Sport : Bunte Gefahr

Die Dopingszene handelt mit abgelaufenen Medikamenten, die das gesundheitliche Risiko enorm steigern

Frank Bachner

Berlin - Seinen Namen verschwieg der Fremde bis zum Schluss. Dafür nannte er andere Details über sich, manchmal prahlte er sogar damit, und nach zwei Telefonaten war Jörg Börjesson ausreichend informiert. Der andere hat mal als Türsteher gearbeitet, ein 130-Kilogramm-Mann, Bodybuilder mit einem Bizepsumfang von 52 Zentimetern. Vor allem aber: Er handelte mit Anabolika, er verkaufte Dopingmittel an andere Bodybuilder. Einer dieser harten Typen. Aber nicht hart genug, deshalb hatte er Börjesson vor kurzem angerufen. Börjesson, der Ex-Bodybuilder, der an Anabolika fast zugrunde gegangen wäre. Der Mann, der jetzt bekannt ist als Anti-Doping-Kämpfer.

Börjesson sollte ihm helfen. „Ich will aussteigen“, sagte der Fremde.„Die Dealerszene ist zu gefährlich geworden. Da mischt jetzt die organisierte Kriminalität mit.“ Börjesson sollte ihn unterstützen beim Ausstieg, Kontakte knüpfen. Denn die Sache war verdammt ernst geworden. „Wenn Du eine Knarre an der Stirn hast“, sagte er, „dann hilft dir auch ein 52-Zentimeter-Bizeps nichts mehr.“

Er hatte ein verqueres Gefühl von Dealer-Ehre, der Fremde. Er erzählte Börjesson, wie er in Pharmafirmen Dopingmittel stehlen ließ, wie er Ärzte und Apotheker schmierte, die ihn mit Stoff versorgten, und wie er Zollbeamte bestach, damit die wegschauten. „Aber es sind Originalmedikamente, kein gepanschtes Zeug“, sagte er. Es war ihm wichtig, das zu sagen. Er betrüge seine Kunden nicht. Und dann kam der Satz, bei dem Börjesson zusammenzuckte: „Die anderen, die handeln mit Medikamenten, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Weil sie das auch in großen Mengen bekommen.“ Anabolika, Wachstumshormone, andere Substanzen. Unzählige Mittel, die eigentlich in den Sondermüll gehörten, seien im Umlauf. Auch Epo, der Doping-Klassiker der Ausdauersportler.

Der Fremde wollte sich wieder melden, bis jetzt hat Börjesson nichts mehr von ihm gehört. „Aber es war erschreckend, was er erzählt hat“, sagt der 40-Jährige. „So etwas habe selbst ich noch nicht gehört.“

Abgelaufene Medikamente sind eine verschärfte Version des Dopings. Sie erhöhen das gesundheitliche Risiko enorm. „Wir raten dringend davon ab, Medikamente mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum zu benutzen“, sagt Wolfgang Strassmeir, Pressesprecher des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie. „Die Folgen sind unabsehbar.“ Auch der Pharmakologe Fritz Sörgel warnt eindringlich: „Es ist hochgefährlich, so etwas zu nehmen.“ Sörgel ist Leiter des Instituts für Pharmazeutische Forschung in Nürnberg, in seinen Labors wurde eine der umfangreichsten Epo-Studien gemacht, die es in Deutschland gab.

Doch Skrupel kennt man in der Doperszene nicht, im Höchstleistungsbereich sowieso nicht. Auch in der Radsportszene wird offenbar hemmungslos mit solchen Substanzen operiert. Das zeigt der Fall des Eufemiano Fuentes. Der spanische Sportarzt soll diverse Top-Profis mit Dopingsubstanzen versorgt haben, darunter auch den deutschen Star Jan Ullrich. In den Ermittlungsakten der spanischen Polizei steht der bezeichnende Hinweis, dass „bis zu 105 verschiedene Medikamente in kleinen Mengen sichergestellt wurden, darunter anabole Steroide, Kortikoide und verschiedene Hormone, bei denen größtenteils die Mindesthaltbarkeitsdauer abgelaufen war“. Auch Epo, das längst hätte entsorgt sein müssen, sei gefunden worden.

