Champions-League-Kolumne : Real Madrid, deine deutschen Vorfahren

Real Madrid überraschte im Hinspiel des Champions-League-Halbfinals den FC Bayern München mit vermeintlich alten deutschen Tugenden. Dabei haben sich die Spanier in der Vergangenheit des Öfteren in der Bundesliga bedient.

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Weiße Pioniere: Paul Breitner (l.) und Günter Netzer spielten in den 1970ern für Real Madrid.
Weiße Pioniere: Paul Breitner (l.) und Günter Netzer spielten in den 1970ern für Real Madrid.Foto: Imago

Es ging dann auch mal in die andere Richtung. Vor bald vier Jahren, als Raúl Gonzalez Blanco Real Madrid verließ, nach 323 Toren in 741 Spielen, sechs spanischen Meisterschaften und drei Triumphen in der Champions League, die ihn bis heute als Rekordschützen führt. Die letzten fünf seiner 71 Champions-League-Tore hat er allerdings nicht für Real geschossen.

Als Raúl im Sommer 2010 aus Madrid zu Schalke 04 wechselte, hat das unter den spanischen Fußballfans eine seltsame Mischung aus Bewunderung und Irritation provoziert. Irritation, weil da einer ihrer Nationalhelden in eine Stadt wechselte, die ein aufrechter Madridista kaum mit anmutiger Kunst in Verbindung gebracht hätte. Aber auch Bewunderung, weil ja irgendetwas dran sein musste an dieser Liga, wenn einer wie Raúl dort spielen wollte, und dann nicht mal in München oder Dortmund, sondern in Gelsenkirchen.

Am Diensatgabend hat es Real im Halbfinale der Champions League mit dem deutschen Fußball zu tun. Real spielt ein bisschen deutscher als zu Raúls Zeiten und der FC Bayern München sehr viel spanischer (eigentlich: katalanischer). Aber die Rollen sind nach einem knappen und doch höchst eindrucksvollen Hinspiel deutlich verteilt, und das durchaus im traditionellen Sinne.

Die Beziehung zwischen Real Madrid und dem deutschen Fußball war immer eine höchst einseitige. Über Jahrzehnte hat Real bei seinen Erfolgsgeschichten immer wieder auch Interpreten aus der Bundesliga mitschreiben lassen. Das begann bei Günter Netzer, dem Dirigenten der Europameistermannschaft von 1972. Der Exzentriker Netzer stand Real gut zu Gesicht, wie nach der WM 1974 auch Paul Breitner, der schon wegen seiner öffentlich vorgetragenen Sympathie für Mao Zedong weit entfernt vom Mainstream schillerte. Die vermeintlich linke Gesinnung des Weltmeisters vertrug sich nicht ganz mit der Real nachgesagten Nähe zum Generalissimo Francisco Franco. Breitner störte sich nicht weiter daran und pries den Klub-Chef Santiago Bernabeu als einzigen Übermenschen, den er je kennen gelernt habe.

Jupp Heynckes gewann mit Real Madrid 1998 nach 32 Jahren Pause wieder die Champions League

So hat es Jorge Valdano, der argentinische Schöngeist und Weltmeister von 1986, einmal erzählt. Valdano gewann als Spieler mit Real den Uefa-Cup und spielte auch noch ein Jahr gemeinsam mit Uli Stielike, den Real, wie zuvor Netzer, aus Mönchengladbach akquiriert hatte. Bernd Schuster, eine weitere Koryphäe der deutschen Fußballkunst, hat er in Madrid knapp verpasst. Später diente Valdano dem Klub als Sportdirektor und definierte den doch sehr abgehobenen Anspruch, die vier oder fünf besten Fußballer der Welt müssten immer bei Real spielen.

Weil der deutsche Fußball um die Jahrtausendwende nicht gerade höchstes Weltniveau repräsentierte, war auch Reals Interesse an Verstärkung aus der Bundesliga überschaubar. Jupp Heynckes hatte dem Klub 1998 zwar nach 32 Jahren Pause endlich wieder den Gewinn der Champions League bescheren dürfen. Dem Präsidium aber war der Fußball des deutschen Trainers nicht attraktiv genug. Nach dem gewonnenen Finale gegen Juventus Turin stellte es ihm die Kündigung zu. Für Heynckes’ Freund Uli Hoeneß glich Real Madrid um die Jahrtausendwende weniger einem Fußballverein denn einer Zirkusveranstaltung.

Unter Trainer Carlo Ancelotti spielt Real vermeintlich deutsch

Interessant wurde die Bundesliga für Real erst wieder nach den grandiosen Auftritten der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2010 in Südafrika. José Mourinho, der bei der Stilkritik nicht ganz unumstrittene neue Cheftrainer, holte sich für sein Mittelfeld den Bremer Mesut Özil und den Stuttgarter Sami Khedira. Es lag nicht an ihnen, dass Real in der Mourinho-Ära trotz aller Millionen-Investitionen so wenig Glanz versprühte. Mourinho-Fußball ist auf Erfolge angelegt und nicht auf Schönheit. Genau so hat man es früher den Deutschen nachgesagt. Weil sich aber auch die Erfolge in Grenzen hielten, fand das missratene Experiment mit dem portugiesischen Granden nach drei Jahren ein von beiden Seiten erwünschtes Ende.

Mesut Özil spielt mittlerweile in London, Sami Khedira kämpft nach einem Kreuzbandriss um Anschluss. Ganz ohne deutsches Dazutun hat Real sich unter dem neuen Trainer Carlo Ancelotti einen Stil zugelegt, wie ihn die Spanier früher in der Bundesliga verorteten. Kaum zu überwindende Defensive, keine Mittelfeldsperenzchen, gnadenlose Konter. Aber wer hat diesen Stil schon so perfekt vorgeführt wie Real am vergangenen Mittwoch im Hinspiel gegen die Bayern? Da konnten die Münchner noch so stolz auf Ballbesitz und optische Hegemonie verweisen. Die Hoheit über Spielgestaltung und Ergebnis lag über 90 Minuten bei Real Madrid.

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