Sport : Bunte Bildchen für Analphabeten

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BRIEF AUS JAPAN

Die WM in Japan und Südkorea ist eine ganz besondere WM. Sie ist die erste in Asien und die erste in zwei Ländern. Da gibt es für die WM-Reporter des Tagesspiegel viel zu erzählen. Täglich schicken sie sich Briefe. Stefan Hermanns schreibt aus Japan und Helmut Schümann aus Südkorea.

Lieber Kollege,

unsereiner neigt dazu, den Japaner zu unterschätzen. Vielleicht liegt das daran, dass der Japaner ständig nickt und lächelt und dass Europäer eine gewisse Unterwürfigkeit aus diesem Verhalten herauslesen wollen. In Wirklichkeit denkt der Japaner natürlich überhaupt nicht daran, Minderwertigkeitskomplexe zu pflegen.

Warum auch? In Japan gibt es praktisch kein Analphabetentum, was schon deshalb eine beeindruckende Leistung ist, weil der Japaner anders als wir in der Schule nicht nur schlappe 26 Buchstaben lernen muss, sondern knapp 2000 Schriftzeichen. Trotzdem ist die öffentlich verkündete Nicht-Existenz des Analphabetentums natürlich eine infame Lüge. Praktisch jeder Ausländer ist in Japan Analphabet.

Auf dem internationalen Flughafen von Tokio gab es bis vor wenigen Jahren zwei unterschiedliche Begrüßungstafeln, eine auf Japanisch mit den Worten: „Nach der langen Reise sind Sie bestimmt müde. Willkommen in Japan.“ Und eine auf Englisch: „Willkommen in Japan. Bitte beachten Sie die Regeln.“ Der Autor Christoph Neumann („Darum nerven Japaner") hat daraus die Botschaft gelesen: „Ihr Ausländer könnt ja sowieso kein Japanisch, also können wir unsere aus der Fremde heimkehrenden Kinder ruhig freundlich begrüßen, ohne dass ihr es merkt.“ Man mag das für nicht besonders höflich halten. Andererseits: Ist das ein Problem der Japaner? Oder vielleicht doch eher unseres? Wir hätten ihre Sprache ja lernen können.

Das denkt wahrscheinlich auch die japanische Mitarbeiterin eines Reiseveranstalters, die in einen Reisebus steigt, in dem nur Europäer sitzen, und die, obwohl offenkundig keiner der Insassen auch nur ein Wort davon versteht, ihre Begrüßungsansprache ausschließlich auf Japanisch hält. Oder der U-Bahn-Schaffner in Tokio, der das Schulterzucken ganz richtig als Zeichen des Nichtverstehens deutet und sein Anliegen ein zweites Mal vorbringt, gaaaaanz laaangsam diesmal - aber leider wieder auf Japanisch.

Bei ernsten Angelegenheiten hilft immer noch die nonverbale Kommunikation. Am Zoll zum Beispiel wird einem ein Blatt mit bunten Bildchen vorgelegt, so ähnlich wie die Speisekarten für fremdsprachenresistente Pauschaltouristen an der Costa Brava. Statt „Hallbes hännche mit pomes“ sind darauf jedoch Drogen und Handfeuerwaffen abgebildet. Och, mag da vielleicht mancher denken, da greif’ ich doch mal zu. Eine Bestellung sollte man aber lieber nicht aufgeben.

Und wenn?

Dann versteht’s wahrscheinlich eh keiner.

Dein Stefan Hermanns

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