Für den Pharmakologen Sörgel ein Alarmzeichen. Denn vor allem Eiweißstoffe wie das Wachstumshormon HGH, das Insulinwachstumshormon IGF-1 und Epo können schon rund ein halbes Jahr nach Ablauf ihres Haltbarkeitsdatums ihre Struktur verändern. „Das wird unkontrollierbar“, sagt Sörgel. „Das kann zu einem allergischen Schock führen, zu Organversagen und als Folge davon zu einem Zusammenbruch des Herz-Kreislauf-Systems.“ Genaue Untersuchungen, wie lange Epo nach Ablauf seines Mindesthaltbarkeitsdatums noch planmäßig wirkt, gibt es aus ethischen Gründen nicht. Auch der Epo-Experte Sörgel kann nur schätzen. Längstens ein halbes Jahr hält er für realistisch. Auch Wachstumshormone mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum können das Immunsystem massiv angreifen. „Und wenn ein Körper durch Doping sowieso geschwächt ist, dann wird die Gefahr besonders groß“, sagt er. Wachstumshormone sind bei Bodybuildern und dopenden Spitzensportlern überaus beliebt. Sie verstärken den Muskelaufbau und verkürzen die Regenerationszeit des Körpers.

An Dopingsubstanzen kommen Dealer offenbar immer, trotz der immensen Sicherheitsmaßnahmen bei Pharmafirmen. Apotheker müssen abgelaufene Medikamente wieder an den Hersteller zurückschicken, der kümmert sich um die weitere Entsorgung. Doch Sörgel kennt Apotheker, die erklären, dass diverse Firmen solche Medikamente nicht mehr annähmen. Der Apotheker sitze dann auf den Substanzen. Und aus diesem Fundus, so hatte es auch Börjesson gehört, bediene sich dann ein Dealer. Und dann gebe es noch Ärzte, die aus finanzieller Not Medikamente mit abgelaufenem Datum weiterverkauften. „Man muss davon ausgehen, dass der Handel mit abgelaufenen Medikamenten bestens organisiert ist“, sagt Sörgel. Die Staatsanwaltschaft Berlin ermittelt gegen einen Mitarbeiter von Schering, dem Berliner Pharmakonzern. Der Mann hatte Medikamente an Dealer weitergegeben. „Er ist geständig“, sagt Frank Thiel, der Justizpressesprecher. Allerdings griff der Mann bei Medikamenten zu, die kurz vor Ende des Haltbarkeitsdatums waren. Schering, sagt Thiel, sortierte Medikamente aus, die nur noch neun Monate zu gebrauchen wären. „Dort hat er sich bedient“, sagt Thiel. Schering lehnte eine Stellungnahme ab.

Mitunter dopen aber Athleten mit Stoffen, die noch nicht mal ein Haltbarkeitsdatum haben. Beim Giro d’Italia 2001 machten Polizisten bei einer Razzia in Mannschaftshotels von Radprofis einen besonderen Fund: das Medikament „Hemassist“. Der Stoff dient der zusätzlichen Sauerstoffzufuhr, kam aber nie auf den Markt. Der Hersteller hatte die Entwicklung 1998 gestoppt, weil sich in einer Studie mit Unfallopfern schwere Nebenwirkungen abzeichneten. Sein Einsatz war ein Spiel mit unkalkulierbarem Risiko. Die Fahnder entdeckten aber auch das künstliche Enzym RSR l3. Auch dieser Stoff war nicht auf dem Markt, er wurde erst klinisch getestet, kein Experte konnte deshalb etwas über Nebenwirkungen aussagen. Und alles spricht dafür, dass in der Dopingszene unverändert mit solchen Stoffen experimentiert wird.

Anti-Doping-Kämpfer Börjesson hofft jetzt, dass sich der Fremde wieder meldet. „Ich war erst mal misstrauisch. Aber ich halte ihn inzwischen für glaubhaft“, sagt er. Und deshalb ist er bereit zu vermitteln: „Der will als Kronzeuge aussagen. So eine Chance gibt es nicht oft.“

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