Sport : Capitals: Durcheinander vor und hinter der Bande

Claus Vetter

Wenn bei einem Klub der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) ein Spiel zur Nebensache wird, dann kann es sich dabei momentan nur um die Berlin Capitals handeln. Deren Heismpiel gegen die Nürnberg Ice Tigers ging 4:5 (1:2, 0:0, 3:2/0:1) nach Penaltyschießen verloren, aber das wurde angesichts des vor und hinter den Kulissen herrschenden Chaos an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt. Das Finanzamt fordert von den Berlinern knapp sechs Millionen Mark, die Spieler haben seit Januar kein Gehalt bekommen. Trainer Chris Valentine monierte dies öffentlich und wurde daraufhin entlassen.

Was denn nun genau los ist, wollte keiner der verantwortlichen Herren sagen. Heute soll eine offizielle Stellungnahme von Mäzen Egon Banghard erfolgen. Gestern forderte der Hauptgesellschafter in einem Gespräch mit dem Sportinformationsdienst (sid) eine sofortige "Generalinventur" (Banghard). "Es kann nicht sein, dass ich immer nur die Schulden bezahle", sagte der Unternehmer. "Ich möchte endlich einen genauen Überblick über die tatsächliche wirtschaftliche Situation haben. Wir brauchen eine Strategie und eine neue Organisation." Bereits in der Saison 1995/96 haben die damals als Preussen Devils firmierenden Capitals einen Prozess gegen das Finanzamt verloren. Damals hatte bei den Berlinern noch Egon Banghards Sohn Axel das Sagen. "Es geht dabei um Sonntags-, Feiertags- und Nachtzuschläge", sagt Gerhard Brüderer, der Prokurist der Capitals. Sechs Millionen Mark für Nachtzuschläge? "Die Summe stimmt nicht", sagt Brüderer, "aber sie steht im Raum." Ah ja.

Allerdings resultieren keinesfalls sämtliche Forderungen des Finanzamtes aus besagter Saison. Womit die Capitals sonst noch in der Kreide stehen, dazu wollte sich Brüderer nicht äußern, "es ist doch traurig genug, dass es so weit kommen musste". Schließlich wollen die Capitals bis zum 21. März in schuldenfreiem Zustand sein, denn dann soll der finnische Unternehmer Harry Harkimo bei den Berlinern als Hauptgesellschafter einsteigen. "Aber Harkimo steigt nur ein, wenn bei uns alles auf null gestellt ist", sagt Brüderer.

Eine Nullnummer gibt es bislang nur auf den Konten der Spieler, die warteten gestern immer noch auf ihre Gehälter. Heute sollen sie laut Brüderer eintreffen. Natürlich nur für den Januar. Das Februar-Gehalt - fällig an diesem Mittwoch - ist offensichtlich noch kein Thema. "Wir hoffen, dass das Geld kommt", sagt Verteidiger Martin Ulrich, "so wie wir das die zurückliegenden zwei Monate gemacht haben. Warum wir bisher kein Geld bekommen haben, hat uns bis jetzt keiner gesagt."

Brüderer unternimmt immerhin den Versuch einer Erklärung: "Ein oder zwei Sponsoren sind ausgefallen, daher haben wir Liquiditätsprobleme." Nun wartet alles darauf, dass Mäzen Banghard mal wieder mit seinem Privatvermögen einspringt. Verstehen mag das keiner. "Haben wir denn nur den Banghard?", fragt Martin Ulrich. Es sieht fast so aus - und es sieht nicht gut aus. Den Sponsoren der Capitals wurden am Freitag Pfändungs- und Einziehungsbescheide vom Finanzamt zugestellt. Das Geld der Förderer geht damit ohne den Umweg über die Capitals ans Finanzamt.

Gestern durfte angesichts der verschiedensten Aussagen der Verantwortlichen also noch munter im Trüben gefischt worden. Der Einzige, der klare Worte gesprochen hatte, war schon weg. Der geschasste Trainer Chris Valentine verbrachte den Sonntag bei seiner Familie in Mannheim. Das neue Trainergespann hinter der Bande bestand gestern aus Kotrainer Karel Slanina und dem dauerverletzten Stürmer Pavel Gross. Die beiden machten ihre Sache gegen Nürnberg genauso ordentlich wie die verunsichert wirkende, aber wacker kämpfende Mannschaft der Capitals. Yvon Corriveau (2), Mike Pellegrims und Rob Guillet schossen vor 3300 Zuschauern die Berliner Tore. Im Penaltyschießen traf Martin Jiranek zum Nürnberger Sieg.

Der Vorsprung auf den Tabellenneunten Krefeld schmolz nach dieser Niederlage auf sieben Punkte. Morgen spielen die Capitals bei Tabellenführer Mannheim, am Freitag in Düsseldorf, am Sonntag kommt ausgerechnet Krefeld nach Berlin. Fünf Spieltage vor Ende der Hauptrunde ist die Teilnahme an den Play-offs keineswegs gesichert. Auch im sportlichen Bereich ist vieles offen. Kommt ein neuer Trainer? Will angesichts der Negativmeldungen überhaupt einer zu den Capitals kommen? "Ich sehe mich als Übergangslösung", sagt Karel Slanina, "ich weiß noch nicht, was passiert." Damit steht er bei den Capitals nicht allein.

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