Sport : Champions-League-Finale: Kahn, Cañizares und der unbedingte Wille zum Sieg

Wolfram Eilenberger

Wie allgemein bekannt, zählt Don Javier Marías zu den wenigen Fußballkennern, die auch etwas vom Film verstehen. Seine Äußerungen zum Thema sind deshalb stets so scharfsichtig, dass sie zur Antwort herausfordern. Dies gilt auch für seine spät, aber nicht zu spät geäußerten Gedanken zum Champions-League-Finale von Mailand (FAZ, 2. 6 2001). Don Javiers kurze Spekulation unternimmt es einmal mehr, dem eingetretenen Endergebnis eines großen Finales einen versteckten Sinn und Grund entlocken zu wollen. Seinen feinen Gedankengang, der um den starken Erfolgshunger des Oliver Kahn und die schwache, selbstvergessene Gier des Santiago Cañizares kreist, lässt er in der These enden, dass "es im Fußball eine gewisse poetische oder ästhetische Gerechtigkeit gibt: eine Mannschaft, deren emblematische Figur keine Würde kennt, wird nicht Meister."

So ein Satz ist keine Lappalie. Hinter ihm scheint eine ganze Fußballmetaphysik auf. Don Javiers Reflexion ist im Ansatz katholisch und in ihrer Ausführung typisch spanisch - also aufs Angenehmste irrig. Großer Fußball hat viel, wenn nicht alles mit Würde zu tun. Aber gerade weil dies so ist, hat man damit noch lange nicht - wie Don Javier vorgibt - "begriffen, warum Valencia verloren hat". Die moralische Qualität eines Spielers ist für den Ausgang eines Finales irrelevant. Und das ist gut so: schließlich geht es um Fußball und nicht um das jüngste Gericht - es sei noch so ästhetisch.

Cañizares wird dies leider nie begreifen. Für Oliver Kahn schließlich - bleibt "die Rolle des unterm Handtuch plärrenden Verlierers" unvorstellbar. Allerdings sollte man bei der spezifisch unguten Form des Heldenkultes, der sich hierzulande ausbreitet, genau nachfragen, worin Kahns unbedingter Siegeswille besteht. Das heißt, wonach solch ein Wille eigentlich strebt und was er vernünftig erwarten darf. Worin unterscheidet sich Kahns unbändige, hellhäutige Gefräßigkeit (O-Ton O.K.) von der diagnostiziert unguten, blondierten Gier eines Cañizares? Sicher nicht darin, dass Kahn einmal mehr in die richtige Ecke fiel.

Ich selbst beobachte Cañizares seit langem und spätestens seit dem Jahre 1996 mit großer Sorge. Denn damals las ich, wie er in einem der zahlreichen Kurzprofile auf die Frage, wer sein persönliches Vorbild sei, die Antwort gab: Forrest Gump. Begründung: weil diese Figur beweise, dass man mit einem unbändigen Willen alles erreichen könne. Ein kurzer Blick in Santiagos daumengroße Pupillen verbaute uns schon damals die Aussicht, es könnte sich hierbei um Ironie gehandelt haben. Ich stelle mir ihn vor, Cañizares, wie er jeden Morgen beim Aufwachen an das eingängige Grinsen von Tom Hanks erinnert und tiefgläubig danach strebt, ein zweiter Gumpión, ein großer spanischer Held zu werden. Nein, Cañizares hat in diesem Finale keinen Fehler gemacht. Es war Forrest, der ihn betrog, und ihn hat er beweint. Ganz anders der Wirtschaftsstudent Kahn. Bis ins frühe Mannesalter hielt ihn sein Vater in einem hugenottischen Provinznest (Stutensee, Nordbaden) fest, um ihn dann zunächst beim kleinen - in Valencia wohlbekannten - Karlsruher SC in die Welt der Profis zu entlassen. Seit dem Alptraumfinale von Barcelona, so ließ Kahn wissen, sei er jeden Morgen mit dem Gedanken aufgestanden, den Champions-Pokal als Sieger zu halten, und dieser Gedanke sei es auch gewesen, der ihn jeden Abend beim Einschlafen begleitete.

Ein normaler Mensch hätte bei derartiger Ausrichtung gewiss seine Magenschleimhaut sowie zwei Ehefrauen verschlissen. Kahn, der Gefräßige, wurde in dieser Zeit zweimal Meister und nur einmal Vater. Es ist wahr, jede große Mannschaft braucht auf dem Platz ein, zwei solch besessener Asozialer, die in ihrem Selbstbehauptungsdrang auch noch die Minimalanforderungen des spielerischen Miteinander unterlaufen. Einmal von kontemporären Genies wie Raúl oder Rivaldo abgesehen, sind es in der Tat allein diese als Spieler wenig sympathischen Helden, die Finale entscheiden können. Mit Poesie und Würde hat das gerade nichts zu tun.

Kahn hat seine Hoffnungen gewiss nie auf Don Javiers ästhetische Gerechtigkeit gesetzt. Ein Vertrauen auf ein übergeordnetes Prinzip, auf, wie Marías es nennt, "hintergründige ... heimliche Gesetze, die sich gewöhnlich erfüllen", gab es bei ihm deshalb auch nicht zu erschüttern. Solche metaphysischen Konstruktionen unterscheiden sich nur qualitativ von den cineastischen Missverständnissen, die einen Santiago Cañizares vor den Augen der Welt zur Zumutung werden ließen. In einer historischen Überdehnung ließe es sich auch so sagen: in Deutschland hat man vor gut 500 Jahren aufgehört, Gott im Spiel gefallen zu wollen.

Schön ist das nicht. Niemand weiß das besser als Oliver Kahn. Auch deshalb wusste er sehr genau, wo die Grenzen seines Einflusses lagen, als er "großzügig und wohlmeinend auf Cañizares zuging, um ihn zu trösten". Vor allem aber war Kahns Geste die vergebliche Tat eines Torwarts, der schon vor dem Sieg wusste, wie winzig der eigene Spielraum in Momenten wird, die Helden gebären.

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