Champions League : Hiddink hat ein Herz für Russland

Trainer Guus Hiddink trifft am Dienstag im Halbfinale der Champions League mit Chelsea auf Barcelona, wird aber bald nach Moskau zurückkehren.

Raphael Honigstein[London]
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Spieler sind wichtiger als das System. Hier kümmert sich Trainer Hiddink um Ivanovic (r.) und Anelka.Foto: AFP

Guus Hiddink hatte sich, schlau wie er ist, bis zuletzt ein winziges, rhetorisches Hintertürchen offen gehalten. Als nach dem gewonnenen Pokalhalbfinale gegen den FC Arsenal die Stimmung in West- London euphorisch wurde, rang sich der 62-Jährige zu einem Liebesbekenntnis durch, auf das eine ganze Fußballnation gewartet hat. „Ich bin mit dem ganzen Herzen diesem Team verpflichtet“, sagte der Niederländer in Diensten des FC Chelsea – und meinte die russische Nationalmannschaft. Die Konstellation ist kurios: An der Stamford Bridge arbeitet in Guus Hiddink ein Interimscoach, der sein Soll übererfüllt, aber dennoch nicht bleiben möchte, selbst wenn sich der FC Chelsea im Halbfinale der Champions League gegen den FC Barcelona durchsetzen sollte. Das Hinspiel findet am Dienstag (20.45 Uhr, live bei Premiere) statt.

Anfang Juni will sich Hiddink wieder voll auf Russlands Nationalteam konzentrieren. „Ich stehe dort im Wort“, sagt er. Im Februar hatte der weitgereiste Fußballlehrer den Job bei Chelsea von Luiz Felipe Scolari auf Teilzeitbasis übernommen. Die Blues wirkten damals wie ein Team vor dem unmittelbaren Zusammenbruch. Hiddink sollte allein die Qualifikation für die Champions League retten. Unter dem ersten Trainer, der beim Klub des Oligarchen Roman Abramowitsch nicht zwangsläufig sämtliche Titel sammeln muss, fand Chelsea aber erstaunlich schnell wieder zu sich.

Guus Hiddink redete den Stars ins Gewissen, ließ im Training schnelleres Abspielen im Mittelfeld und energischeres Pressing der Stürmer üben und veränderte sonst – nichts. Der nach den unterschiedlichen Erfahrungen in Vereinen und Verbänden gänzlich von Philosophien befreite Pragmatiker hat erkannt, dass die Londoner keine neuen Ideen brauchten, sondern nur die eine, alte. „Es dauert Jahre, bis ein Verein seinen Stil verändern kann“, hat Michael Ballack schon kritisch bemerkt, als im September 2007 Avram Grant Chelseas egozentrischen Chef-Ideologen José Mourinho mit dem leeren Versprechen vom „attraktiven Fußball“ beerbt hatte. „Die Spieler waren für Guus schon immer wichtiger als das System“, sagt nun Chelseas Chefscout Piet de Visser, unter dem Hiddink einst bei De Graafshap als Kapitän auf dem Platz stand. Hiddink, Sohn eines berühmten Widerstandskämpfers aus dem Städtchen Varsseveld, zieht den Visionen nüchterne Problemlösungen vor: Sein PSV Eindhoven gewann 1988 den Landesmeister-Cup – ganz konservativ mit Libero.

Beim FC Chelsea reüssiert Hiddink bar jeglicher Modernisierungsrhetorik als gelassener Solvenzverwalter. Die alten Strukturen wurden wieder aufgerichtet, der bei Scolari in Ungnade gefallene Stürmer Didier Drogba als absoluter Fixpunkt reinstalliert. „Wir haben die Kraft und die Stärke, um auch Barcelona weh zu tun“, sagt Hiddink. Er habe das Halbfinalmatch bereits „zweimal im Kopf durchgespielt“, dabei sprangen, wie er scherzhaft hinzufügte, zwei Siege für Chelsea heraus. In der Praxis dürfte es nicht ganz so einfach sein, da Ashley Cole fehlt, der einzige Linksverteidiger im Kader, ursprünglich gedacht als Bewacher von Lionel Messi.

Schafft Hiddink gegen „die beste Mannschaft der Welt“, wie er Barca rühmt, erneut den Einzug ins Champions-League- Finale, wird der Erfolgsdruck der etwas anderen Art auf den Verein gewiss zunehmen. „Der goldene Guus“ (Sun) müsse bleiben, fordern Fans und Medien seit Wochen. Läge es nur am Geld, hätte Abramowitsch wenig Probleme, Hiddink zu überzeugen: Als Sponsor der Nationalelf zahlt er indirekt bereits sein Gehalt. Die Hürden für eine Dauerlösung sind eher politischer Natur: Ein Wechsel des in Russland überaus populären Trainers auf die Insel könnte Abramowitsch den Unmut des Kremls einbringen. „Hiddink ist nur eine Lösung auf Zeit“, bestätigte Chelseas Vorstandsvorsitzende Bruce Buck. „Wir versuchen aber alles, den besten Mann für den Verein zu holen.“

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