Champions League : Die Premier League erobert Europa

Der beispiellose Siegeszug der englischen Mannschaften auf der europäischen Fußballbühne erreicht zum Viertelfinale seinen Höhepunkt: Vier Klubs aus der Premier League stehen in der Runde der letzten acht der Champions League. Das gab es noch nie. Doch warum sind die Engländer so dominierend? Das Geld alleine ist es nicht.

Matthias Bossaller
FC Liverpool
Die Spieler des FC Liverpool feiern den Gewinn der Champions League 2005. -Foto: dpa

Endlich hat England wieder die Dominanz, die es braucht. Schließlich behaupten die Engländer ja immer, dass sie aus dem Mutterland des Fußballs kommen. Da ist es nur recht und billig, eine Vormachtstellung im weltweit beliebtesten Sport einzunehmen. Zwar gibt die Nationalmannschaft regelmäßig dazu Anlass, das Inselvolk in kollektiven Verdruss zu stürzen. Dafür begeistern die Klubteams ihre Fans um so mehr. Seit geraumer Zeit geben die englischen Top-Teams in Europa wieder den Ton an. Und in der laufenden Champions-League-Saison mehr denn je.

Im diesjährigen Viertelfinale der Königsklasse kommt die Hälfte aller Klubs aus England. Das gab es noch nie in der Geschichte der höchsten europäischen Spielklasse. Der FC Liverpool zementierte die kontinentale Vorherrschaft, als er im Achtelfinale Inter Mailand ausschaltete und als letzter der vier englischen Vertreter in die Runde der letzten Acht einzog. Zuvor hatten sich der FC Chelsea, Arsenal London und Manchester United qualifiziert.

Die "Fab Four" von der Insel

Nach diesem Coup tönte Liverpools Trainer Rafael Benitez: "Wir haben bewiesen, dass die Premier League die beste Liga der Welt ist und dass die vier englischen Spitzenklubs möglicherweise auch die besten vier Klubs in Europa sind." In England wird dieses Quartett "Fab Four" (fabelhafte Vier) genannt, weil es seit 1993 die Meisterschaft unter sich ausmacht. Allein die Blackburn Rovers durchbrachen 1995 diese Phalanx ein einziges Mal. Diese Dominanz aus der heimischen Premier League überträgt sich nun auf die Champions League. Die vier englischen Megaklubs haben die Vormachtstellung der Spanier und Italiener endgültig gebrochen. In den letzten drei Jahren waren sie schon nah dran, als im Finale ein Team von der Insel stand, jedoch der FC Barcelona 2006 und der AC Mailand 2007 die Titel gewannen.

Solche Erfolgsgeschichten sind indes nicht neu. Auf der europäischen Fußballbühne gab es schon immer Phasen, die von einer Fußballnation geprägt wurden. Anfang der siebziger Jahre holten Teams aus den Niederlanden (dreimal Ajax Amsterdam, einmal Feyenoord Rotterdam) viermal den damaligen Europapokal der Landesmeister, den Vorläuferwettbewerb der Champions League. Mitte der Siebziger Jahre gelang das dem FC Bayern dreimal hintereinander (1974-1976). Danach brach die Zeit der englischen Vereine an. In acht Jahren gewannen sie den Titel siebenmal, nur unterbrochen vom Sieg des Hamburger SV 1983. Von 1988 bis 1998 stand in neun von zehn Endspielen ein italienischer Klub. Es schlossen sich fünf Jahre an, in denen ein spanischer Klub ins Finale einzog. Die Bundesliga schneidet im Vergleich dagegen schlecht ab. Lediglich Borussia Dortmund (1997) und der FC Bayern München (2001) holten den Pott nach Deutschland.

"Jede Liga hat ihre Zeit"

"Jede Liga hat ihre Zeit", sagt Didi Hamann, der mit dem FC Liverpool 2005 die Champions League gewann. Jetzt scheint die Zeit der englischen Klubs wieder angebrochen. Doch woran liegt dieser beispiellose Siegeszug der Engländer? Die einfachste Antwort heißt: am Geld. "Hier ist das meiste Geld, also sind hier die besten Spieler", lautet die Gleichung von Hamann, seit 1999 in der Premier League und aktuell für Manchester City aktiv. Die englischen Traditionsklubs gehören zu den reichsten der Welt. Die Unternehmensberatung Deloitte erstellt alljährlich die "Football Money League", eine Liste mit den umsatzstärksten Klubs in Europa. Unter den aktuellen Top-Fünf finden sich allein mit Manchester United (Platz zwei), Chelsea London (vier) und Arsenal London (fünf) drei englische Klubs.

