Carl Zeiss Jena : Abgelenkt vom Pokal

Zweitligist Carl Zeiss Jena kann in Dortmund ins Cupfinale einziehen - und taumelt derweil Richtung Dritte Liga. Führt der überraschende Siegeszug im DFB-Pokal auf die internationale Bühne?

Matthias Koch

BerlinWenn Fußball-Zweitligisten vor einem Auswärtsspiel einen detaillierten Ablaufplan für den Tag der Anreise und den Spieltag herausgeben, muss es sich schon um eine außergewöhnlich wichtige Partie handeln. Im Fall des FC Carl Zeiss Jena ist das in der Tat so. Im Halbfinale des DFB-Pokals heute bei Borussia Dortmund (20.30 Uhr, live im ZDF) bestreitet der dreimalige Meister und viermalige Pokalsieger der DDR das bedeutendste Spiel der Vereinsgeschichte seit der Wiedervereinigung.

Obwohl rund 10 000 Fans aus Thüringen im mit 80 000 Zuschauern ausverkauften Dortmunder Stadion dabei sein werden, hält sich die Euphorie in der Universitätsstadt Jena in Grenzen. Schuld daran ist das katastrophale Abschneiden in der Meisterschaft. In der Liga ist der FC Carl Zeiss, der mit neun Millionen Euro den größten Saisonetat seiner Historie stemmt, hoffnungslos abgeschlagen. Elf Punkte beträgt der Rückstand zum ersten Nichtabstiegsplatz. Seit sieben Spielen ist die Mannschaft sieglos – Zeit zur Resignation. „Die Qualität der Mannschaft reicht nicht aus“, sagt Präsident Rainer Zipfel. „Und wer in jeder Partie immer mindestens zwei Gegentore bekommt, hat auch keine Berechtigung, in der Zweiten Bundesliga zu spielen.“

Auch Trainer Henning Bürger, der erst am 22. Dezember 2007 die Nachfolge von Valdas Ivanauskas als dritter Trainer der Saison angetreten hat, scheint allmählich zu verzweifeln. „Ich habe in der Meisterschaft nur Mist erlebt und noch kein Spiel gewonnen“, meint der Trainer, der wie nur sieben Spieler einen Vertrag für die Dritte Liga besitzt. „Wir sind frustriert. Wir gehen stramm auf die Dritte Liga zu.“ Bisher gab es in 24 Punktspielen nur drei Siege.

Überraschend kommt deshalb der Siegeszug der Mannschaft im DFB-Pokal. Weder Oberligist FC Gera 03 noch Pokalverteidiger 1. FC Nürnberg, Arminia Bielefeld oder Meister VfB Stuttgart konnten Jena aufhalten. Bielefeld verlor 1:2 nach Verlängerung in Jena, gegen Nürnberg und Stuttgart gewann das Team im Elfmeterschießen. Der Einzug ins Halbfinale hat dem Verein insgesamt drei Millionen Euro Zusatzeinnahmen gebracht. Damit wäre schon fast der komplette Etat in der Dritten Liga gedeckt, der auf 3,5 Millionen schrumpfen würde. Falls Jena nun auch noch in Dortmund gewinnt, könnte sogar noch Geld aus dem Europapokal dazukommen. Dazu müsste Bayern München sich lediglich für die Champions League qualifizieren und gegen Wolfsburg ebenfalls das Pokalfinale erreichen – schon wäre Jena im Uefa-Cup dabei.

Das alles kann Henning Bürger nicht trösten. „Der Einzug ins Halbfinale kaschiert unsere katastrophale Tabellenposition. Der Pokal hat in den letzten Wochen die Konzentration der Spieler von der Liga abgelenkt. Das hat genervt.“ Alle wollten im Halbfinale dabei sein, „die Spieler wollten sich anbieten, aber nicht in der Liga verletzen“. Auch Carsten Linke, der Sportchef der Thüringer, vermisst den Siegeswillen der Mannschaft im Ligaalltag: „Hätten wir in der Liga die Einstellung vom Pokalspiel in Stuttgart gezeigt, wären wir nicht Vorletzter.“

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