Caster Semenya : Das andere Geschlecht

Nun scheint es gewiss zu sein: Caster Semenya, die 800-Meter-Weltmeisterin, ist ein Zwitter. Dabei ist Intersexualität gar nicht so selten:  Jedes 2000. Baby weist diese Merkmale auf, in Deutschland leben Zehntausende damit. Zum Beispiel Freya Jung aus Hamburg. Die Geschichte eines Leidenswegs

Björn Rosen
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Caster Semenya bei der Leichtathletik-WM in Berlin. -Foto: dpa

Caster Semenya, dieser Name macht Freya Jung wütend. Empörend findet sie es, wie die Sportfunktionäre das Intimste der Läuferin zu einer öffentlichen Angelegenheit machten. Wie der Gewinn des Weltmeistertitels über 800 Meter plötzlich nichts mehr wert sein soll, nur weil die Südafrikanerin anders ist.

Die Diskussion der vergangenen Wochen und das Ergebnis von Semenyas Geschlechtstest haben bei Freya Jung Erinnerungen wachgerufen – an ihre eigene Geschichte, die die Geschichte von Zehntausenden Menschen in Deutschland ist.

Jung sitzt an einem dunklen Holztisch in ihrem Wohnzimmer, der Blick durch die Fensterfront geht hinaus in den grünen Garten. Sie wohnt in einem einstöckigen Reihenhaus mit Backsteinfassade, in einem Vorort von Hamburg. Wo genau, soll nicht in der Zeitung stehen, auch ihr richtiger Name ist ein anderer. „Die Nachbarn auf der linken Seite wissen es“, sagt sie. „Die auf der rechten Seite nicht.“

Es – das ist, was Freya Jungs ganzes erwachsenes Leben bestimmt, was sie jahrelang selbst ihren engsten Freunden verschwiegen und worunter sie unsäglich gelitten hat.

Es war ein sonniger Tag im Jahr 1979, als Freya Jung erfuhr, dass sie keine Frau ist. Sie lebt damals in Düsseldorf, ist frisch verheiratet, hat einen Job – und plötzlich sogar Hoffnung, Kinder bekommen zu können. „Am Morgen dieses Tages hatte ich Blut im Schlüpfer, das erste Mal überhaupt“, erzählt sie. „Ich war so euphorisch.“ Mit 14 war sie mit ihrer Mutter zum Arzt gegangen, weil sie anders als ihre Mitschülerinnen keine Menstruation bekam. Die Mediziner erklärten ihr, ihre Geschlechtsorgane seien „ein bisschen verkrüppelt“. „Da war ich zwar traurig, aber wenn eine 14-Jährige erfährt, dass sie nicht Mutter werden kann, ist das kein Schock.“

Der Schock kam neun Jahre später. „Ich habe zu dieser Zeit ein völlig erfülltes Leben geführt“, sagt Freya Jung. Sie kramt ihren Führerschein hervor, ein zerfleddertes, graues Stück Papier, ausgestellt im Jahr 1974. Das Passbild zeigt eine hübsche junge Frau mit langem blonden Haar. „Ich hatte Mannequin-Maße“, sagt sie. „Um die 60 Kilo bei einer Größe von 1,75 Meter.“

Als Freya Jung damals zum Gynäkologen geht, in dem Glauben, ihre weiblichen Geschlechtsorgane hätten sich über die Jahre wohl doch noch richtig entwickelt, sagt der Arzt nach der Untersuchung nur sorgenvoll, sie müsse sofort ins Krankenhaus. Dort bleibt sie fast zwei Wochen, ohne dass ihr jemand Genaueres erklärt. Nur, dass es sich um „etwas Seltenes“ handelt, erfährt sie. „Ich dachte natürlich, es sei ein Karzinom oder so was.“ Sie wird untersucht, Dutzende Male, von „mindestens 25 Männern in weißen Kitteln“. Aber sie sei nicht in der Lage gewesen, sich dagegen zu wehren. „Es war so demütigend, nach der zehnten oder 15. Untersuchung habe ich mich in mich selbst verkrochen“, erklärt sie, und ihre Stimme zittert noch heute, 30 Jahre danach. „Diese Kälte, die kann ich immer noch spüren.“

Schließlich überbringt ihr ein Assistenzarzt Anfang 30 lapidar die Nachricht: „Es hat sich bestätigt, was wir vermutet hatten. Sie haben das falsche Geschlecht, sie sind ein Mann.“ Freya Jung rennt aus dem Büro des Arztes in das Doppelzimmer, in dem sie untergebracht ist, rollt sich in ihre Bettdecke und weint „bestimmt eine Stunde lang“. Als der Arzt zu ihr kommt, erklärt er, es werde sich schon alles regeln, immerhin könne ja keiner erkennen, dass sie genetisch ein Mann sei – und sie solle es auch keinem sagen, denn das wäre ihr soziales Aus.

