Champions League : Bayern München: Glaube ersetzt Taktik

Beim 4:2-Drama im Achtelfinalrückspiel gegen Juventus Turin macht Bayern München strategische und spielerische Mängel durch Mentalität wett.

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Jubelbayern. Vorstandschef Rummenigge hofft, dass der dramatische Sieg seine Mannschaft für noch größere Aufgaben zusammenschweißt.
Jubelbayern. Vorstandschef Rummenigge hofft, dass der dramatische Sieg seine Mannschaft für noch größere Aufgaben...Foto: REUTERS

Es klang wie die Nachricht des Abends. „Alles ist gut“, sagte Manuel Neuer, ehe der Torhüter des FC Bayern sich mit einem Nicken verabschiedete. Aber es ging gar nicht um den hart erkämpften Einzug ins Viertelfinale der Champions League, es ging auch nicht um das Spiel gegen Juventus Turin, das die Münchner noch gedreht hatten. Neuer versuchte vielmehr, einen Disput mit Xabi Alonso aus der ersten Halbzeit wegzuwischen, eine der Aufgeregtheiten, die sich rund um das Drama vom Mittwoch ergeben hatten. Sie kamen aber nicht von außen, sondern es waren ganz hausgemachte Befindlichkeiten, die den Eindruck des 4:2-Sieges nach Verlängerung mitprägten.

Die Freude auch bei den Spielern wirkte gedämpft, dabei hätten sie nach diesem „Herzfrequenzspiel“, wie es der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge bezeichnete, ein paar gute Gründe gehabt, Emotionen zu zeigen. Aber es überwog wohl auch die Erkenntnis, dass sie die Wende nicht dank spielerischer Überlegenheit oder gar taktischer Finessen geschafft hatten. Ausschlag gebend waren am Ende etwas Glück und diese, wie Trainer Pep Guardiola feststellte, „wahnsinnige deutsche Mentalität“, die der FC Bayern wie kein anderer deutscher Verein verkörpert.

72 Minuten lang bekam der FC Bayern eine Lehrstunde

Dem Katalanen Guardiola dürfte diese nicht erst seit seiner Beschäftigung in München bekannt sein. Der deutsche Rekordmeister hat in Europa schon länger den Ruf, niemals aufzugeben. Es gab aber eben auch schon ein paar bittere Niederlagen, weil andere das Münchner Modell kopiert hatten. Zuletzt war das 2012 im Finale dahoam der Fall, als der FC Chelsea die schon siegessicheren Bayern noch in die Verlängerung zwang und anschließend im Elfmeterschießen triumphierte. Und auch beim 2:2 in Turin bekamen die Bayern zu spüren, was passiert, wenn man am Ende der Partie die Konzentration verliert. Im Rückspiel drehten die Bayern den Spieß nun um. „Wir haben immer an uns geglaubt, deshalb haben wir das Ding auch gedreht“, sagte der junge Joshua Kimmich, der dies offenbar bereits nach nur achtmonatiger Vereinszugehörigkeit verinnerlicht hat.

Es war kein Zufall, dass Thomas Müller den Treffer zum 2:2 in der letzten Minute der regulären Spielzeit erzielte und seiner Mannschaft damit noch die Verlängerung ermöglichte. Der Oberbayer lebt diese Mentalität schon länger, wahrscheinlich hatte er dies bereits im Nachwuchs getan, aber spätestens als er unter Louis van Gaal seine erste Saison bei den Profis bestritt und dort ein paar Schlüsselerlebnisse auf dem Weg ins Champions-League-Finale hatte. „Man weiß ja, was im Fußball alles passieren kann. Als Offensivspieler suchst du immer nach der einen Aktion. Gott sei Dank kam noch eine“, sagte Müller, der seinen Treffer als „Türöffner“ bezeichnet. Zuvor hatten die Münchner allerdings eine Lehrstunde erhalten und 72 Minuten lang dem Pressing der Turiner nicht viel entgegenzusetzen. „Das sind Spiele, die die Mannschaft zusammenschweißen und die dazu führen können, dass du weit kommst“, sagte Rummenigge.

Richtig überzeugend klang das nicht, wie auch die Spieler in beiden Partien gegen Turin nur phasenweise überzeugt hatten – im Hinspiel lange spielerisch, im Rückspiel vor allem mit ihrem Siegeswillen. Es war lange ein Abend des Haderns, auch abseits des Platzes. Da lieferte den größten Beweis bayerischer Nervosität Matthias Sammer. Der Sportvorstand legte sich mit dem früheren Klub-Präsidenten Uli Hoeneß an und kritisierte dessen jüngste Aussage, Guardiola sei in München angetreten, um das Triple zu gewinnen, als „dummes Zeug“. Es würden dadurch „völlig falsche Prioritäten“ gesetzt werden, fand Sammer. Und rückte damit den Satz, der bei der Laudatio für Jupp Heynckes am vergangenen Sonntag in Mönchengladbach gefallen war, erst richtig in den Fokus.

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