Sport : Champion, Muslim, Patriot

Hartmut Scherzer

Der Champion ist ein Muslim. Nach dem überraschenden K.-o.-Sieg über Lennox Lewis vor sieben Monaten in Südafrika brach Hasim Rahman sogar zur Hadsch nach Mekka auf. Das Boxtraining wird zeitlich so gelegt, dass er fünfmal am Tag beten kann, erstmals um 5.30 Uhr. Zwar spürt der schwarze Boxer aus Baltimore keinerlei Ressentiments gegen seine Person. Seine Religion aber ist nicht gerade hilfreich, den neuen Weltmeister im Schwergewicht in der seit den Terroranschlägen am 11. September veränderten Welt zum american hero zu machen.

Der ohnehin selbst in den USA weitgehend anonyme Meister aller Klassen gibt sich als partriotischer Amerikaner, hat das Sternenbanner zum Muster seines Kopftuches gewählt und eine halbe Million Dollar für Hilfsaktionen in New York gespendet. Dennoch: Auf jedem Pressetermin muss der Zufallschampion die Lehren seiner Religion verteidigen. "Die amerikanische Öffentlichkeit ist intelligent genug, den Unterschied zwischen Terrorismus und Islam zu kennen." In seinem kalifornischen Trainingscamp Bear City gab sich Rahman allerdings besorgt über "die Welle des Hasses gegen Muslime und arabische Amerikaner" in den USA. "Amerika rückt im Kampf gegen den Terrorismus zusammen. Da sind Hass und Ignoranz keine Lösung für Probleme", mahnt der Boxer wie ein Politiker. "Es gibt böse Menschen in jeder Religion."

Mit einem guten Kampf in der Revanche gegen Lennox Lewis an diesem Samstag im Mandalay Bay Hotel und Casino von Las Vegas hofft er, "einen kleinen Beitrag" bei der Rückkehr zur Normalität zu leisten. Als krasser 20:1-Außenseiter hatte Hasim Rahman am 22. April in Carnival City bei Johannesburgs einen überheblichen und schlecht vorbereiteten Lewis in der fünften Runde k. o. geschlagen. Der "Lotterieschlag", wie der entthronte Champion den Zufallstreffer an sein Kinn nannte, machte Rahman zu einem reichen Mann. Die Pay-TV-Giganten HBO und Showtime buhlten mit zweistelligen Millionensummen um den neuen Weltmeister der Verbände WBC und IBF. Der mächtige Promoter Don King köderte den unentschlossenen, bis dahin weitgehend ungebundenen Gelegenheitsboxer mit fünf Millionen Dollar nur für eine Unterschrift.

Ein Bundesrichter in New York ordnete nach einer Klage von Lewis die sofortige Revanche an. Der mittlerweile 36-jährige Brite konnte einen rechtsgültigen Vertrag vorlegen, in dem sich Rahman im Siegesfall zum Rückkampf innerhalb von 150 Tagen verpflichtet hatte. Beide Boxer erhalten je zehn Millionen Dollar. Als Champion ist Rahman darüber hinaus ab einer bestimmten Summe prozentual an den Einnahmen aus den Buchungen im Pay-TV beteiligt. Nicht schlecht für einen Mann, der vor kurzem seine fünfköpfige Familie noch weitgehend mit einem Versandhandel von Häftlingskleidung und als Kindergärtner in der Tagesstätte seiner Frau ernährte; der sich als Jugendlicher in Gangs in den Straßen Baltimores geprügelt hatte, auch mal mit Drogen dealte, auf den einmal fünf Schüsse abgefeuert wurden und der bei einem Zusammenstoß mit einem Lkw schwere Kopfverletzungen erlitt. Rahman zeigt auf seine Narben: "Meine rechte Gesichtshälfte musste mit 560 Stichen wieder zusammengeflickt werden."

Der Zusammenstoß mit einem Lkw brachte Hasim Rahman zur Besinnung und zum Boxen. Er ging zur Schule, schaffte den High-School-Abschluss und lernte - mit 20 Jahren! - boxen. "Wenn ich es mit einem Truck aufnehmen konnte, wie viel konnte mir da noch ein Mann anhaben?" Zwei konnten es: Der Polynesier David Tua und der Russe Oleg Maskajew schlugen ihn k.o. und stoppten seinen Aufstieg. "Aber in Amerika ist alles möglich. Ich bin der beste Beweis", schwärmt Rahman. Beim Medien-Tamtam lieferten sich der 29-jährige Rahman (35 Siege, 2 Niederlagen) und der sieben Jahre ältere Lewis (38 Siege, 2 Niederlagen, 1 Unentschieden) wie zum Vorgeschmack eine Rauferei. Der Auslöser: Der Amerikaner hatte den Briten als "gay" (schwul) bezeichnet. "Ich liebe Lewis", spottet Rahman. "Er hat mich schließlich reich gemacht."

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