Champions League : Das System Mourinho

Während des Spiels beim FC Chelsea wirkte José Mourinho abgeklärt, doch nach dem Match genoss der siegreiche Inter-Trainer jede Sekunde seines Triumphes über den früheren Verein.

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Na, wie hab' ich das gemacht? José Mourinho triumphiert mit Inter an alter Wirkungsstätte. -Foto: AFP

Die entnervten Fans im Stadion an der Stamford Bridge hatten nur noch eine Botschaft. „Hau ab, Mourinho“, skandierten sie gegen Ende der Champions-League-Partie zwischen dem FC Chelsea und Inter Mailand. Diesen letzten Gefallen wollte José Mourinho, der Trainer von Inter, „seinen Leuten“, wie er die Chelsea-Fans später beschrieb, noch tun. Und so verschwand der Portugiese Sekunden vor Abpfiff in der Kabine. Da stand schon fest, dass er mit Inter durch ein 1:0 in London das Viertelfinale erreicht und Chelsea, seinen früheren Arbeitgeber, aus dem Wettbewerb befördert hatte.

Am Dienstagabend war es wie früher, während seiner dreieinhalb Spielzeiten als blauer Egomane, Chef-Ideologe und Dauer-Provokateur bei Chelsea. Seine Mailänder hatten den Gegner mit der Grazie einer Brontosaurus-Herde überrannt. Unter dem größtmöglichen Einsatz von Kraft kämpften sie sich eine Runde weiter. Und so produzierte das Mourinho-System neben großen Siegen noch größere Sehnsucht nach ein wenig Charme und Leichtigkeit – die der Mann stets lustvoll auf der Nebenbühne bedient.

So wie nach dem Spiel am Dienstag. Lange ließ er die lauernden Fragesteller warten. „Sorry“, war sein erstes Wort. Er machte sich auf dem Podium über schottisches Gebäck her und sagte: „Drei Jahre lang habe ich diese Kekse gegessen.“ Das war mehr als das Kokettieren mit der persönlichen Vergangenheit, das war eine kleine, nette Unverschämtheit. „Taking the biscuit“ (den Keks nehmen) bedeutet in England umgangssprachlich so viel wie „jemanden veräppeln“. Und das tat er dann auch, zumindest ein bisschen. „Das war heute nicht mein Sieg“, sagte Mourinho, um im selben Atemzug seine „perfekte Strategie“ zu loben. „Wir waren von der ersten bis zur letzten Minute das bessere Team.“

Virtuos spielte er mit Worten und Gefühlen („Hier ist mein Zuhause, aber heute war ich der Feind. So ist das Leben“); jeder Satz schien geplant, wie Inters Taktik, die Londoner mit drei nominellen Spitzen und dem kreativen Verbindungsmann Wesley Sneijder tief in der gegnerischen Hälfte zu stellen. Mourinho hatte beim 2:1 im Hinspiel gesehen, dass Chelsea irgendwie noch nach seinen Prinzipien agiert. Er musste quasi gegen sich selbst coachen und war zu der Erkenntnis gekommen, dass Chelsea nur mit Chelsea-Mitteln zu schlagen war.

So ging es hart zur Sache, jederzeit drohte die Entgleisung der Partie, was durchaus gewollt war. Ein 0:0 hätte dem Italienischen Meister gereicht und trotzdem agierte er hart an der Grenze. Samuel Eto’os Treffer zum 1:0 entschied, dass Mourinho im Duell mit sich selbst als Sieger vom Platz gehen würde.

„Die erste Halbzeit war noch okay“, sagte Michael Ballack. Aber nach dem Wechsel erlebte der Deutsche Chelseas „schlechteste zweite Halbzeit in der Champions League überhaupt“. Chelseas gewaltige Frustration führte am Ende zu groben Unbeherrschtheiten. Der von Inters harten Innenverteidigern zerriebene Didier Drogba trat Thiago Motta zornig auf die Achillessehne – und sah Rot.

Der Traum vom Champions-League- Sieg bleibt für Ballack und Chelsea damit ein weiteres Jahr unerfüllt. Aber Chelseas Eigentümer Roman Abramowitsch habe ja mittlerweile gelernt, Geduld zu haben, erklärte Mourinho in Anspielung auf seine eigene Entlassung bei Chelsea. „Er weiß jetzt, wie der Fußball funktioniert und wie schwer es ist, die Champions League zu gewinnen. Als Mann mit Klasse und Fairness wird er das verstehen.“ Dann schielte Mourinho auf den nächsten Keks.

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