Sport : C’est fini?

Zinedine Zidanes große Karriere könnte in Leipzig vorzeitig zu Ende gegangen sein

Stefan Hermanns[Leipzig]

Wenn man es gut meint mit Raymond Domenech, könnte man ihm zumindest ein feines Gespür für den historischen Augenblick bescheinigen. Es lief bereits die Nachspielzeit, als der Trainer der französischen Nationalmannschaft eine Auswechslung tätigte, deren taktischer Mehrwert geringer einzuschätzen war als ihre symbolische Bedeutung. Domenech holte Zinedine Zidane vom Feld. Es ist im Fußball nichts Ungewöhnliches, einen verdienten Spieler kurz vor dem Ende auszuwechseln, damit ihm noch einmal die ungeteilte Aufmerksamkeit zuteil wird. Im Leipziger Zentralstadion, beim 1:1 der Franzosen gegen Südkorea, könnte es sich bereits um den Schlussapplaus für eine große Karriere gehandelt haben. Nach der Weltmeisterschaft wird Zidane mit dem Fußball aufhören, und es ist gut möglich, dass die WM für die Franzosen bereits nach der Vorrunde beendet ist.

Fünf Minuten vor dem Abpfiff hatte sich entschieden, dass Zidane am Freitag, an seinem 34. Geburtstag, gegen Togo nicht wird mitspielen dürfen. Nach einem Schubser an seinem Gegenspieler sah er die Gelbe Karte, seine zweite, weshalb er nun im abschließenden Gruppenspiel gesperrt ist. Es war nicht ganz klar, ob sich Zidane der historischen Dimension gleich bewusst war. Als er den Platz verließ, blickte er an Domenech vorbei, anschließend zog er sich sein Schweißband vom Arm und feuerte es auf die Ersatzbank.

Domenech wurde gefragt, ob er daran gedacht habe, dass Zidane vielleicht das letzte Spiel seiner Karriere bestritten hat. „Sie sind ein Pessimist“, entgegnete er. „Ich aber bin Optimist.“ Optimistisch betrachtet müssen die Franzosen gegen Togo nur 2:0 gewinnen, um das Achtelfinale zu erreichen, weil sich ihre Konkurrenten Südkorea und Schweiz im direkten Duell die Punkte wegnehmen. Pessimistisch gesehen müssten sie dazu doppelt so viele Tore schießen wie in ihren letzten fünf WM-Spielen zusammen.

Die Franzosen waren einmal der Inbegriff des schönen Spiels. Keine europäische Mannschaft seit den Holländern 1974 hat die Fantasie des Publikums so sehr angeregt wie das Frankreich Zinedine Zidanes. Inzwischen aber besitzt die Equipe tricolore nur noch ein gewisses Geschick darin, ihren Gegnern das Leben schwer zu machen. „Unsere Taktik war sehr gut, um das Spiel der Koreaner zu unterbinden“, sagte Domenech, als sei er darauf besonders stolz. In den vier Spielen zuvor hatten die Franzosen kein Tor mehr aus dem Spiel heraus hinnehmen müssen, doch dann erzielte Ji Sung Park den Ausgleich für die biederen Koreaner. „Eine Mischung aus Müdigkeit und der Angst, ein Tor zu kassieren“ erkannte Verteidiger Lilian Thuram in der Schlussphase. Marcel Desailly, Weltmeister von 1998, beklagte die physischen Schwächen, die von den Koreanern aufgedeckt worden waren.

Domenech wurde gefragt, ob er die falsche Taktik gewählt habe. „Nächste Frage“, sagte er. Die Entscheidung, nach dem 1:1 keinen Offensivspieler mehr einzuwechseln, verteidigte er damit, dass er die Mannschaft nicht habe destabilisieren wollen. „Ich kann rechnen“, sagte er. „Eins plus eins ergibt zwei – und die Möglichkeit, noch auf fünf Punkte zu kommen.“ Domenech ist ein Erbsenzähler, der mit seiner Übervorsicht das Erbe des Zinedine Zidane verrät. Zidanes Spiel war stets frei von Kalkül; er hat immer auch das Unmögliche gedacht – und gewagt.

Wagemut zählt nicht zu den Eigenschaften der Equipe tricolore 2006, obwohl Zidane immer noch Teil von ihr ist. Doch der alte Mann besitzt nicht mehr die Kraft, sich dem Sicherheitsdenken des Trainers zu widersetzen. „Wir haben ihn nicht das Spiel spielen lassen, das er liebt“, sagte Ki-Hyeon Seol. Am Ende wurde Zidane sogar gedemütigt, als ihm Young-Pyo Lee den Ball durch die Beine schob.

„Natürlich ziehen wir es vor, mit Zidane zu spielen“, sagte Thuram. „Aber es wird auch ohne ihn kein Problem geben. Hoffe ich.“ Das große Problem des Teams hat auch Zidane nicht behoben: den Mangel an Dynamik. Richtig deutlich wurde dieses Defizit, als Domenech den 23 Jahre alten Frank Ribéry einwechselte, der ein ganz anderes Tempo ins Spiel brachte – ohne großen Ertrag allerdings, weil Ribéry meist mit dem Ball am Fuß durchs Mittelfeld spurtete. Zidane, der nie besonders schnell war, hat es immer verstanden, das Spiel mit seinen Pässen zu beschleunigen. Von dieser Fähigkeit ist wenig geblieben. Dass Frankreichs einziger Stürmer Thierry Henry sich die Bälle teilweise jenseits der Mittellinie beschaffte, ist durchaus als Misstrauensvotum zu werten. Es ist eine bittere Ironie, dass Zidane gegen die Schweiz seine erste Gelbe Karte sah, weil er das Spiel schnell machen wollte. Er hatte einen Freistoß ausgeführt, bevor der Ball freigegeben war.

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