Bundesligisten im Test (8) : TSG Hoffenheim: Die Piekser

Vorbei sind die Zeiten, als Hoffenheim vom internationalen Geschäft träumte. Die kaum verstärkte Mannschaft reduziert die Erwartungen aufs Minimalniveau.

von und
Star an der Seitenlinie. Die TSG verzichtete auf namhafte Einkäufe, der Königstransfer ist Trainer Holger Stanislawski.
Star an der Seitenlinie. Die TSG verzichtete auf namhafte Einkäufe, der Königstransfer ist Trainer Holger Stanislawski.Foto: dpa

Am 5. August startet die Fußball-Bundesliga in ihre neue Saison. In unserer Serie testen wir täglich Stärken, Schwächen und Marotten der Vereine. Heute: TSG Hoffenheim.

Was hat sich verbessert?

Die Anspruchshaltung. Noch in der Winterpause träumte Hoffenheim vom einem Platz in der Europa League. Was folgte, war die Schmierenkomödie um den Wechsel von Luiz Gustavo zum FC Bayern, wovon Trainer Ralf Rangnick aus der Zeitung erfuhr, was zu seinem Rückzug führte. Ein halbes Jahr später würde niemand auf die Idee kommen, die einstigen Himmelsstürmer mit dem internationalen Geschäft in Verbindung zu bringen. Hoffenheim wird nicht mehr gemessen an dem Anspruch, wunderschönen und erfolgreichen Fußball zu spielen. Dieser hatte das Team eher gelähmt denn beflügelt.

Wer sind die Stars?

Der Star steht an der Seite, er trägt das Haar raspelkurz und trinkt literweise Kaffee. Die Verpflichtung von Holger Stanislawski als Trainer ist der spektakulärste Transfer, der Hoffenheim seit dem Aufstieg aus der Regionalliga gelungen ist. Carlos Eduardo, Demba Ba oder Luiz Gustavo hat Dietmar Hopp finanziert, Stanislawski aber steht mit seiner St.-Pauli-Vergangenheit für das Gegenteil einer ausschließlich finanzgesteuerten Existenz. Wenn es einem gelingen kann, dem auf Nachwuchsarbeit basierendem Unternehmen Glaubwürdigkeit zu verschaffen, dann ist es Holger Stanislawski.

Wer hat das Sagen im Verein?

Spätestens seit dem Verkauf von Luiz Gustavo hinter dem Rücken von Ralf Rangnick ist klar, dass die 50+1-Regel im Kraichgau nur auf dem Papier existiert. Wenn Dietmar Hopp einem Spieler den Segen zum Wechsel gibt, darf er gehen. Egal, was der Trainer oder sonst wer vorzubringen hat. Ernst Tanner führt zwar den Titel eines Managers, aber in seinem Arbeitsvertrag ist hundertprozentige Loyalität zu Hopp der einzig relevante Paragraph.

Wie steht es um die Finanzen?

Dietmar Hopp hat zuletzt oft das von der Uefa verfügte Financial Fair Play als Begründung für die Reduzierung seiner Investitionen angeführt. Ob das stimmt, oder ob Hopp nach drei Bundesligajahren erkannt hat, dass sich ein Platz in der Champions League nicht einfach kaufen lässt? Das wird offen bleiben, so lange niemand Einsicht nimmt in die Businesspläne. Der Geschäftsmann Dietmar Hopp weiß, dass die von seinem Geld gebaute Rhein-Neckar-Arena leicht zur Investitionsruine werden kann, wenn sie nicht weiter auf Bundesliganiveau bespielt wird.

Was erwarten die Fans?

Das aus Vereinssicht Schöne an den Hoffenheimer Fans ist, dass sie sich am Event an sich erfreuen und Pfiffe weitgehend für die Gegnerschaft reservieren. Auch bei der Frauenfußball-WM war die Rhein-Neckar-Arena immer bestens gefühlt. Hoffenheim hat sich zuletzt ein vom sportlichen Erfolg weitgehend unabhängiges Event-Publikum herangezogen. Doch der nur überschaubar ausgeprägte Identifikationsfaktor mit dem Klub könnte gefährlich werden, wenn die Leute irgendwann mal übersättigt sind vom Produkt Fußball.

Was ist in dieser Saison möglich?

Der Verein hat die vergangene Saison gemäß Selbstauskunft im erweiterten Kreis der Abstiegskämpfer zu Ende gebracht. Da die Mannschaft kaum nennenswert verstärkt worden ist, reduzieren sich die Erwartungen auf ein Minimalniveau. Holger Stanislawski formuliert betont zurückhaltend, er wolle „in den nächsten drei Jahren mal da oben reinpieksen“. In dieser Saison wäre alles andere als ein zweistelliger Tabellenplatz ein Erfolg, auch das Thema Abstiegskampf sollten die Hoffenheimer nicht zu leichtfertig zur Seite schieben.

Und sonst?

In der Bundesliga ist Hoffenheim für die ganz großen Namen nicht interessant. Auf Nachwuchsebene aber ist der Klub dank der perfekten Infrastruktur mit Nachwuchszentrum und angeschlossenem Internat dabei, sich als erste Adresse in Deutschland zu etablieren. Zeugnis der erfolgreichen Nachwuchsarbeit ist ein Kooperationsvertrag mit Inter Mailand, der demnächst unterschrieben werden soll. Hoffenheims jüngste Neuerwerbung ist gerade 14 Jahre alt. Vincent-Louis Stenzel kommt von Borussia Dortmund und gilt als eines der größten deutschen Talente. Eigentlich wollte er ein Ausbildungsjahr in England einlegen, aber das Hoffenheimer Angebot war besser.

Autoren

0 Kommentare

Neuester Kommentar