Update

Champion für die Ewigkeit : Joe Frazier an Krebs gestorben

Er schickte Muhammad Ali als Erster auf die Bretter und wurde zur Legende des Boxens. Er brachte das Leder zum Rauchen und wurde zu "Smokin’ Joe". Nun ist der ehemalige Box-Weltmeister Joe Frazier tot.

von
8.11.2011: Der ehemalige Schwergewichts-Weltmeister Joe Frazier erliegt seinem Krebsleiden. Nur einen Monat nach der Diagnose Leberkrebs stirbt er in einem Hospiz in Philadelphia.Weitere Bilder anzeigen
Foto: AFP
08.11.2011 08:278.11.2011: Der ehemalige Schwergewichts-Weltmeister Joe Frazier erliegt seinem Krebsleiden. Nur einen Monat nach der Diagnose...

Joe Frazier, mein Gott. Gäbe es Ali nicht, er wäre der Größte. Nur über Frazier ist Ali das geworden, was er wurde – „The Greatest“. Joe Frazier darf sich rühmen, gegen Ali dreimal geboxt und damit die populärste und spektakulärste Ära des Boxens überhaupt geprägt zu haben. Frazier war der Erste, der Ali auf die Bretter schickte, und er war der Erste, der Ali im „Fight of the Century“ die erste Niederlage zufügte und damit dessen Mythos zerstörte. Mitten in der Ali-Ära hielt Joe Frazier den wichtigsten aller Titel drei Jahre lang.

Es gibt nur wenige Boxer, die durch ihre Kämpfe zu Legenden werden. Joe Frazier ist so eine. Nun ist er tot. Gestorben an Leberkrebs, fünf Wochen nach der Diagnose. „Die Welt hat einen großen Champion verloren“, lässt der kranke Muhammad Ali ausrichten. „Ich werde mich immer mit Respekt und Bewunderung an Joe erinnern.“

Die Karrieren beider Ausnahmeboxer sind auf wundersame Weise verschlungen. Alis Ruhm ist ohne Frazier undenkbar. Zwei ihrer drei Kämpfe zählen zu den fünf besten Kämpfen aller Zeiten. Sowohl das erste Duell von 1971 als auch das dritte Duell, jenen „Thrilla of Manila“ von 1975, übrigens eine Wortschöpfung Alis, sind Klassiker geworden, die weit über das Boxen hinaus strahlen. „Das waren keine Kämpfe, das waren epochale Ereignisse“, sagt Wilfried Sauerland, der wie Ali und Frazier aufgenommen ist, in der „Boxing Hall of Fame“. Der deutsche Promoter und Manager, der seit der Ali-Frazier-Ära weltweit Kämpfe veranstaltet, erinnert sich: „Wenn ich allein bedenke, wie Millionen Deutsche um vier Uhr morgens aufgestiegen sind, um diese Kämpfe im Fernsehen zu verfolgen, dann berührt mich das bis heute. So wie der Tod von Frazier viele Menschen berühren wird.“

Joe Frazier wächst als jüngstes von 13 Kindern im ländlichen South Carolina auf. Viel haben die Fraziers nicht. Vor allem nicht viel zu verlieren. Als Joe 15 Jahre alt ist, ziehen die Fraziers um nach New York, wenig später weiter nach Philadelphia. Hier beginnt die Boxkarriere des jungen Joe. Der arbeitet als Packer in einem Schlachthaus. Um sich als angehender Boxer in Form zu bringen, schlägt er im Schlachthof immer wieder auf Rinderhälften ein. Hollywood wird diese ausgefallene Übung als eine Sequenz in Sylvester Stallones preisgekröntes Boxer-Epos „Rocky“ einbauen, in dem Frazier eine Gastrolle übernimmt. Beizeiten heiratet er die damals 15-jährige Florence, eine Jugendliebe, mit der er rasch fünf Kinder zeugt. Später wird er insgesamt elf Kinder mit vier Frauen haben.