„Das hat mir so die Beine weggehauen“, sagt Freya Jung. „Was sollte ich denn jetzt bloß meinem Mann sagen? Ich habe mich gefragt: Gehe ich nach Hause? Oder gleich aufs Dach?“ Wie betäubt fühlt sie sich, als ihr Mann sie vom Krankenhaus abholt; schweigend fahren sie in die kürzlich bezogene Zweizimmerwohnung. Dort erzählt sie alles, weinend. Natürlich kann ihr Mann die Diagnose nicht fassen, aber für ihn steht fest, dass Freya seine Frau ist und bleiben wird. Die beiden sind bis heute zusammen.

Erst später erfährt Freya Jung, wie das Syndrom, an dem sie leidet, heißt: CAIS. Es ist eine von unzähligen Formen der Intersexualität.

Nach Schätzungen kommt von 2000 Neugeborenen ein Kind intersexuell auf die Welt. „Von Intersexualität spricht man, wenn das äußere Erscheinungsbild nicht mit der genetischen Grundlage übereinstimmt oder wenn kein eindeutiges Genital vorhanden ist“, sagt Hertha Richter-Appelt, Psychoanalytikerin in der Abteilung für Sexualforschung des Hamburger Uniklinikums und eine der wichtigsten deutschen Expertinnen für Intersexualität.

Bis zur siebten Schwangerschaftswoche sind alle Menschen „Zwitter“. Aus unseren Keimanlagen können Vagina, Gebärmutter und Eierstöcke entstehen, oder Hoden, Prostata und Penis. Wie das heranwachsende Baby geprägt wird, hängt von vielem ab. Zuerst einmal vom 23. unserer 23 Chromosomenpaare, das eine Ausschüttung bestimmter Hormone und damit eine männliche (XY) oder eine weibliche (XX) Entwicklung auslöst.

Freya Jung trägt XY-Chromosomen in sich. Dass sie sich nicht zum Mann entwickelte, hat damit zu tun, dass die Hormone, die im Mutterbauch ausgeschüttet werden, auch wirken müssen. „Aber mein Körper, insbesondere meine Haut, ist ,blind’ für männliche Hormone, die Androgene können nicht in die Zellen gelangen“, sagt sie. Es ist die extreme Form des Androgen-Resistenz-Syndroms – ein „Complete Androgen Insensivity Syndrom“ (CAIS). Und so entwickelten sich in Freya Jungs Innerem zwar Hoden, nach außen hin blieb sie aber weiblich – auch wenn sich bei ihr keine Gebärmutter ausbildete. Und auch keine richtige Vagina. Weshalb sie und ihr Mann „eine andere, unsere eigene Art von Sexualität finden mussten“.

Andere Menschen, bei denen die Androgene teilweise wirken, entwickeln sich äußerlich oft so, dass man schwer sagen kann, ob sie Mann oder Frau sind – besonders ab der Pubertät, wenn ein Hormonschub den Körper noch einmal verändert. „Solche Menschen lösen Verunsicherung aus, weil wir alle in der Pubertät eine Phase durchlaufen, in der wir uns fragen, was und wie viel an uns männlich oder weiblich ist“, sagt Sexualforscherin Hertha Richter-Appelt.

Vielleicht ist diese Verunsicherung auch ein Grund dafür, warum die Medizin in westlichen Ländern seit gut einem halben Jahrhundert versucht hat, Zwitter in eine der zwei Geschlechterrollen zu pressen. Schon Babys, deren Genital zu groß für eine Klitoris, aber zu klein für einen Penis war, wurden zu Jungen oder, in den meisten Fällen, zu Mädchen erklärt. Das Genitale wurde entsprechend operiert – schmerzhafte Eingriffe, die die Kinder oft traumatisierten. Man glaubte, wenn Eltern ein Kind nur konsequent als Mädchen aufzögen, es in rosa Kleidchen steckten und ihm Puppen zum Spielen gäben, würde das Kind eine weibliche Identität entwickeln. Doch oft war das Gegenteil der Fall: Die vermeintlichen Mädchen interessierten sich nur für Autos und kletterten auf Bäume.

