Groschen bezahlen”, wie Zorc sagt. Zudem können die Dortmunder auf drei Persönlichkeiten verweisen, für die die Identifikation mit ihrem Klub kein Lippenbekenntnis ist. Michael Zorc und Jugend-Koordinator Lars Ricken waren seit ihrer Jugend immer nur für die Borussia tätig, Klopp verbrachte 18 Jahre in Mainz, bevor er sich auf den Weg ins Revier machte. „Wenn ein Spieler in puncto Vereinstreue einen Ansprechpartner sucht”, sagt Zorc, „wird er bei uns mit Sicherheit fündig.”

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