Sport : Champion aus dem Nichts

Karin Sturm

Sao Paulo - So richtig hatte ihn eigentlich keiner mehr auf der Rechnung gehabt – aber nicht nur deswegen gab es wohl kaum jemanden im Fahrerlager, der sich nicht mit Kimi Räikkönen über seinen ersten WM-Titel freute. Denn in dieser von so vielen Negativ-Schlagzeilen begleiteten Saison war der Finne derjenige, der sich aus allem heraushielt. Während andere diskutierten, stritten und intrigierten, blieb der schweigsame Räikkönen cool. Darüber, dass Lewis Hamilton ihn im Qualifying blockiert hatte, ärgerte er sich zwar und sagte seinem Kontrahenten auch die Meinung, öffentlich spielte er das ganze aber herunter. Auch darüber, dass sein Team Ferrari in diesem Fall mit einem Verzicht auf einen Protest den Eindruck erweckte, man würde nicht alles daran setzen, ihm die besten Möglichkeiten im Titelkampf zu schaffen, beschwerte er sich nicht öffentlich.

Räikkönen konzentrierte sich aufs Fahren. Dass er das so schnell wie kaum jemand sonst kann, erkannte Peter Sauber als einer der ersten. Der Schweizer holte den damals unbekannten Räikkönen (Räikkönen über Räikkönen: „Ich hatte nichts und kam aus dem Nichts.“) 2001 gegen den Rat vieler Experten in sein Formel-1-Team. Als „Kindergärtner“ musste er sich deswegen belächeln lassen. Doch Räikkönen zeigte sein Talent schnell und wechselte bald zum Spitzenteam McLaren-Mercedes.

Fünf Jahre lang fuhr er im Rennstall von Ron Dennis vergeblich dem Titel hinterher und scheiterte zweimal kurz vorm Ziel wegen seines unzuverlässigen Autos. In diesem Jahr versuchte er schließlich bei Ferrari als Nachfolger von Michael Schumacher sein Glück. Doch nach einem Sieg zum Saisonauftakt sah es so aus, als würde er auch bei den Italienern wieder scheitern. Wieder hatte er mit technischen Problemen zu kämpfen und fand sich zeitweise 26 WM-Punkte hinter der Spitze wieder. „Auch dieses Jahr sah es lange nicht gut aus, aber ich habe auch in schwierigen Situationen daran geglaubt“, sagte der 28-Jährige nach seinem Triumph von Sao Paulo.

Mit sechs Siegen und sechs schnellsten Runden in dieser Saison ist Räikkönen zweifelsohne ein verdienter Weltmeister. Dass er mit seinem Erfolg so nebenbei seinem früheren Arbeitgeber eine bittere Niederlage zufügte, ist ein Aspekt, den Beobachter und Kommentatoren ganz gerne erwähnen. Dass ihm das noch zusätzliche Genugtuung bereitet haben könnte, würde Kimi Räikkönen freilich garantiert nie sagen – selbst wenn auch ihm, dem Unpolitischen, dieser Gedanke wohl schon gekommen ist. Eine zarte Andeutung ließ er in Sao Paulo immerhin hören: „Dieses Jahr hat mir viel mehr Spaß gemacht als die Jahre davor.“ Karin Sturm

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