Bundestrainerin Silvia Neid bei Olympia : Die Eiserne will zum Abschied Gold

Sie ist eine der erfolgreichsten Persönlichkeiten des deutschen Sports und trotzdem nicht unumstritten. In Rio will Frauen-Bundestrainerin Silvia Neid mit einem Erfolg abtreten.

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Kurz vor Abpfiff. Für Silvia Neid werden die Olympischen Spiele das letzte Turnier als Bundestrainerin sein.
Kurz vor Abpfiff. Für Silvia Neid werden die Olympischen Spiele das letzte Turnier als Bundestrainerin sein.Foto: Guido Kirchner/dpa

Es ist für Silvia Neid kein tränenreicher Abschied. Am Freitag vor einer Woche hatte die deutsche Frauennationalmannschaft gerade 11:0 gegen Ghana gewonnen – das letzte Spiel der Bundestrainerin auf deutschem Boden. Da reicht ihr ihre Sprecherin bei der anschließenden Pressekonferenz im Scherz ein Taschentuch. „Brauchst du?“ Neid, wie immer mit Perlenohrringen und Blazer, schaut kurz irritiert. „Nein?“ Dann bricht sie in Gelächter aus.

Am kommenden Mittwoch beginnt mit dem Spiel gegen Simbabwe bei den Olympischen Spielen Silvia Neids letztes Turnier. Die 52-Jährige will hier – ganz klar – Gold gewinnen. Und es wäre ja auch ein Abschluss, der ihrer bisherigen Karriere würdig wäre. Denn mit Neid verlässt eine der erfolgreichsten Persönlichkeiten des deutschen Sports die Weltbühne. Sie war – zuerst als Spielerin, später als Trainerin – an allen Titelgewinnen des deutschen Frauenfußballs beteiligt. Künftig wird sie die Leitung der neuen Scoutingabteilung für Frauen und Mädchen beim DFB übernehmen.

Doch erst einmal ist eben noch dieses Turnier zu absolvieren, und Neid macht dieser Tage einen fast gelösten Eindruck. Am Freitag, einen Tag vor Abflug nach Brasilien, sagte sie vor Journalisten: „Die Gefühle sind super, ich genieße das jeden Tag.“

Ihr Führungsstil ist von Disziplin geprägt

Dabei kommt auf Neid nach Meinung einiger Beobachter keine ganz einfache Aufgabe zu. Neben der sportlichen Herausforderung steht sie vor der Schwierigkeit, dass sowohl ihr Rücktritt als auch ihre Nachfolgerin Steffi Jones schon lange bekannt sind. Es bleibt die Frage: Wie viel Autorität hat sie noch?

Es kann wohl keine Rede davon sein, dass Neids Führungsstil, der immer von Disziplin und Härte geprägt war, aufgeweicht sei. „Wenn Trainer von Spielern geliebt werden, ist es schon vorbei“, hat sie einmal gesagt. Lange Zeit dürften sie nur die wenigen älteren Spielerinnen duzen, die noch mit ihr zusammen gespielt hatten. Im vergangenen Jahr hat sie dann allen Spielerinnen das Du angeboten, wie sie stolz verkündete. Einige Spielerinnen versuchten danach trotzdem krampfhaft, das Du zu vermeiden. Ein „Frau Neid“ fühlte sich wohl angemessener an, bei dieser Trainerin, die oft als kalt und auch unnahbar beschrieben wird.

Neid ist entspannter geworden

Von sich selbst sagt Neid, sie sei nach dem Titelgewinn von 2013 entspannter geworden. „Ich kann jetzt auch mal über Kleinigkeiten hinwegschauen.“ Auch Spielerinnen bestätigten, dass man „nicht mehr direkt auf den Deckel bekomme“, wenn man einen Fehler mache. Aber von Wärme kann man wohl trotzdem nicht sprechen.

Während ihr Charakter umstritten ist, lassen ihre Erfolge in und mit der Nationalmannschaft oft wenig Grund zum Klagen. 1982 wurde sie, eine schmale 18-Jährige aus Walldürn, beim ersten Frauenländerspiel des DFB gegen die Schweiz in der 41. Minute eingewechselt. In der 42. schoss sie das Tor. Die deutsche Mannschaft gewann 5:1. Als Kapitänin holte sie mit der Nationalmannschaft dreimal den EM-Titel. Nach ihrer aktiven Zeit machte Berti Vogts sie zur Assistentin von Trainerin Tina Theune-Meyer, obwohl sie keinen Trainerschein hatte. 2007 und 2009 holte sie – jetzt selbst Cheftrainerin – mit der Frauennationalmannschaft den WM-Titel, und 2013 gewann sie eben noch die EM. „Ich war schon immer irgendwie mit dem DFB verheiratet“, sagt sie heute.

Sie kennt die Schwächen der Spielerinnen - und benennt sie

Neid erwartet viel von sich selbst, aber auch viel von ihren Spielerinnen. Sie kennt deren Schwächen und hat auch kein Problem damit, das auch ganz direkt zu sagen. Mit denen, die nicht an sich arbeiten, kann sie nichts anfangen. Alexandra Popp, die mit 18 zur Nationalelf kam, soll sie gesagt haben: Sie müsse abnehmen, sonst werde das nichts mit der Karriere. In einem halben Jahr nahm die Stürmerin sechs Kilo ab. Popp ist auch bei Olympia dabei.

Doch nicht immer läuft bei Neid alles rund. Das Viertelfinal-Aus bei der Heim-WM 2011 gegen Japan war für sie der Karrieretiefpunkt. Damals schien sie vielen nicht mehr haltbar – sie hatte eigene Fehler ausgeschlossen und die Schuld für die Niederlage bei einzelnen Spielerinnen gesucht. Nach der Niederlage im Spiel um den dritten Platz in Kanada im vergangenen Jahr kam erneut Kritik. Einige Bundesligatrainer griffen Neid an. Der Vorwurf: Die Bundestrainerin sei taktisch zu unflexibel, das Spiel der Deutschen zu leicht ausrechenbar, auch technisch seien andere Nationen weiter.

Aber auch wenn Neid zum Teil dünnhäutig auf Kritik reagiert, so ist sie eben auch eine, die an sich arbeitet. Die dazulernt. Ihr Team jedenfalls schürte beim Spiel gegen Ghana Hoffnungen auf eine erfolgreiche Olympia-Mission. Und vielleicht vergolden die Spielerinnen Neid ihren Abschied ja sogar.

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