Auch Freya Jung glaubt in der Rückschau, dass sie schon als Kind besonders war. „Meine Freunde waren Jungs, ich habe mit denen meine Kräfte gemessen, war die zweitstärkste in der Klasse“, sagt sie amüsiert. Da klingelt plötzlich Jungs Telefon. Eine Buchautorin, die über Intersexuelle schreiben will, ist am anderen Ende. Morgen will sie Freya Jung treffen und fragt, wie sie sie erkennen könne. „Das ist einfach: Groß, dick, blond, schwarze Brille“, sagt Jung und lacht ein dröhnendes, helles Lachen.

Seit den 80ern hat sie keine Mannequin-Maße mehr. Auch das hat mit der Diagnose Intersexualität zu tun. Kurz nach ihrem Krankenhausaufenthalt erklärte ihr ein Arzt, man müsse ihre Hoden sofort entfernen – sonst könnte sich aus den Zellen ein Tumor entwickeln. Einen Beweis für das angeblich erhöhte Krebsrisiko gibt es bis heute nicht. Durchgeführt wurde die OP trotzdem, sie „kastrierten mich“, wie Freya Jung sagt. „Sie wollten mich normieren, ein Wesen aus mir machen, das eher dem Modell Frau entsprach.“

In der Medizin hat mittlerweile ein Umdenken eingesetzt, aber noch immer werden intersexuelle Kinder an ein Geschlecht „angepasst“ – wogegen Selbsthilfeorganisationen wie der Verein „Intersexuelle Menschen“ oder die XY-Frauen (www.xy-frauen.de), die sich in den vergangenen Jahren gegründet haben, Sturm laufen. Sie fordern unter anderem, dass Intersexualität auf den Stundenplan der Schulen gesetzt werden sollte.

Freya Jung spürte schon am Tag nach ihrer „Kastration“, dass ihrem Körper etwas fehlte. „Ich fühlte mich kalt an und war wie taub.“ Die Hoden nämlich hatten Testosteron produziert – drei Mal so viel wie bei den meisten Männern. Und diese Hormone hatten doch eine Wirkung. Zwar nicht auf Freya Jungs Haut oder auf den Bartwuchs, aber auf ihr Gehirn, ihren Stoffwechsel, ihre Libido.

Nun fehlten sie, und Freya Jung litt unter starken Depressionen, nahm in wenigen Monaten zehn Kilo zu. Nicht nur, dass sie sich minderwertig fühlte, als schlechtere Frau, „es fehlte auch völlig die Festigkeit fürs Leben“. Wenn einer in der Bank, in der sie arbeitete, sagte, „dein Rock sitzt schief“, hätte sie in Tränen ausbrechen können, und nach drei Kreditanträgen fühlte sie sich so erschöpft wie nach einer durchgemachten Nacht.

Der Albtraum endete erst im Jahr 2002, als sie über das Internet andere Intersexuelle traf und entdeckte, dass viele von ihnen ganz ähnliche Geschichten zu erzählen hatten. Das erste Treffen ihrer Selbsthilfegruppe, an dem sie teilnahm, dauerte zwei Tage, „und ich habe diese zwei Tage in einer Tour geweint, vor Erleichterung und vor Glück“.

Seitdem ist Freya Jung kämpferisch geworden. „Ich vertraue keinem Arzt mehr. Keinem.“ Die weiblichen Hormone, die man ihr verordnet hat, nimmt sie schon lange nicht mehr. „Stattdessen schmiere ich mir seit September 2005 immer morgens und mittags das hier auf die Unterarme“, sagt sie und zeigt auf ein silbernes Tütchen, in dem ein Gel mit männlichen Hormonen enthalten ist. Seit sie es verwendet, geht es ihr besser. Sie fühle „eine warme Welle in meinem Körper“, so wie in der Zeit vor 1979. Nach all den Jahren, in denen Mediziner versucht haben, sie zu einem anderen Menschen zu machen, hat Freya Jung etwas wiederentdeckt: sich selbst.

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