Bundesliga-Vorschau, Teil 6 : FSV Mainz 05: Bescheidenheit am Bruchweg

Am 9. August startet die Fußball-Bundesliga in ihre 51. Saison. In unserer Serie testen wir Stärken, Schwächen und Vorlieben der Vereine. In der fünften Folge blicken wir auf den FSV Mainz 05.

Andreas Hunzinger
Trainer Tuchel gibt die sportliche Leitlinie bei Mainz vor.
Trainer Tuchel gibt die sportliche Leitlinie bei Mainz vor.Foto: dpa

Was hat sich verbessert?

Auf jeden Fall die Geländegängigkeit der Mainzer Profis. Im Gegensatz zu den anderen Bundesligaklubs verzichtete Mainz 05 auf ein Trainingslager im Alpenraum. Die konditionellen Grundlagen wurden am heimischen Bruchweg erarbeitet, zudem dienten Ausflüge der Stärkung des Mannschaftsgeistes – und als Mutproben. So ließ Trainer Thomas Tuchel seine Spieler sich in Schluchten abseilen oder aus neun Meter Höhe in einen Fluss springen. Zudem scheint der Kader besser geworden zu sein. Shinji Okazaki (VfB Stuttgart), Dani Schahin (Fortuna Düsseldorf), Sebastian Polter (1. FC Nürnberg), Christoph Moritz (Schalke 04), Johannes Geis (Greuther Fürth), Julian Koch (MSV Duisburg) und Joo-Ho Park (FC Basel) eröffnen Trainer Tuchel zumindest quantitativ mehr Möglichkeiten.

Wer sind die Stars?

Der größte Star, den Mainz 05 je in seinen Reihen hatte, ist mittlerweile ein Superstar – und Trainer bei Borussia Dortmund. Thomas Tuchel hat Jürgen Klopp als exzellenter Fachmann vollumfänglich beerbt, aber die Fähigkeiten als Entertainer sind weniger ausgeprägt. Das bedeutet einen Abzug beim Glamourfaktor. Kloppo ist Kult in Mainz, Tuchel sehr geschätzt und respektiert. Dennoch ist es der streitbare Coach der Mainzer, der am ehesten öffentlich von sich reden macht. Fragen Sie nach Spielen den Vierten Schiedsrichter. Die Mainzer Spieler sind teils sehr solide, teils gute Fußballer, Stars aber sind sie nicht. Hierfür fehlen ihnen ein Tick Klasse und/oder Skandalpotenzial. Am ehesten noch genießt Verteidiger Nikolce Noveski bei der Anhängerschaft so etwas wie Kultstatus. Seit neun Jahren am Bruchweg, ist er als Kapitän ein Muster an Zuverlässigkeit und Bescheidenheit. Ansonsten folgt Mainz 05 dem Prinzip: der Star ist die Mannschaft.

Wer hat das Sagen?

Präsident Harald Strutz steht als Vizepräsident der DFL immerhin im Rampenlicht. Auch sonst ist der seit 25 Jahren amtierende Klubvorsitzende ein Mann für die Öffentlichkeit, schließlich hat Strutz als Sänger einer Rockband Bühnenerfahrung. Das Tagesgeschäft aber leiten Christian Heidel und Tuchel. Manager Heidel gilt als der Baumeister des Mainzer Erfolges der vergangenen zwölf Jahre und bestimmt den Kurs im Klub. Längst hat die Branche erkannt, dass das einst zweifelhafte Kompliment des Autoverkäufers viel eher ein echtes Qualitätsmerkmal ist. Heidel hat Mainz 05 vor allem mit einer klugen Einkaufs- und Verkaufspolitik zu einem etablierten Bundesligisten gemacht. Trainer Tuchel wiederum gibt die sportliche Leitlinie vor – im gesamten Klub.

Was erwarten die Fans?

Jahrelang feierten die Fans ihren Klub und sich selbst als Karnevalsverein. Sie inszenierten ihre stimmungsvollen Partys im ehrwürdigen Stadion am Bruchweg, gefielen sich in der Rolle des Underdogs und waren ihren Lieblingen nicht besonders gram, wenn es mal auf die Mütze gab. Mittlerweile stellt auch der Fan von Mainz 05 zunehmend größere Erwartungen an das Ergebnis. Herrscht zwischen Aufwand und Ertrag ein Missverhältnis wie etwa in der vergangenen Saison, als es in der Rückrunde nur noch zwei Siege zu bejubeln gab, schrecken die Fans auch nicht mehr vor Pfiffen und offener Kritik am Trainingsplatz zurück.

Was ist in dieser Saison möglich?

Thomas Tuchel würde wahrscheinlich eher eine Homestory mit Exklusivbildern von seinem Wohnzimmer zulassen, als dass er einen konkreten Tabellenplatz zur Zielvorgabe nennen würde. „Stimmt der Weg, kriegen wir auch das gewünschte Ergebnis“, sagt Tuchel stets, wenn er nach den Zielen gefragt wird. Gerne ergänzt durch den Zusatz: „Manchmal aber auch nicht.“ Mit stimmigem Fußball wird Mainz 05 seine Fans zufrieden stellen können. Allerdings sollte der Lohn für den im Sinne Tuchels richtigen Weg nicht zu oft ausbleiben. Letztlich scheint für Mainz alles möglich – zwischen Platz sechs und Abstiegskampf.

Und was sonst?

Für die Mainzer Personalpolitik der vergangenen Jahre ist es ungewöhnlich, dass der Verein Andreas Ivanschitz ziehen ließ, ohne bisher Ersatz besorgt zu haben. Der 29 Jahre alte Spielmacher wollte den letzten großen Vertrag seiner Karriere machen, Heidel und Tuchel waren nicht bereit, den Gehaltswünschen des Österreichers zu entsprechen, der sich dann UD Levante anschloss. Derzeit pokert Heidel noch mit dem VfL Wolfsburg. Mainz 05 ist sich mit Ja-Cheol Koo einig, doch Wolfsburg will den zuletzt nach Augsburg ausgeliehen südkoreanischen Offensivspielers nicht freigeben. Ende offen.

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