Sport : Champions League: Gruselige Atmosphäre

Detlef Dresslein

Die Tage werden besinnlich, die Menschen bescheiden. Und ehrlich. Beim einstmals so anspruchsvollen FC Bayern München ist man zurzeit schon mit Kleinigkeiten hochzufrieden. Endlich mal wieder gewonnen, und das sogar ohne Gegentor. Das hätten sie sich auch nicht träumen lassen, so etwas mal als signifikant herausstellen zu müssen. Mit 1:0 besiegte man Olympique Lyon zum Start der Champions-League-Zwischenrunde, das Tor war ein halbes Eigentor, und das Spiel kommentieren diesmal die Beteiligten selbst am besten. Etwa der sonst recht gemäßigte Ottmar Hitzfeld: "Es war ein grausames Spiel." Oder Präsident Franz Beckenbauer: "So was habe ich lange nicht gesehen, es war keine Bewegung im Spiel."

Auch die Spieler flüchteten sich erfrischenderweise nicht in schutzbietende Floskeln. So zum Beispiel Giovane Elber: "So schlecht habe ich den FC Bayern noch nie gesehen". In diesem Sinne äußerten sich viele, entwaffnend ehrlich, weshalb fast nichts mehr hinzuzufügen ist. Was gab es also sonst noch? Zum Beispiel erinnerten sich die Bayern in diesen schlechten Zeiten an bessere Tage. Sie spielten in tomatenroten Trikots, wie weiland in den Siebzigern, als man dreimal hintereinander den Europacup gewann. Das war nicht der einzige Retro-Effekt dieses Abends. Die Münchner probierten nach dem Ausfall von Rechtsverteidiger Willy Sagnol auch taktisch etwas neues altes aus. Ciriaco Sforza spielte Libero, Sammy Kuffour und Thomas Linke besetzten die Planstellen der Manndecker. Erstmals in dieser Saison also ohne die ach so moderne Viererkette. Und prompt ohne Gegentor geblieben.

Spielerisch erinnerten auch Stefan Effenberg und Alexander Zickler an frühere Zeiten. Effenberg riss zumindest in der zweiten Halbzeit das Spiel an sich und konnte sich mit einigen ansehnlichen Pässen hervortun. In der ersten Hälfte dagegen hatte sein Sonderbewacher Marc-Vivien Foé sogar noch Muße, zum gefährlichsten Schützen seiner Mannschaft zu avancieren. Zweimal rettete Oliver Kahn prächtig gegen die Distanzschüsse des Kameruners (29. und 45. Minute). Dann aber, nach der Pause, bereitete Effenberg das Tor des Tages vor. Seine Ecke köpfelte Jens Jeremies aufs Tor, ein Ball, den der gute Lyoner Torwart Gregory Coupet wohl locker entschärft hätte. Doch stand kurz vor der Torlinie noch der Schweizer Patrick Müller, der den Ball unhaltbar ins Tor umlenkte (55.). Auch Kollege Alexander Zickler spielte wie früher, als er noch einen verzichtbaren Zweitnamen hatte: Chancentod. Immer wieder wurde er frei gespielt, immer wieder versagte er kläglich: Zweimal verstolperte er völlig frei vor Coupet (71. und 90.)

Dies Spiel war insgesamt ein trefflicher Beweis für die Pervertierung dieses einstmals schönen kontinentalen Wettbewerbs. 18 000 Zuschauer fröstelten vor sich hin und gaben dem Olympiastadion, das schon mit weniger als 40 000 Besuchern leer und trist wirkt, eine gruselige Atmosphäre. Sogar die Spieler hatten Verständnis für jeden, der sich das nicht antun mag: "Das Wetter, die Jahreszeit, der Gegner ist nicht so attraktiv. Wenn ich Zuschauer wäre, ich würde auch nicht kommen", sagte Stefan Effenberg. Die Fans behalfen sich derweil mit Ironie und forderten: "Wir wollen mehr Zwischenrunden." Ihnen blieb ja neben verkühlten Füßen die gleiche Erkenntnis wie den Spielern: Hauptsache gewonnen.

Ein anderer stand dagegen mit leeren Händen da. Jacques Santini, der Trainer von Olympique Lyon, wusste nicht recht, wie ihm und seiner Mannschaft geschehen war. Gegen Bayern zu verlieren, okay, denn die sind "einer der größten europäischen Klubs". Aber diesen Bayern in dieser Verfassung zu unterliegen, das war dann doch bitter. Santini äußerte sich vorsichtig, sprach von "einer gewissen Ungerechtigkeit was den Ausgang anbetrifft", und dass man die Bayern "über die Außen" hätte packen können. Letztlich blieb ihm nur das bittere wie auch hübsch formulierte Fazit: "Rein mathematisch stehen wir mit leeren Händen da."

Derweil hielt sich auch Kollege Hitzfeld am mathematisch-faktischen fest. Wiewohl auch der Bayern-Trainer einräumen musste, "dass der Druck groß und die Verunsicherung offensichtlich war." Am Ende blieb ihm doch "die wichtige Erkenntnis, dass wir Zu-Null spielen können. Denn so reicht manchmal auch ein erzieltes Tor."

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