Sport : Cappuccino, Bier, Champagner

So vielseitig wie seine Tour de France ist auch Floyd Landis: Der angelernte Lebemann kann sich quälen wie kaum ein anderer

Sebastian Moll[Paris]

Es war Mittwoch, als Floyd Landis ankündigte, er werde sich nun erst einmal ein Bier genehmigen. Bier, das Getränk, in dem der Verlierer seine Verzweiflung ertränkt. An jenem Tag hatte der US-amerikanische Radprofi gerade zehn Minuten in den Alpen verloren, und es deutete wenig bis gar nichts darauf hin, dass er am Sonntag den süßen Saft des Sieges würde schmecken können. Es ist eine bemerkenswerte Geschichte, dass Floyd Landis am Sonntag eben doch mit einem Glas Champagner in der Hand und dem Gelben Trikot des Tour-de-France-Gewinners auf den Schultern nach Paris rollte. Die letzte Etappe gewann der Norweger Thor Hushovd.

Floyd Landis’ großes Comeback in den Alpen, mit dem er sich am Tag nach seinem Einbruch wieder zurück in den Kampf um den Tour-Sieg katapultiert hatte, gilt schon wenige Tage danach als ein Klassiker des Radsports. Der Mann, der diese heroische Leistung vollbracht hat, trägt gern eine umgedrehte Baseballkappe und ein Lausbubengrinsen. Und er macht gern Unsinn. Beispielhaft zu nennen wäre da sein legendärer Rekord im Erdnussessen oder jener im Cappuccino-Trinken zusammen mit seinem Wohngenossen, dem CSC-Profi Dave Zabriskie. Floyd Landis macht den Eindruck, als nehme er nichts so richtig ernst, inklusive sich selbst.

Doch das ist nur der halbe Floyd Landis. Der andere ist ein sensationeller Athlet, der sich zum Toursieg gequält hat – mit einer hoffnungslos lädierten Hüfte, die ihn seit einem Sturz im Januar 2003 malträtiert. Man kann bestenfalls versuchen, sich diese scheinbare Doppelpersönlichkeit aus Landis’ Biografie zu erklären.

Floyd Landis hatte eine harte Kindheit und strampelte sich per Fahrrad aus dem überregulierten Alltag der sektenähnlichen elterlichen Glaubensgemeinschaft frei. Er wollte sein Leben nicht im 17.Jahrhundert verbringen, er wollte Teil des zeitgenössischen Amerika und der westlichen Welt sein. Als er es mit 17 geschafft hatte, sich aus Pennsylvania nach Kalifornien abzusetzen und sich als Mountainbikeprofi durchzuschlagen, entdeckte Landis das moderne Leben. Er studierte mit Hilfe seiner Radkollegen akribisch Filme, Popmusik, Fernsehen und den Umgang mit Mädchen.

Doch er behielt auch ein paar seiner Fähigkeiten: hart und konsequent zu trainieren zum Beispiel und kompromisslos seine Ziele zu verfolgen. Sein Vater hatte ihm das Radfahren verboten und Landis derart mit Arbeit überhäuft, dass keine Zeit mehr für das Fahrrad blieb. Landis aber hatte trotzdem trainiert – nachts.

Dieser Floyd Landis kann sich schinden wie kaum ein anderer. Im Grunde gewann er die Tour ohne nennenswerte Mannschaftsunterstützung. Womit Landis freilich noch überfordert ist, ist die öffentliche Rolle des Champions, die sein Vorgänger Lance Armstrong so liebte. Nicht so Landis. Als der 30-Jährige gefragt wird, was denn seine Botschaft als Tour-Sieger sei, windet er sich und quält sich dann stockend eine sperrige Deklaration heraus. Seine Botschaft, so Landis, sei keine andere als die Botschaft der Tour de France. Sie sei ein wundervoller Sportwettkampf. Zum Thema Doping möchte er sich zunächst überhaupt nicht auslassen. Auf wiederholtes Drängen bricht aus ihm mit einigem Zorn jedoch jene Radfahrerattitüde heraus, die man über die Jahre nur allzu gut kennen gelernt hat. „Der Ausschluss der Fahrer zu Beginn der Tour war für uns alle ein Unglück. Keiner von uns hat daraus eine Befriedigung gezogen.“ Das Problem war die Suspendierung, der Medienrummel darum, die Störung des Rennablaufs und der Konzentration. Nicht etwa die Doper und das Doping. Und die Ausgeschlossenen waren Opfer. Das sagt Landis zwar nicht, aber das impliziert er deutlich.

Landis will möglichst ungestört Radrennen fahren. Ansonsten möchte er mit seinem Kumpel Zabriskie in ihrer, wie man hört, chaotischen Junggesellenbude in Girona in Spanien hausen, viel und hart trainieren, Unfug anstellen, Bier und Cappuccino in rauen Mengen trinken und Musik hören. „Ich hoffe sehr, dass sich mein Leben jetzt nicht ändert“, sagte er, nachdem er am Samstag endgültig das Gelbe Trikot übernommen hatte. Doch eines steht jetzt schon fest: Im nächsten Jahr wird ein anderer Floyd Landis zur Tour antreten. Jedenfalls teilweise. Am Jahresende unterzieht er sich einer Operation: „Das hier wird meine letzte Tour mit eigener Hüfte sein.“

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