Seine Zeit als Amateur verläuft überaus erfolgreich. 1964 gewinnt er in Tokio die olympische Goldmedaille. Der „Philly- Guy“ ist gerade 20 und wird Profi. Inzwischen hat ein gewisser Cassius Marcellus Clay Liston geschlagen, ist neuer Weltmeister im Schwergewicht und zum Islam konvertiert. Als Mitglied der Nation of Islam wählt Clay den Namen Muhammad Ali. Weil er sich 1967 weigert, in den Vietnamkrieg zu ziehen, verliert er den Titel. Ali wird zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, bleibt gegen Kaution auf freien Fuß.

Frazier eilt zur gleichen Zeit zu 18 weiteren Siegen. Eddie Futch ist mittlerweile Fraziers Trainer. Im März 1968 gewinnt Frazier den Titel der New York State Athletic Commission, aus der der spätere Weltverband WBC hervorgeht. Damit ist er der erste Boxer, der als Amateur olympisches Gold und anschließend als Profi den Titel im Schwergewicht gewonnen hat.

Doch sein Ruhm ist nicht unumstritten. Die WBA, der Konkurrenzverband des WBC, hatte ebenfalls einen Titel vergeben, an Jimmy Ellis, einen früheren Sparringspartner Alis. Im Februar 1970 kommt es zur Titelvereinigung. Frazier knockt Ellis aus. Da auch Ali wieder boxen darf, läuft alles auf das ultimative Duell hinaus: Frazier vs. Ali.

„I want Fraizaaah!“, schreit Ali aus seinem Exil in Florida, wie sich Hartmut Scherzer im Magazin „Boxsport“ erinnert. Scherzer sitzt am Ring des New Yorker Garden an jenem 8. März 1971. Das Interesse sprengt alle Dimensionen. Der Hollywood-Star Burt Lancaster verdingt sich als Fernsehkommentator für die Übertragung des Kampfes in 370 Kinos und Hallen in Nordamerika. Frank Sinatra fotografiert für das Wochenmagazin „Life“.
„Es sind heute Abend alle da“, verkündet der Ansager im Ring. „Ich begrüße daher lediglich die Apollo-14-Astronauten.“ Shepard, Roosa und Mitchell sind gerade vom Mond zurückgekehrt. Nun blicken sie wie die anderen 20 000 Zuschauer im ausverkauften Garden in den Ring, der zur Weltbühne wird. Gegeben wird: Ali – Frazier, zwei unbesiegte, charismatische Champions, das erste Duell der Trilogie.

Beide Boxer mögen sich nicht, haben sich im Vorfeld hinlänglich ihrer gegenseitigen Abneigung versichert. Hier Frazier, den Ali als „Uncle Tom“, als „Gorilla“, ja als „Champion des weißen Mannes“ verspottet. Und da der unpatriotische Ali, die große schwarze Hoffnung, das Großmaul. Aus Verachtung spricht ihn Frazier beharrlich mit seinem Geburtsnamen Cassius Clay an und nennt ihn einen Clown. Erst zwei Jahrzehnte später werden beide ihren Frieden miteinander finden. Erst dann wird Frazier sich nicht mehr lustig machen über Alis Parkinson-Krankheit wie er es noch 1996 tat, als Ali mit zittriger Hand das Olympische Feuer entzündete. Frazier wird später also sagen: „Ich habe keine bitteren Gefühle mehr für Ali.“

Selbst Willy Brandt lässt sich an jenem Märztag 1971 morgens um 4.30 Uhr wecken, um den Kampf im Fernsehen zu verfolgen. Der Bundeskanzler wird sehen, wie Ali Fraziers Kampf kämpft, weil er der Welt beweisen will, dass er sich mit der Kampfmaschine prügeln kann. Frazier hat boxerische Defizite, ist nicht so elegant wie Ali. Aber durch seinen Kampfgeist kann er das wettmachen. Wenn er einmal ins Rollen kommt, gibt es kaum einen Gegner, der ihn aufhalten kann. Daher rührt sein Kampfname „Smokin’ Joe“, den ihm einst sein Amateurtrainer Durham verliehen hat. „Lass uns sehen, wie das Leder raucht, Joe!“

Und nun keilt sich Ali, der Butterfly, mit dem draufgängerischen Stier Frazier. Das kann nicht gut gehen. In der elften Runde fällt Ali nach einem linken Haken um. Ali kann sich noch mal berappeln, verliert den 15-Runden-Kampf aber klar nach Punkten. Es ist Alis erste Niederlage überhaupt; Frazier, dessen unermüdliche, stets nach vorn gerichtete Kampfweise belohnt wird, ist am Ziel seiner Träume.

