Bundestrainer Joachim Löw : Überfordert von den Möglichkeiten

Joachim Löw hat einen Hang zum Bewährten. Irgendwann sollte der Bundestrainer aber die personellen Möglichkeiten, die ihm die Bundesliga inzwischen bereithält, nutzen. Damit es beim nächsten Turnier kein böses Erwachen gibt. Ein Kommentar.

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Den kennt er. Joachim Löw mit seinem Stürmer Gomez.
Den kennt er. Joachim Löw mit seinem Stürmer Gomez.Foto: dpa/Charisius

Man ahnt vermutlich gar nicht, wie anstrengend der Job des Bundestrainers ist. Dauernd muss man durch die Weltgeschichte reisen, von Freiburg nach Sinsheim, manchmal nach Mainz und sogar nach Frankfurt am Main. Man muss sich Fußballspiel um Fußballspiel anschauen, all diese aufstrebenden Talente aus dem Südwesten der Republik am Gesicht erkennen und sich auch noch ihre exotischen Namen (Jeremy, Nadiem, Serge und Grischa) merken können. Wer will es Joachim Löw da verdenken, dass er in anderen Dingen zur Bequemlichkeit neigt und bei der Benennung eines Länderspielkaders am liebsten die Tastenkombination Strg + v drückt, die ihm – schwuppdiwupp – das Aufgebot des Länderspiels zuvor ausspuckt: Sieht doch noch ganz passabel aus, nehmen wir.

Zumindest könnte man zu dieser Ansicht gelangen, wenn man sich den Kader für die WM-Qualifikationsspiele gegen Tschechien und Nordirland anschaut. Kommt einem irgendwie bekannt vor.
Der Bundestrainer muss ganz sicher nicht alle vier Wochen die Hälfte seiner Spieler austauschen. Aber dass die aktuelle Form weder in die eine noch in die andere Richtung die geringste Rolle spielt, das mutet schon ein bisschen seltsam an. Julian Brandt ist gerade komplett überspielt (was sogar sein Vereinstrainer so sieht) – na und? Mario Gomez nähert sich beim VfL Wolfsburg wieder seiner EM-Form (allerdings der von 2008) – egal. Und wenn trotzdem mal ein Platz frei wird, holt Löw Sebastian Rudy zurück, den niemand vermisst hat, als er bei der Europameisterschaft nicht dabei war.

Thomas Tuchel wundert sich noch, Borussia Mönchengladbach hat längst resigniert

Dortmunds Trainer Thomas Tuchel hat gestern noch pflichtschuldig seine „große Enttäuschung“ zu Protokoll gegeben, dass der seit Wochen überragende Gonzalo Castro von Löw wieder nicht nominiert wurde. Bei Borussia Mönchengladbach haben sie längst resigniert. Die Mannschaft hat sich zweimal hintereinander für die Champions League qualifiziert, doch von den Spielern, die in dieser Woche immerhin dem FC Barcelona standgehalten haben, ist wieder keiner gut genug für die Nationalmannschaft.

Joachim Löw lobt bei jeder Gelegenheit die personellen Möglichkeiten, die ihm die Bundesliga inzwischen bereithält. Irgendwann aber sollte er von ihnen auch mal Gebrauch machen – damit er beim nächsten Turnier nicht wieder erschreckt feststellt, dass weit und breit kein Ersatz in seinem Kader zu finden ist, wenn der einzige Stoßstürmer plötzlich ausfällt.

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