Bundesliga : Vom Beweis zur Vermutung

Abseits oder nicht? Selbst die elektronischen Augen von ARD und ZDF bringen manchmal nicht den erhofften Videobeweis.

Lars Spannagel
leverkusen gegen cottbus
Auf dem rechten Fuß? Hebt Leverkusens Bernd Schneider (2. von Links) mit seinem Bein das Abseits auf oder nicht? Die ARD hätte in...Screenshot: ARD

Berlin - Die Punkte sind weg, das Hadern geht weiter. Noch zwei Tage nach dem unglücklichen 2:3 gegen Bayer Leverkusen beschäftigt sich Energie Cottbus mit den vermeintlichen Fehlentscheidungen, die zur Niederlage geführt haben sollen. Womöglich hätte ein Videobeweis die umstrittenen Entscheidungen von Schiedsrichter Lutz Wagner verhindern können. Vereinssprecher Ronny Gersch forderte am Montag: „Alles, was für mehr Gerechtigkeit im Fußball sorgt, sollte man nutzen.“

leverkusen gegen cottbus
Das ZDF hätte das Tor nicht gegeben. Unklar bleibt, wieso die virtuelle Abseitslinie einmal fünf Meter (ARD) vor dem Tor verläuft...Screenshot: ZDF

In seiner heutigen Form scheint der Videobeweis dazu aber nicht in der Lage. Wie wenig unfehlbar selbst ein elektronisches Auge sein kann, zeigt die TV-Berichterstattung über das Bundesligaspiel vom Samstag. Schiedsrichter Wagner hatte neben mehreren anderen strittigen Szenen ein Tor des Cottbussers Branko Jelic wegen vermeintlicher Abseitsposition nicht gegeben. Bei der Analyse der Szene kamen die Experten von Sportschau (ARD) und Aktuellem Sportstudio (ZDF) zu unterschiedlichen Ergebnissen: Bei der ARD hebt Bernd Schneider das Abseits mit dem rechten Fuß hauchdünn auf, das ZDF sieht die Szene wie Schiedsrichter Wagner: Abseits, kein Tor.

Während Cottbus noch tobt, sieht man die Frage nach dem Videobeweis bei der ARD weniger aufgeregt. „Die Frage, ob da noch eine Hacke dabei ist oder nicht, ist mehr oder weniger Spielerei“, sagt Steffen Simon, Redaktionsleiter der Sportschau. Der Videobeweis sei gut für eine interessante Diskussion, bei einer so knappen Entscheidung wie dieser könne man einem Schiedsrichter aber nie einen Fehler vorwerfen. Beim ZDF ist man sich hundertprozentig sicher, die Situation korrekt dargestellt zu haben. „Unsere Techniker haben das zweimal durchgerechnet, weil es eben so eine knappe Entscheidung war“, sagt Thomas Fuhrmann, Redaktionsleiter des Sportstudios, „wie ARD und ZDF zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, kann ich auch nicht erklären." Das ZDF-Sportstudio setzt auf eine 2-D-Technik, in der man den Blickwinkel verändern kann, als Grundlage dient beiden Sendern das gleiche Bildmaterial. Der ehemalige Fifa-Schiedsrichter Hellmut Krug, inzwischen bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) angestellt, sieht den Videobeweis nicht als ernsthafte Alternative. „Wenn schon zwei Sender nach Auswertung der Bilder zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, kann man daran sehen, wie problematisch der Videobeweis ist“, sagt Krug, „das ist dann eher ein Herumdoktern.“ In knappen Szenen wie der von Cottbus seien Details in wenigen „Wimpernschlägen“ nicht zu erkennen: „Die Frage, ob ein Fuß noch hinter dem Gegenspieler ist oder schon vor ihm, ist eher eine Spielerei, die aufs Fernsehen zurückzuführen ist.“

Selbst wenn der Videobeweis über alle Zweifel erhaben wäre: Während eines laufenden Spiels ist er wenig praktikabel. Im Fall der ARD laufen die Bilder einer Spielszene beim Fußballdaten-Dienstleister „Impire“ ein. Anhand der Spielfeldlinien wird das Standbild in dreidimensionalen Raum umgerechnet, dafür müssen mindestens vier Referenzpunkte auf dem Bild sichtbar sein. Bei 25 Bildern pro Sekunde ist es außerdem nicht einfach, das richtige Standbild auszuwählen. „Den Moment der Ballabgabe muss man bei Abseitsentscheidungen exakt treffen“, sagt Holger Rahlfs von „Impire“. Fünf bis zehn Minuten dauert es, bis die virtuelle Abseitslinie berechnet und eingezeichnet ist. Rahlfs würde gern ein System für Live-Beweise im Stadion entwickeln. „Aber bei der Fifa ist es nicht erwünscht, dass ein Spiel unterbrochen wird, damit ein Schiedsrichter eine Entscheidung vor dem Bildschirm nachprüft.“ In anderen Sportarten hat man da weniger Scheu - im Eishockey sind Videobeweise Alltag, auch beim Super Bowl griffen die Schiedsrichter auf Fernsehbilder zurück.

Schiedsrichter Hellmut Krug sagt, dass die Bundesliga nicht darüber nachdenkt, den Videobeweis ins Regelwerk aufzunehmen: „Für uns ist das gar kein Thema, kommt überhaupt nicht in Frage.“

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