Budd Schulberg, Autor des Buches „Schmutziger Lorbeer“, wird hinterher ausdrücken, was viele in den Stunden danach denken. „Ein Sieg Clays hätte viele junge Männer noch mehr darin bestärkt, den Wehrdienst zu verweigern. Seine Niederlage ist eine Genugtuung für das Bürgertum und die Weißen.“

Das zweite Duell im Januar 1974 wird die Erwartungen nicht erfüllen. Dieses Mal geht es nicht um den WM-Titel. Den hat Frazier im Januar 1973 an den aufstrebenden Star George Foreman verloren. Ali gewinnt den zweiten Kampf gegen Frazier nach Punkten und holt sich im Herbst desselben Jahres in Kinshasa (damals Zaire) im berühmten „Rumble in the Jungle“ den Titel von Foreman zurück. Frazier erkämpft sich mit zwei weiteren Siegen das Anrecht darauf, den Weltmeister herauszufordern. Am 1. Oktober 1975 kommt es zum WM-Kampf gegen Ali.

Das dritte Aufeinandertreffen ist für die Experten völlig offen. Und tatsächlich entwickelt sich der „Thriller von Manila“, wie der Kampf angekündigt wird, zu einem der mitreißendsten Kämpfe der Boxgeschichte. Das mit fast 30 000 Zuschauern vollbesetzte Philippine Coliseum gleicht einem Treibhaus. Und das, was sich in den kommenden 14 Runden abspielen soll, wird man hinterher als „epische Schlacht“ bezeichnen („Sports Illustrated“).
Beide liefern sich wie zwei Gladiatoren einen Boxkampf im Angesicht des Todes. Joe Frazier, dessen Augen zugeschwollen sind, darf zur 15. und letzten Runde nicht mehr antreten. Sein Trainer Eddie Futch beendet den Kampf.

Frazier protestiert in der Ringecke heftig. Mit geschwollener Zunge sagt er: „Nein, Eddie, das kannst du mir nicht antun.“ Futch antwortet: „Setz dich, mein Sohn. Du hast die beiden letzten Runden nichts mehr gesehen. Warum glaubst du, in der 15. Runde sehen zu können? Es ist vorbei. Niemand wird jemals vergessen, was du heute geleistet hast.“

„Der nächste Schlag hätte tödlich sein können“, erzählt Futch hinterher der Weltpresse. Auch Ali ist am Ende seiner Kräfte, noch im Ring bricht er zusammen. Später erzählt er, dass er den Kampf durchlitten hat, „wie das, was dem Sterben am nächsten kommt“. Völlig untypisch für ihn, verzichtet Ali auf große Siegergesten und sagt bloß: „Wir kamen nach Manila als Champions. Wir gingen als alte Männer.“

Ein Jahr später kassiert Frazier gegen Foreman erneut eine schwere K.-o.-Niederlage. Er tritt zurück. Das hält fünfeinhalb Jahre. Im Dezember 1981 klettert er als 37-Jähriger noch mal in den Ring, dann ist endgültig Schluss. Exakt eine Woche später wird auch die Karriere von Ali enden. Der inzwischen 39 Jahre alte Ali, längst von Parkinson gezeichnet, darf in den USA längst nicht mehr boxen. In Nassau/Bahamas unterliegt er Trevor Berbick.

Nach seiner Karriere betreibt Joe Frazier in Philadelphia viele Jahre lang das „Joes Smokin’ Gym“. Der ehemalige Weltmeister will die Kids von der Straße wegbekommen. Inzwischen ist das Gym dicht. Zwischendurch probiert sich Frazier als Showmaster, Sänger und Conferencier – mit überschaubarem Erfolg.

Nun ist es ganz still geworden um Joe Frazier, den größten Fighter, den die Welt gesehen hat. Sein letzter Gegner war unsichtbar. Ein ungleicher Kampf, wie ihn Millionen Menschen führen und zu oft verlieren. In der Nacht zum Dienstag ist Joseph William Frazier in Philadelphia gestorben. Er wurde 67 Jahre alt.

Autor

8 Kommentare

Neuester Kommentar