Woher kommt das ganze Geld? Da wären zunächst die finanzstarken ausländischen Investoren zu nennen, für die sich die Premier League frühzeitig geöffnet hat. In der Bundesliga verhindert das Vereinsrecht eine solche Übernahme und damit auch das reichhaltige Fremdkapital. Der bekannteste Investor ist der russische Öl-Milliardär Roman Abramowitsch, der laut britischen Medienberichten schon 750 Millionen Euro in den FC Chelsea gepumpt haben soll. Der FC Liverpool wurde von den amerikanischen Unternehmern George Gillet und Tom Hicks für 714 Millionen Euro gekauft. Manchester United ist ebenfalls in ausländischer Hand. Hier stieg der amerikanische Milliardär Malcolm Glaser ein.

Gigantische TV-Deals

Keine andere Sportliga hat so viele TV-Zuschauer und verdient so viel Geld durch gigantische Fernseh-Deals. Seit ihrer Gründung vor 15 Jahren hat die Premier League den asiatischen Markt erschlossen und die jährlichen Einnahmen für den Verkauf der Fernseh- und Medienrechte verzwanzigfacht. Die Mega-Liga nimmt durch die TV-Vermarktung 1,3 Milliarden Euro im Jahr ein. In Deutschland sind es im Vergleich derzeit gerade mal 420 Millionen Euro. Italiens Serie A erlöst 750 Millionen Euro. Die spanischen Top-Klubs FC Barcelona und Real Madrid profitieren von der Einzelvermarktung. Barca erhält im Jahr 144 Millionen Euro, Real sogar 157 Millionen Euro.

"Es liegt am Geld und wenig anderem", bekräftigt Kommentator Rob Hughes die These vom Geld. Er verfolgt für die "International Herald Tribune" den europäischen Fußball. "Die englische Dominanz wird so lange anhalten, wie das Geld fließt", prophezeit er. Weil in England die höchsten Gehälter gezahlt werden, was früher in Italien der Fall war, gehen die besten Spieler dorthin. Der Portugiese Cristiano Ronaldo etwa wurde in der vergangenen Saison zum Spieler des Jahres in der Premier League gewählt. Real Madrid hatte großes Interesse an dem pfeilschnellen Dribbelkünstler. Angeblich soll der spanische Meister bereit gewesen sein, 80 Millionen Euro zu zahlen. Früher hätte diese Art von Werben sicherlich gefruchtet. Doch der portugiesische Nationalspieler unterschrieb einen Vertrag bis 2012 bei ManU und signalisierte damit: Die englische Liga ist attraktiver als die spanische.

Ausländer bringen Engländern Fußball bei

Die Premier League profitiert aber nicht nur von seinen ausländischen Spielern sondern auch von Trainern aus der Fremde. "Die Trainer aus dem Ausland haben in England einen anderen Fußball geschaffen", sagt Jupp Heynckes, der in Spanien und Deutschland arbeitete und präzisiert: "Sie haben den englischen Fußball qualitativ besser gemacht, sie haben den Stil geändert." Das legendäre "Kick And Rush" der Engländer gehört längst der Vergangenheit an.

Der Franzose Arsene Wenger brachte Arsenal London den begeisternden One-Touch-Fußball bei, der Spanier Rafeal Benitez führte Liverpool zum Triumph in der Champions League und der FC Chelsea wurde unter dem Portugiesen José Mourinho zweimal hintereinander englischer Meister. Mourinho, Wenger, Benitez aber auch der Schotte Sir Alex Ferguson (Manchester United) haben ihren Teams eine Spielidee vermittelt. Sie haben aus internationalen Stars und deren verschiedenen Mentalitäten Mannschaften geformt, die auf höchstem Niveau agieren.

Einen wird es auf jeden Fall erwischen

Natürlich hatten und haben diese Köpfe enorme Finanzmittel zur Verfügung. Doch die Bedeutung des Trainers ist nicht hoch genug einzuschätzen, wie etwa Didi Hamann findet. "Geld ist gut und schön, und es ist leichter, wenn du die besten Spieler hast", sagt der ehemalige deutsche Nationalspieler, "aber du brauchst eben den sehr guten Trainer." Die englische Premier League besitzt das meiste Geld, die besten Spieler und Trainer. Die Klubs haben der diesjährige Champions League ihren Stempel aufgedrückt wie noch nie. Der Rest von Fußball-Europa kann aber beruhigt sein. Die Horror-Vision, dass die vier englischen Klubs im Halbfinale unter sich sind, wird nicht eintreffen. Die Auslosung wollte es anders. Der Vorjahres-Finalist FC Liverpool trifft nämlich auf den FC Arsenal. Einen der "Fab Four" wird es auf dem Weg ins Halbfinale auf jeden Fall erwischen.

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